Es ist soweit. Kater Garfield und Katze Mausi (der Enkel bestand auf diesen Namen)haben einen Termin beim Tierarzt, zur Impfauffrischung.
Während Mausi auf ihren Namen hört und sich in ihre Transportbox stecken lässt, benötigen wir zu dritt 25 Minuten um unseren Garfield, der seinem faulen Namensgeber so gar nicht ähnlich ist, in die Box zu verfrachten.
Zwei umgekippte Vasen, einige Ziehmaschen in Gardine und Tischdecke und ein leidliches Chaos an verschobenen Möbelstücken bleiben zurück.
Während Mausi gelassen bleibt, maunzt Garfield sein Leid in die Welt. Box zu klein, zu hart, falsche Farbe…was weiß ich, was der da jault!
Im Wartezimmer des Tierarztes übernimmt er auch die Unterhaltung. Es scheint ihn nicht die Bohne zu interessieren, dass der Dobermann gegenüber schon reges Interesse an dem tönenden Ding in der Plastikbox zeigt.
Endlich werden wir aufgerufen.
„Wenn der Garfield aus der Box kommt, achte ja drauf, dass die Türen zu sind und versperr ihm den Weg zu allem, das zerbrechen kann,“ murmelt meine Tochter mir mit angespanntem Gesicht zu als wir zum Untersuchungszimmer eilen. Ja, soweit habe ich auch schon geplant.
„Die Dame zuerst,“ wünscht der Arzt und wir öffnen Mausis Box. Zögerlich kommt sie hervor, lässt die kurze Untersuchung über sich ergehen, bekommt den Pieks und nein, das Leckerchen kann der Doc behalten, sie geht lieber in die Box zurück.
Kleine Schweißperlen stehen meiner Tochter auf der Stirn, ich sehe, wie sie sich kurz umschaut…oh weh, was hier alles zerbrechen kann! Ich guckte nur heimlicher als sie. Die Tür ist geschlossen, der Arzt hoffentlich versichert…na, wir auch!
Wir öffnen die Box und gehen davon aus, dass wir Garfield herausziehen müssen, er ist nämlich ein echter Held, besonders beim Arzt!
„Äh, Vorsicht! Wenn der was nicht will, kratzt der wie ein Wilder,“ warnt meine Tochter den Doc.
Kaum ist der Riegel zur Seite geschoben, stubst Garfield die Türe auf, steigt geschmeidig heraus, schmiegt sich maunzend an die Arme des Arztes als wenn er zuvor nie eine Streicheleinheit bekommen hätte und setzt sich brav hin.
Meine Tochter und ich stehen in der Haltung eines Torwarts beim Elfmeterschießen rechts und links vom Untersuchungstisch, mein Enkel steht mit Mausis Box an einer Schmalseite. Wir sehen uns fragend an.
Garfield liegt inzwischen auf dem Rücken, tippt grazil mit der Vorderpfote gegen die Hand des Arztes, wobei er seine Krallen so tief eingezogen hat, dass die höchstens innen am eigenen Knochen kratzen.
Der Arzt erliegt dem Katercharme und krault den weißen Bauch.
„So, nun bekommst du deine Impfen und dann bist du auch schon fertig, du lieber Kerl,“ erklärt er und schaut meine Tochter strafend an….so ein liebes Tier mit solch gehässigen Worten ankündigen!
Ohne mit der Wimper zu zucken lässt Garfield die Nadel in sich stechen, schnurrt nochmals dem Arzt am Arm entlang und stolziert dann in die offen stehende Box.
„Wo ist denn die andere Katze? Diese Wilde, Kratzende,“ grinst der Doc und steckt ein Leckerchen zwischen den Stäben durch.
Meine Tochter antwortet nicht. Mit weit offenen Augen und völlig erstaunt steht sie da, zu keiner Bewegung fähig.
„Unsere Katzen sind erzogen,“ behauptet Junior und entlockt seiner Mutter den ersten, pfeifenden Atemzug nach dieser Show.
An der Anmeldung liegt eine Tüte Bonbons.
„Ohhh, sind die für die Kinder, die hier mitkommen?“ erkundigt sich Junior als wenn er nie etwas Süßes bekäme.
„Nein, die gehört mir, du darfst dir aber was rausnehmen,“ lächelt die nette Dame bei der wir gerade die Behandlung bezahlen. Junior nimmt gleich zwei Bonbons.
„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr,“ tadelt die Mama, während Oma erklärt
„Erzogen sind bei uns nur die Katzen!“
Im Hausflur hebt meine Tochter Garfields Box hoch und schimpft
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so ein scheinheiliger Pharisäer bist! Diesen Schmusekater zu spielen war wirklich das Letzte!“
„Mama, was ist ein scheinheiliger Pharisäer?“
„Das ist jemand, der falsche Tatsachen vorgaukelt, so wie ein kleiner Junge, der so tut als wenn es bei ihm zuhause keine Süßigkeiten gäbe und gleich zwei Bonbons nimmt,“ erklärt sie brummig.
„Mama! Ich bin dann aber ein heiliger Pharisäer, auf der Tüte stand nämlich drauf „Nimm2“!“
