Albert ging mit langsamen, weit ausholenden Schritten den steilen Weg zum Wald hinauf. Es kam ihm manchmal vor wie gestern, dann wieder wie eine Ewigkeit, als Emma, seine Frau, ihn auf diesem Weg begleitete.
Oft hatten sie dort oben auf der Bank gesessen und zusammen geweint. Hier hatten sie zuletzt mit ihrem Sohn, der Schwiegertochter und dem kleinen Julian gesessen und sich die Bäuche gehalten vor Lachen. Das Gesicht des Kindes, das die erste Erdbeere seines Lebens probierte, war zu ulkig gewesen. Das Näschen kraus gezogen, die Mundwinkel nach unten zeigend, es schüttelte sich, sperrte dann aber den Mund auf und wollte mehr von diesem seltsamen, fremden Geschmack. Die nächste Erdbeere bekam das Kind in die Hand. Rot bis zu den Ohren, das weiße Hemdchen völlig besudelt, saß der kleine Julian auf der Decke und entdeckte die Frucht mit all seinen Sinnen.
Dies waren Erinnerungen, die Albert zuließ. Den Moment, in dem die Polizisten den Eltern erklärten, dass den Unfall keiner überlebt hatte, verdrängte er. Emma weinte nicht! Sie wurde zu Stein. Reglos stand sie an der eiligst gekauften Familiengruft. Eine erstarrte, leere Hülle an seiner Seite. Von den ersten Beschwerden bis zu ihrem Tod vergingen nur acht Wochen.
„Stress-Ulcus“ sagte der Arzt, der Pastor nannte es „Gebrochenes Herz“.
Seit dem Tod der Kinder war Albert nicht mehr in der Kirche gewesen. Es war ihm völlig egal, dass die Gemeinde urplötzlich ohne Orgelmusik auskommen musste. Er konnte doch nicht musizieren, während die Kinder und sein Enkel in der dunklen Erde lagen. Außerdem wollte er für diesen Gott, der so hartherzig und ungerecht war, keine Lobpreisungen anstimmen. Der Pastor war traurig, konnte aber mit seinen Argumenten nichts ausrichten.
Als Emma starb, kam es Albert vor, als wolle Gott ihm zeigen, dass es ihm völlig egal sei, ob Albert im Gotteshaus Loblieder anstimmt, ob er ihn beschimpft, ihn grausam und gemein nennt. Er hatte ihm alles gegeben, er konnte ihm alles nehmen.
Trotz erwachte in Albert. Bevor Gott Blitz und Donner schickte, um ihm auch noch das Haus zu nehmen, das er mit Emma gebaut und liebevoll eingerichtet hatte, handelte er selbst. Er verkaufte es an Wolfgang Koch, den jungen Tierarzt, gegen Zahlung einer nicht sonderlichen hohen Rente. Der Arzt war ein rechtschaffender Mensch und fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Albert sah aus, als würde er keine drei Monate mehr leben. Das fand der Arzt ungerecht, er wollte auch nicht, dass jemand behauptete, er habe sich das Haus erschlichen. Auch Koch Senior war der Meinung, ein Haus könne man nur schätzen und lieben, wenn man dafür Opfer bringen musste. Das Haus von Albert war völlig in Ordnung, da fiel selbst die Renovierung weg. Mit dem Besitz als Sicherheit gab die Bank dem Veterinär einen Kredit, dessen Summe er auf das Konto von Albert überweisen ließ.
Albert wollte das nicht, doch als Koch Senior meinte, man könne seinem Sohn wohlmöglich Erbschleicherei nachsagen, gab Albert nach. Nun konnte er wieder nicht mit den Tabletten zu der Bank am Wald gehen, wo er sich Emma immer so nahe fühlte, konnte immer noch nicht zu ihr. Der Gedanke, dass die Kirche etwas von seinem Geld bekäme, verleidete ihm den Frieden, den er endlich finden wollte. Er musste das Geld erst ausgeben und die Kisten mit den persönlichen Dingen der Familie waren auch noch da.
Auf dem Flohmarkt der Caritas stand Albert nun, bot zwischen all dem Krimskrams das edle Porzellan aus Meißen an.
Eine blasse Frau mit dunklen Augen, die so sehr aus diesem Schneegesicht heraus stachen, sah wehmütig auf die Tassen mit den zarten Blüten, strich fast zärtlich über deren Rand.
„Meißen, nicht?“ Ihre Augen sahen forschend zu Albert. Der nickte.
„Was soll es kosten?“ Fast zaghaft kam die Frage, wie es schien aus Angst, die Summe doch nicht aufbringen zu können.
„Fünf Euro!“
„Das hat aber viel mehr Wert! Wenn sie das zu einem Antiquitätenhändler bringen, bekommen sie…“
„Ich will selber entscheiden, wer es bekommt. Es soll sich nicht einer eine goldene Nase damit verdienen, es soll jemand glücklich damit sein. Lieber zerdepper ich es!“
„Um Gottes Willen, nein!“
„Um dessen Willen würde ich gerade das Gegenteil tun, “ schnaubte Albert wütend.
Erschrocken sah ihn die Frau an, öffnete den Mund, verkniff sich aber dann doch die Worte. Sie sah in ihre Börse, holte drei Fünfeuroscheine heraus, legte sie auf Alberts Verkaufstisch und sagte
„Ich hätte dann gern ein Gedeck.“
Albert begann das Porzellan in Zeitungspapier zu wickeln. Die Frau war verwirrt.
„Ich wollte nur eine Tasse, eine Untertasse und einen Kuchenteller. Mehr kann ich mir zurzeit nicht leisten, “ gestand sie etwas zögernd.
„Das ganze Service kostet fünf Euro, “ knurrte Albert und packte weiter ein.
„Das können sie doch nicht machen!“ Fast entsetzt kam der Ausruf der Frau.
„Und ob ich kann! Ich kann den Kram auch immer noch mit Schmackes gegen die Kirchenwand knallen, dann hat er alles!“ Böse krallte sein Blick an der nahen Kirche, die völlig unschuldig da stand und gewiss mit Gleichmut jeden Frevel ertrug. Dicke Tränen kullerten über die Wangen der bleichen Frau.
„Herrje! Was ist denn nun los?“ Albert wusste die Tränenflut nicht zu deuten.
„Sie haben ja gar keine Ahnung, wie viel es mir bedeutet, dieses Service zu haben, “ schluchzte sie und schnäuzte sich umständlich.
„Dann passt es ja, mir bedeutet es nichts! Vielleicht helfen sie mir beim Einpacken, damit der andere Kram endlich auch auf dem Tisch Platz findet, “ brummelte Albert ungeduldig.
Mit immer noch rinnenden Tränen packte die Frau das Service liebevoll in das Papier, legte vorsichtig Teil für Teil in den Karton. Albert stand derweil drei Tische weiter, lieh sich die dort angebotene Schubkarre aus und schob sie neben den nun gefüllten Karton.
„Wenn ihnen der aus der Hand fällt, haben sie auch nichts mehr davon, “ ahnte er und packte weiter Ware aus den anderen Kisten auf den Tisch.
„Die Rosenvase..!“ Wie ein Seufzer quollen die Worte heiser aus dem Mund der Frau, die mit weit aufgerissenen Augen auf die von rosa Röschen umrankte Vase starrte. Sie sah den fragenden Blick Alberts auf sich.
„So eine Vase hatte meine Großmutter auch. Als ich sechs war, durfte ich sie endlich mit einem ganz feinen Pinsel abstauben. Das war mein Liebstes…..,“ erinnerte sie sich.
„Bekommen sie als Zugabe mit, “ blaffte Albert und hielt ihr die Vase hin.
„Das geht nicht! Sie haben mir schon so viel Freude gemacht, ich kann mein Glück noch gar nicht fassen! Wenn ich die Vase jetzt auch noch nehme, ist das ausnutzen. Dann komme ich mir schäbig vor und verliere die Freude an den Sachen, “ erklärte sie.
„An ihrer Einstellung könnte sich manch einer ein Beispiel nehmen, “ grollte Albert und sein Blick schoss wie ein giftiger Pfeil zum Himmel. Traurig registrierte die Frau diesen Blick.
„Was hat er nur mit ihnen gemacht? Sie sind so voller Zorn und Wut…, “ flüsterte sie und strich ihm sanft mit der Hand über die stoppeligen Wangen.
„Werner will die Schubkarre verkaufen, sie müssen sie also schleunigst zurück bringen, “ befahl Albert, den die Berührung sehr verwirrt hatte.
*Dem ist aber lang niemand mehr nahe gewesen* dachte die Frau und etwas in ihrem Inneren zwang sie, seine raue Wange zu küssen.
„Vielen, vielen Dank noch einmal, “ lächelte sie und schob glücklich mit der Schubkarre los.
Ein ebensolches Etwas zwang Alberts Blick, der Frau zu folgen, nötigte ihn auch, die Rosenvase wieder in den Karton zu legen, bevor sie jemand kaufte. Schnell hatten die Händler, die immer auf Flohmärten zu finden sind, spitz bekommen, dass Albert wahre Schätze verkaufte. Als einer versuchte, die Schleuderpreise von Albert noch herunter zu handeln, platzte ihm der Kragen.
„Ich hasse nichts so sehr wie Gier, immer dieses noch mehr wollen. Bevor ich solchen Typen etwas verkaufe, zertrümmer ich es mit dem Fäustel,“ schimpfte er, packte ein und fuhr davon.
*
„Hallo, sind sie Werner? Gehört die Schubkarre ihnen?“ Fragend sah die Frau mit den dunklen Augen den Verkäufer an.
„Ja, die hat Albert sich ausgeliehen. Danke fürs Bringen!“
„Ich habe zu danken für den Verleih. Wissen sie, wo Albert hin ist? Sein Platz ist leer!“
„Der ist schon weg, war genervt von den Händlern, die Privatanbieter übers Ohr hauen wollen. “
„Wissen sie, wo er wohnt? Er hat mir einen Traum erfüllt, mit dem Service, das er mir fast geschenkt hat. Ich möchte ihm wenigstens einen Kuchen backen oder so was in der Richtung, “ erklärte sie.
„Wo er jetzt wohnt, weiß ich gar nicht. Er hat sein Haus dem neuen Tierarzt verkauft. Fragen sie den mal.“
„Sein Haus hat er auch verkauft? Muss er Geld auftreiben? Nein, dann wäre er ja teuer,“ beantwortete sie sich ihre Frage schon selbst.
„Er hat erst Kinder und Enkel durch einen Unfall verloren, dann starb auch noch seine Frau. Früher hat er in der Kirche Orgel gespielt, heute hasst er Gott, der ihm das nahm, was er liebte. Er will nun alles los werden und dann befürchte ich…..,“ der Mann sprach es nicht aus.
„Aber sowas kann man doch nicht zulassen!“ Die Frau war empört.
„Soll ich ihn einsperren lassen? In den Knast oder eine Anstalt? Irgendwie kann ich ihn verstehen. Er hat immer rangeklotzt, um früh in Pension zu gehen, kaum war er drin, begann das Unheil. Für was sollte er leben wollen? Sind ja alle tot!“
„Ja, für was auch, “ flüsterte sie und verschwand mit wehmütigem Lächeln. Der Tierarzt in dem Haus mit dem wunderschönen Garten wusste auch nicht, wo Albert nun genau wohnte. Er habe eine Blockhütte im Wald gemietet und sei oft oben am Waldrand des Berges zu finden, da auf der kleinen Bank neben der uralten Eiche.
Sie hatte Glück. Vom Speicher des Hauses, in dem sie eine kleine Wohnung hatte, konnte sie bis zu der Bank sehen. Fast täglich saß er dort für eine oder zwei Stunden. Ihr Plan stand fest. Am Wochenende würde sie einen Kuchen backen und den mit zu der Bank nehmen. Die Wiese davor forderte fast schon, ein Picknick auf ihr zu machen.
Am Wochenende saß sie allein auf der Wiese, den Kuchen vor sich, der Kaffe dampfend aus der Thermoskanne im Pappbecher. Schade, gerade heute schien er nicht zu kommen. Er war mit dem Ausverkauf seines Lebens doch nicht fertig und hatte….?
Der Gedanke ließ ihr Herz in doppeltem Tempo schlagen. Sie hätte sich mehr beeilen müssen, gleich beim ersten Mal als sie ihn hier sah, hätte sie zu ihm gehen sollen.
„Warum die Pappe? Haben sie das Service weiter verkauft?“ Plötzlich war er neben ihr.
„Ich hoffe, nie in eine Situation zu kommen, die mich zwingt, das Service zu verkaufen. Ich habe nur Angst, dass es zerbricht!“
„Diese Angst ist es, die uns daran hindert, jeden Tag so zu leben, wie man leben könnte. Wer sagt denn, dass sie nicht morgen tot umfallen und dann haben sie das Service nie benutzt, “ stellte er fest und sah sie fordernd an. Er erwartete wohl, dass sie ihm widersprach, doch seine Worte hatten sie getroffen.
„Ja, warum eigentlich sollte man etwas für später oder für gut aufheben? Ist nicht jeder Tag gut, den man erleben darf?“
„Auf einige erlebte Tage hätte ich gern verzichtet, “ erinnerte er sich matt und wirkte gar nicht mehr so, als ob er ein Wortgefecht führen wolle. Wortlos aber lächelnd reichte sie ihm Kaffee und Kuchen, rückte ein Stück zur Seite und sah einladend auf das freie Stück Decke. Lange saßen sie schweigend nebeneinander und füllten sich die Mägen.
„Der Kuchen ist gut! Selbstgebacken, oder?“
Sie nickte und strich sich ein paar Krümel vom Rock. Dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte
„Warum verkaufen sie ihr Leben aus?“
Erst sah es so aus, als wolle er darauf nicht antworten doch dann sah sie, dass er überlegte.
„Früher hatten wir viel Besuch. Meine Frau kaufte gern schönes Porzellan, allen Tand zum Repräsentieren, gestickte Tischtücher, seidene Sofakissen, Brokatvorhänge. Ich wollte immer raus in die Welt, etwas erleben, sehen, wie es in anderen Ländern ist. Ich wollte die Welt sehen, nun habe ich meine Welt, oder was davon für mich wichtig ist, gefunden und will den Rest nicht mehr entdecken. Da wo ich sein will, brauche ich keine Gegenstände, die Wohlstand beweisen. Ich will dort auch niemanden haben, der auf Wohlstand aus ist. Vielleicht ist das die berühmte Altersweisheit, zu erkennen, wie wenig ausreicht, um glücklich zu sein.“
„Sie verkaufen alles für ihr Glück? Das verstehe ich nicht!“
Er lachte. „Sie sind zu jung! Vielleicht werden sie nie klug, vielleicht finden auch sie irgendwann einen Ort, wo sie spüren, dass sie sich selbst gefunden haben, dort alles haben, was sie jemals brauchen werden, wollen mit all dem Ballast, den man sich so anschaffte, nichts mehr zu tun haben, werden einfach nur frei sein und leben.“
„Dann haben sie ihren Frieden mit sich gefunden, nun müssen sie noch den mit Gott finden, “ sagte sie mehr zu sich selbst.
„Den habe ich auch gefunden. Der wohnt nämlich viel eher in meiner Waldhütte als in der protzigen Kirche. Warum man die Leute ausbeutet, um solche Paläste zu erbauen, wo er doch für seinen eigenen Sohn einen Stall wählte, werde ich nie verstehen. Das ist eher der Wille einiger Menschen, die meinen, repräsentieren zu müssen.“
Ihr Blick fiel auf eine Krippe am Waldrand, die gerade von Sonnenstrahlen erhellt wurde, die schräg durch die Bäume schienen. Das Heu darin schimmerte wie Gold und das alte, silbrig wirkende Holz sah wie eine warme, schützende Hand aus.
Sie zeigte auf die Krippe und fragte
„Ob Gott das auch so gesehen hatte und seinen Sohn deshalb in diese warme, beruhigende Hand legte?“
Der Mann lächelte und sagte
„Willkommen in meiner Kirche!“
