"Seit 26 Jahren arbeite ich in der gleichen Firma. In dieser Zeit bin ich in eine verantwortliche Stellung aufgerückt. Auf Anregung eines Unternehmensberaters gab es vor kurzem eine Umstrukturierung bei uns. Davon war auch mein Arbeitsbereich betroffen. Ein Teil meiner bisherigen Arbeit wurde einer Kollegin übertragen, die ich selbst vor einigen Jahren eingestellt hatte.

    Wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass mir dies soviel ausmachen würde, ich hätte es ihm nicht geglaubt. War ich doch immer davon ausgegangen, dass meine Position bei der Arbeit nicht über mein Selbstbewußtsein entscheiden würde. Und doch nahm mich dieser Beschluß ganz schön mit.

    Es dauerte ein paar Tage, bis es mir gelang, dieser Gefühle Herr zu werden. Ich dachte an das Wort, das umzusetzen ich mir für diesen Monat vorgenommen hatte: "Was ihr von den anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen".

    Was bedeutet das in dieser Situation, fragte ich mich. Ich hätte mir von einem Kollegen in einer solchen Situation vertrauensvolle Zusammenarbeit erwartet. Darauf hatte nun meine Kollegin auch ein Anrecht. Wenn auch immer wieder von Momenten des Zweifels unterbrochen, begann ich mit großer Sorgfalt, ihr das Material für die Übergabe zusammenzustellen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit gab ich ihr Nachrichten per e-Mail weiter und suchte sie, wann immer nötig, in ihrem Büro auf.

    Es dauerte nicht lange, und ich merkte, dass der feine Staub, der sich auf meine Seele gelegt hatte, verschwunden war. Ich war sehr erleichtert, als ich das erste Mal in mir spürte, dass ich ihr innerlich für diese ihre neue Aufgabe den gleichen Erfolg wünschte wie mir selbst."  L.S.