Alitalia Flug Nr. 834München, Rom, Athen
In München schneit es, es ist der vierundzwanzigste November, morgens gegen neun Uhr.Wir sind am Schalter von Alitalia, checken ein. Mein Freund Georg, Grieche und Inhaber eines kleinen Reisebüros besorgte günstige Tickets für fünf Tage Griechenland.
Georgiou wird in Athen seine Prospekte für die kommende Saison, zum halben Preis wie in Deutschland drucken lassen. Es sind einige Tausender, die er sparen wird. Mit zu uns gehörend, ein junger Bauunternehmer, der in Griechenland bessere Chancen zur Umsetzung seine Berufspläne sieht. Er wird in den kommenden Tagen alle Formalitäten zur Gründung einer Aktiengesellschaft tätigen, er setzt alles auf die griechische Karte.
Ich bewundere ihn dafür!Ich selbst freue mich auf die Sonne, die Wärme und auf das Wiedersehen mit meinem Stück Land, das ich vor einigen Jahren erworben habe. Die Maschine hat Verspätung, sie muss enteist werden. Mit einer halben Stunde Verzögerung dann unser Take Off.
Wir verlassen das nasskalte München, fliegen über die Alpen in Richtung Rom. Die Stimmung ist gut, wir freuen uns auf wärmere Gefilde.Das ändert sich schlagartig, als über den Bordlautsprecher bekannt gegeben wird: „Leider müssen wir sie informieren, dass in Fiomicino, in ganz Italien, ein unangemeldeter Streik des Bodenpersonals vorliegt. Wir werden dort landen, alles weiter aber ist ungewiss. Wir werden in Rom weiter unterrichtet werden!“
„Das wussten die doch schon in München“ mein verärgerter Kommentar. „Was schaust du mich an, kann ich was dafür, dass dort gestreikt wird?“ Georg antwortet gereizt.
„Dein Ticket, deine Verantwortung, dein Vorschlag. Wahrscheinlich wusstest du schon lange Bescheid und hast das Ticket zu einem Drittel eingekauft und an uns teuer weiterverkauft, gib es zu, du Schlawiner!“
Ich lache dabei augenzwinkernd unseren Bauunternehmer an, „dann müssen wir ja Nachverhandeln, so geht das nicht!“ Erwidert der. Georg spielt den Eingeschnappten und schweigt.
Wir landen in Rom-Fiomicino. Der erste Weg natürlich zum Schalter der Alitalia. Georg ist Grieche, aber auch muttersprachlich Italiener, da bei den Großeltern in Italien aufgewachsen.Es gibt somit keinerlei Verständigungsprobleme, aber Probleme mit dem Weiterflug. Abflug Rom wäre dreizehn dreißig, Ankunft Athen gegen sechzehn Uhr.Die Auskunft des Schalterpersonals, niederschmetternd. Abflug auf keinen Fall vor achtzehn Uhr, im günstigsten Fall.
Ich unterdrücke einen weiteren bissigen Kommentar zum „Billigticket“ und schlage vor den Nachmittag in Rom bei einem guten Essen zu verbringen, ärgern können wir uns später immer noch.Wir tauschen dreihundert Mark in italienische Lira und winken dem Taxifahrer. Seine Empfehlung ein Restaurant in Fiomicino am Meer.
Das Restaurant ist ein Erlebnis, die Antipasti füllen einen Raum mit dreißig Quadratmeter Grundfläche, unseren Gaumen und Magen, der Frascati, gut gekühlt lässt unseren Ärger in den Hintergrund treten, wir erleben und genießen einen kulinarischen Nachmittag und drei Flaschen vom besten Wein
.Angeheitert und bester Laune unsere Rückkehr zum Flughafen. Der Vorrat an Lira ist aufgebraucht, es ist zwischenzeitlich dreiundzwanzig Uhr im Flughafen. Der Hunger ist längst zurück, die gute Stimmung des Nachmittags nicht!
Keine Hoffnung machende Nachricht am Schalter, keine Anzeigentafel die unseren Weiterflug in dieser Nacht ankündigen würde. „Cancelt“, ein hässliches Wort! Eist bereits ein Uhr morgens. Über Lautsprecher werden wir elektrisiert.
Schlaftrunkenheit, schmerzende Glieder von den Bänken im Flughafen. Unser Flug, 834 er steht groß und deutlich auf der Anzeigetafel.Ich stolpere los, wische mir mit meinen Händen den Zweistundenschlaf aus dem Gesicht, es geht los.Der Flieger ist voll besetzt, überwiegend Griechen, wie ich dem Stimmengewirr entnehmen kann. Es ist ein MC Donald Douglas, ein DC 9. „Auch das noch!“ Ich fliege in keiner DC xyz mehr, das habe ich mir vor einiger Zeit in Saudi Arabien geschworen und heute, jetzt?“Ich steige ein, was bleibt mir übrig?
Wir haben Sitzplätze nebeneinander, man lässt mich an das Fenster, es ist stockfinster draußen, da spielt Sightseeing keine Rolle.Der Pilot knüppelt die DC 9 über die Startbahn, hinter uns die Triebwerke röhren in Volllast. Das Gerumpel endet, wir gehen steil in den Himmel über Rom. Unter meinen Füßen, höre ich, wie das Fahrwerk für die nächsten eineinhalb Stunden in den großen Schächten einrastet.
„Nein, danke, kein Kaffee, einen Scotch, geht das?“ Es geht und die Stewardess bringt mir einen Schluck, goldfarbenen, rauchigen Whiskey in einem Klarsichtbecher aus Kunststoff. Kein Eis, sie fragt auch nicht, ob ich Eis möchte und ich bin einfach zu faul nachzufragen. Ich kippe den Drink, spüre wie er den Magen erreicht, genieße den Geschmack im Mund, drehe den Kopf zur Seite und versuche meinen unterbrochenen Schlaf fortzusetzen.
Ich kann nicht sagen, wie lange ich geschlafen habe, Tatsache ist, dass der Flieger von harten Stößen geschüttelt wird, über mir blinken die Warnlampen „Fasten Seat Belts“, aus dem Lautsprecher der Captain...will have some trouble in front of us.....please take your.....! Mehr konnte ich nicht verstehen.
Wir schauen uns an, die Hände umklammern die Armlehnen „Muss das auch noch sein?Mein Fensterplatz ist grandios! Taghelle Blitze projizieren die rechte Tragfläche der DC 9 gegen die Nacht. Die Tragfläche fängt die Stöße ab, biegt sich dabei um eineinhalb Meter, am äußeren Ende blinken die Positionslampen wie Irrlichter, Donnerschläge übertönen das Geräusch der Triebwerke.Es ist still geworden im Flieger. Immer wieder zucken diese grässlichen Blitze, begleitet von Wolkenbrüchen im Wechsel mit Schneegestöber, die Welt geht unter.Mein Fensterplatz zwingt mich, dem Tanz zuzusehen. Dem Tanz der einhundertsiebzig Tonnen Aluminium, Triebwerken, Passagieren, Gepäck, auf den unsichtbaren, sich wie wild gebärdenden Turbulenzen.
Längst sind meine Knöchel auf den in die Armlehnen verkrampften Händen weiß, die DC 9 fliegt nicht mehr, nein, sie tanzt. Es ist ein teuflischer Ritt. Harte Stöße in den Rücken! Sekundenlang unerwartete Ruhe, dann, wir fallen, ich wiege nichts mehr, mein Körper zieht an den Gurten in Richtung Decke, unendlich lange. Ein derber, heftiger Aufprall, die Klappen der Gepäckfächer springen auf, Taschen, Tüten, Flaschen, Fotoapparate, alles fliegt kreuz und quer durch die Kabine.
Ein Aufschrei der Passagiere, Frauen beginnen laut zu beten, die italienischen Piloten haben ihre Mikros in die Kabine längst abgeschaltet, sie haben alle Hände voll zu tun.Unter mir sehe ich Lichter, wir sind tief, sehr tief, vielleicht einhundert Meter über den ersten Häusern von Athen.
Erstmalig auf diesem Flug habe ich einen Orientierungspunkt. Draußen tobt der Sturm in gewaltigen Böen, die DC 9 kippt auf die Flügelspitzen, wird von den Piloten wieder zurückgeholt, die Triebwerke laufen mit verminderter Kraft auf Sinkflug.„Diese wahnsinnigen da vorne werden doch nicht versuchen wollen unter solchen Bedingungen zu landen?
Wir werden crashen, soviel ist sicher. Kein Pilot der Welt schafft es, inmitten eines Zyklons die erforderliche stabile Fluglage zur Landung, zu halten!“Aus meinen Handflächen tropft das Wasser auf die umklammerten Armstützen. Ich lehne mich zurück, schließe meine Augen. „Junge, das wird nichts mehr, entweder knallen wir in die Häuser da unten oder es zerlegt uns auf der Landebahn, schließe ab, denke an etwas schönes!“ Eine gewaltige Böe kippt das Flugzeug erneut auf die rechte Flügelspitze. Mit einer leichten Drehung meines Kopfes blicke ich exakt in die Vorgärten und Dachterrassen Athens, von Straßenlaternen schummrig ausgeleuchtet.
Ich bekreuzige mich, schließe meine Augen, ich schaffe es nicht mehr. Der Pilot unverdrossen, stur den Landeanflug fortsetzend, als hätte man ihm einen Chip in das Gehirn operiert hüpfen und tanzen wir mit gedrosseltem Schub unserem Ende entgegen. „Wie lange noch, zwei, drei, vielleicht fünf Minuten maximal, dann ist es aus und vorbei, kein Mensch schafft das!“
Plötzlich, ich glaube zu träumen, die Triebwerke gehen auf Volllast, die Nase der DC 9 hebt sich leicht, der Gong ertönt und der Captain meldet sich aus der Versenkung: „We like to....“, er entschuldigt sich für die “Turbulenzen” und er informiert die Passagiere, dass eine Landung in Athen witterungsbedingt nicht möglich ist. Er wird ausweichen und in Thessaloniki landen.Flugzeit nach Thessaloniki etwa fünfundvierzig Minuten.
Mein Glaube an die Zukunft kehrt zurück, wir lassen Athen und den Zyklon hinter uns, es wird ruhiger im Flieger.Thessaloniki liegt rund fünfhundert Kilometer nordöstlich von Athen. Was machen wir dort?Eine erneute Durchsage von den Piloten! „Alitalia bemüht sich alle Passagiere des Fluges 843 in erstklassigen Hotels in Thessaloniki unterzubringen, wir landen in einer halben Stunde“. Es vergehen wenige Minuten, erneute Durchsage! „Wir bedauern sehr, alle Hotels in Thessaloniki sind leider komplett ausgebucht, es findet dort ein Weltschachkongress statt. Anstelle der Hotelzimmer wird Alitalia Pullmanbusse am Flughafen bereitstellen die sie alle, sofort nach der Landung nach Athen weitertransportieren werden. Wir bedanken uns, dass sie Alitalia ihr Vertrauen geschenkt haben!“
Wir sind im Sinkflug, durchstoßen die Wolkengrenze und was ich sehen kann ist eine griechische, weiße Winterlandschaft. Es liegt Schnee in Thessaloniki, viel Schnee. Die Ereignisse überschlagen sich.Die DC 9 ist dicht über der Landebahn, alles ist weiß, nichts ist geräumt. Ich komme nicht mehr zum Nachdenken, es geht zu schnell. Der nasse Schnee auf der Landebahn wird durch die Räder der Maschine gegen das Aluminium der Passagierkabine geschleudert, das Flugzeug driftet nach links, wird abgefangen, driftet nach rechts und wird erneut vom Piloten auf Spur gebracht, pflügt sich durch etwa fünfzehn Zentimeter hohen Schnee, wir werden tatsächlich langsamer, bleiben auf der Rollbahn, stoppen!Die Lichter in der Maschine gehen an, Menschen umarmen sich, Freudentränen allenthalben. Sie suchen ihr Gepäck auf dem Boden zusammen, drängen zu dem hinteren und vordern Ausgang, laut und hektisch durcheinander redend.
Eine erneute Durchsage aus dem Cockpit! „Bitte bleiben sie auf ihren Plätzen, kein Passagier kann im Moment die Maschine verlassen, die Ausgänge bleiben auf Anweisung vom Tower geschlossen. Der Flug, die Landung von Flug 843 in Thessaloniki war nicht gemeldet, die Zollbeamten müssen verständigt und zum Flughafen beordert werden. Es ist kurz nach drei Uhr morgens, wir sind auf sicherem Boden, aber immer noch Gefangen unseres Albtraums.
Rund eine Stunde dauert es, bis Gangway am Flieger steht, frische, kalte Luft dringt von außen in den Flieger. Die Zollbeamten, verschlafen aus den Betten geholt, kontrollieren jede einzelne Tasche, jede Plastiktüte. Ich halte Ausschau nach den zugesagten Pullmans. Kein Bus, weit und breit. Alitalia und deine Versprechungen.
Wir müssen nach Athen! Taxi? Wir fragen nach den Kosten. Umgerechnet dreihundert D-Mark will er haben, der freundliche Taxifahrer mit seinem zwanzig Jahre alten Opel Rekord, dem der Rost die Seiten zerfressen hat. Hundert für jeden, billiger kommen wir heute nicht mehr nach Athen!
Wir starten und fahren in Richtung der zweitgrößten Stadt Griechenlands. Alle Wegweiser am Flughafen zeigen den Weg nach Athen entgegengesetzt an, raus zur Schnellstrasse. Georg sitzt vorne, ich stupse ihn! „Der fährt falsch, was wollen wir in der Stadt? Von hier aus sind wir in drei Minuten auf der Schnellstraße.“ „Sprich mit ihm, was das soll!“Georg spricht, lange, sie diskutieren, der Inhalt bleibt mir zunächst verschlossen, wir entfernen uns immer mehr von der Schnellstrasse nach Athen.„Er fährt zur Zentrale in Thessaloniki. Dieser Wagen ist nicht geeignet solch eine große Strecke sicher zu bewältigen. Außerdem wird unsere Tour der Chef persönlich fahren in einem anderen, besseren Taxi!“
Ich bin beeindruckt, kostet uns mindestens eine weitere Stunde.Fahrzeug und Fahrerwechsel. Ich gehe um das Taxi herum, gleicher uralt Zustand, glatt abgefahrene Reifen. „Mann, da draußen liegt Schnee und du willst uns mit diesen Slicks nach Athen bringen? Erneut hetze ich Georg auf den Taxidriver. Mit Resignation setze ich mich auf den Rücksitz, um im gleichen Augenblick erschrocken das Fahrzeug wieder zu verlassen. Im Rücksitzpolster steht das Wasser, hochtransportiert durch durchrostete Radkästen. Mein Nachbar zur linken, auch er hat bereits einen nassen Popo, weigert sich ebenfalls nochmals einzusteigen. Unser Taxichef leicht verunsichert hat die rettende Idee im Kofferraum. Ein Stück PVC Folie. Er holt sie hervor, wahrscheinlich nicht zum ersten mal, breitet sie auf der Sitzbank aus, streicht sie liebevoll glatt und bittet uns, Platz zu nehmen.Die Folie sei dicht!
Es kann los gehen.
Der Taxler nimmt den Rosenkranz vom Armaturenbrett, küsst ihn liebevoll, hängt ihn zurück, bekreuzigt sich, wir fahren!
Es ist fünf Uhr morgens, der alte Opel schwimmt durch Matsch und Schnee, entgegenkommende Vierzigtonner knallen uns Wasser Matsch und Schnee auf die Windschutzscheibe, Unfälle links und rechts in den Straßengräben. Ein zweites mal am heutigen Tag beende ich innerlich meinem Dasein und schließe meine Augen.
© W.Griffelspitzer 27/11/08
