Zu nächst zu dem Element Platin, das hier für dieses Forum Namensgeber ist, in der Form eines Netzes. Platin ist edler und teurer als Gold, da es noch seltener in der Natur vorkommt, bzw. schwerer zu abzubauen ist. Platin findet u.a. als Katalysator in der Technik Anwendung. Ein Katalysator ist ein Stoff, der einen Reaktionsprozess ermöglicht, nur durch seine pure Anwesenheit. So z.B. bei der Auto-Abgas-Entgiftung, bei der giftige Stickoxide in ungiftige Bestandteile zerlegt werden. Dennoch wird das Platin „zerschlissen“. Im Laufe vieler abgelaufener Reaktionszyklen wird das Metall "vergiftet": Die Struktur des Metallgitters wird angegriffen und verändert. Edelmetalle wie Silber, Gold und Platin sind nicht nur „edel“. Ausgesprochen hochgiftig wirken sie auf den Menschen, geraten sie als reaktionsfähige, positiv geladene winzigen Partikel (Kationen) in die Blutbahn des Menschen. Der Elektrolyt-Haushalt des Menschen entgleist. Von Schwermetallgiften spricht man, wenn diese Elemente nicht in der Form des Metallgitters vorkommen. Sie reagieren mit anderen Stoffen. In Salzform sind Edelmetalle wasserlöslich, da sind sie z.B.an das Cyanid gebunden und ebenfalls hochgiftig.
Warum ich hier so rumdoziere? Jedes Bild, das der Naturwissenschaft entlehnt ist, trägt nicht nur das Positive, sonder auch die negative Kehrseite in sich. "Wertvollen" Menschen wird eine katalytische Eigenschaft zugeschrieben. Nur durch ihre pure Anwesenheit verändern sie zwischenmenschliche Beziehungen oder entschärfen Konfliktsituationen in dem sie die Hemmschwelle heraufsetzen. Menschen die sich für edel halten, sind nicht so schnell bereit, sich auf andere Menschen einzulassen. Das kann leicht zu Dauerschnupfen führen. Wer die Nase hoch trägt, dem regnet es leicht in die Nasenlöcher. Folgeerscheinungen: Hartherzigkeit, Arroganz und Einsamkeit vom Feinsten. Ach, wenn ich morgens vorm Spiegel stehe, weine ich gerührt, solch einen edlen Menschen erblicken zu dürfen. Dann bete ich "Herrin, ich danke dir dafür, daß ich nicht so bin wie die anderen Menschen." Abends vermeide ich den Blick in den Spiegel, denn da lauert Dorian im Grauen. „Wilde´s Spiegel zertrümmern“ wäre nicht ratsam, wie der Belesene ahnt.
Ein Netz wie das Platinnetz, in dem ich schreibe und gerne bin, hat seine Schattenseiten. Die will ich an mir selbst aufzeigen. Daß ich das hier unzensiert tun kann,( im Gegensatz zu den zahlreichen Fleischbeschau, Vieh- und Sklaven-Beziehungsmärkten) ist wohltuend. Selbst Partnerinnen-Vorschläge kommen verschwommen an, vielleicht wäre auch nur eine neue Brille notwendig. Es gibt sogar profilierte Männer, die mein verkorkstes Männerbild korrigieren. (Entweder Weich-Ei oder Brutalo?).
Der alter Mann und noch mehr?
„Alle reden vom Wetter“ und ich bin "zahnlos" geworden. Balle nicht mehr die Fäuste in den Taschen, anderer Leute. Zwei Drittel des Lebens sind mindestens vorbei. Was mach ich mit den, jetzt zählbar gewordenen, restlichen Tagen? Ach dieses verkrampfte "carpe diem" verblaßt angesichts steigender Kilozahlen auf der Waage.
Dag Hammarskjöld drückte es so aus: "Die Zeit vergeht, das Ansehen steigt und die Tauglichkeit sinkt". Ich zieh Bilanz und was bleibt? Ist es das Erreichte, auf das ich stolz war und sein konnte? Das ist einem unerbittlichen Zerfall anheim gegeben. Jetzt drängt sich die Frage in mein Leben: WOZU ?
Was dem letzte Hemd fehlt, das ist hinreichend bekannt. Ich würde es gerne wechseln. Nicht die Altersweisheit überkommt mich. Hinter dem selbst-verlogenen Geschwätz lauert oft schlecht zu tarnender Zynismus. Also raus damit! Wenigstens im letzten Drittel des Lebens die Ehrlichkeit entdecken, jenseits der Wünsche. Nein das ist nicht "Das wunschlose Unglück", in dem Handke unsere Mütter-Generation beschrieb. Eher Brechts "Die unwürdige Greisin.“ Un-Verschämt sein! Warum sollte ich mich verstecken? Das befreit von Last und dann dürfen es ruhig ein paar Kilo mehr sein.
Der größte Feind gegen ein Leben in Würde? Oha, da gibt es deren viele! Einen hab ich besiegt: CH³CH²OH. .........Oh, darauf laßt uns einen trinken!
Was ich suche.
Vielleicht ist es das, was Klaus Hoffmann in einem seiner Lieder so ausdrückte:
"Ich hatte mir noch soviel vorgenommen, vielleicht wäre noch irgend etwas heraus gekommen. Aber so denk ich daran, wie ich mir einen guten Abgang verschaffen kann". 35 Jahre lang einen guten Abgang proben? Das ist die Quadratur des Greises.
Ich trete einen Schritt zurück, um meinem Sohn Platz zu machen. Was aus ihm geworden ist und was aus ihm werden wird? Darauf hab ich immer weniger Einfluß, falls ich jemals einen hatte, im Positiven. Das Negative tritt eher schmerzhaft in meine Erinnerung. Da hilft es nicht, wenn er mich mal in den Arm nimmt und sagt, daß ich ihm immer ein guter Vater gewesen sei. Wie will er das beurteilen, bei dem Vorbildgeber? Auf die Tatsache beschränkt, daß ich ihn nie, nie geschlagen habe, vielleicht. Das ist für einen Erblasser der Generation "Schlagen hat noch nie jemand geschadet." eine Leistung. Doch ein positives Vorbild konnte ich ihm nie sein. Kampfgeist des Überlebens, (um jeden Preis?), das Nie-Aufgeben-Trotz-Alledem, das taugt nichts mehr in dieser Welt und hat sich in Egomanie gewandelt. So bleibt ein Stück Ratlosigkeit zurück und ich kann nur um Nachsicht (Vergebung?) bitten. Am Besten formulierte das Brecht in "An die Nachgeborenen:
„.....Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut -
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.........
. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit.....“
Konnten selber nicht freundlich sein.
Hoffnungslos?
Da gibt es noch ein Lied von Klaus Hoffmann " ....dich zu finden meine Insel. Eine Insel im Meer, gefüllt mit meinen Träumen, wie sehn ich mich nach ihr, nach einem festen Platz......." So such ich hier im Netz nach Menschen mit denen ich Erfahrung austauschen kann. Menschen such ich, die sich gegenseitig Mut machen und ungeschminkt die Wahrheit sagen. Das klingt sehr angestrengt, muß aber nicht sein. Die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit bleibt nicht zwangsläufig auf der Strecke. Im Gegenteil! Der Ballast der Lebenslügen kann zum verkrampftem "take it easy" führen. Was ich suche ist: Gelassenheit, gepaart mit Heiterkeit.
Es gibt vier Lebensabschnitte : Kindheit, Jugendzeit, Erwachsensein und Alter. Jetzt hat sich die letzte Phase dramatisch verändert. Die Zeit zum Lebensende hin verlängert sich kontinuierlich. Der medizinischer Fortschritte verlängert um fast jeden Preis das Leben. Als sei das Sterben selbst eine Krankheit. Dieses findet kaum noch in vertrauter Umgebung statt. Abgeschoben in Pflegeheime, dämmern viele der Bewohner vor sich hin. Das Denken ist oft vom Warten auf den Tod überlagert. Da hilft auch nicht die Umbenennung in „Pflegeheimat“. Es gibt junge Menschen, die durch Unfall oder Krankheit, mit der Perspektive konfrontiert sind, unter diesen Bedingungen noch Jahrzehnte „leben“ zu müssen. Das Recht auf Suizid steht ihnen nicht zu, wenn sie unter Vormundschaft gestellt sind. Seit zehn Jahren arbeite ich in diesem Bereich, bin mit diesen Tatsachen und Haltungen konfrontiert. Will sie nicht zu meiner eigenen machen, ohne die Endlichkeit zu verdrängen. Darüber würde ich gerne hier in den Dialog treten.
Sicher ist der "Tanz auf dem Vulkan" für mich eine akzeptable Entscheidung. Es gibt längere Strecken, da leb ich so. Wäre ein Leben ohne Verdrängung überhaupt möglich? Was uns von den Tieren unterscheidet, ist einzig und allein, daß wir uns der eigenen Endlichkeit bewußt sind. Alle Religionen und Philosophien kreisen um diese Frage. [1]
Alter Mann was tun?
Doch bin nicht auch ich gefordert bei der Frage, wie es weiter gehen soll, auf und mit diesem Planeten? Zurück lehnen und Däumchen drehen? Stehen ich nicht in der Verantwortung für das, was ich mit angerichtet habe? Sei es nur durch eine durchgängige Verweigerungshaltung? Das "So nicht" reicht schon lange nicht mehr aus. Bin ich nicht mit meiner, wenn auch begrenzten Lebenserfahrung gefordert? Könnte ich nicht ein wenig beitragen auf der Suche nach Lösungswegen aus dieser verkorksten Gegenwart? Könnte das nicht dem letzten Lebensdrittel Erfüllung geben, nach der ich mich sehne?
"Jeder Mensch ist ein Künstler" Joseph Beuys
Eine Ermunterung an alle Menschen, sich in die Gesellschaft einzubringen. Soziale Plastik nannte er es. [ 2 ]
Geht mich alles nichts an?
Spätestens wenn ich in der überfüllten Dementenverwahranstalt sitze und niemand kommt, wenn ich um Hilfe rufe, wird es mir dämmern. Da gibt es zu wenig ausgebildete Ehrenamtliche, noch stehen die notwendigen Gelder zur Verfügung. Im Vertrauen, ich hab vorgesorgt. Und eine Verfügung hab ich verfaßt. So will ich weder zwangsmedikamentiert noch zwangsernährt werden, bis zum bitteren Ende. Nein, einer Organentnahme habe ich nicht zugestimmt. Bin kein wandelndes Ersatzteil-Lager. Wenn es Zeit für mich ist, will ich in Würde gehen dürfen. Ich schaue auf ein erfülltes Leben zurück. Vor 35 Jahren bin ich dem Tod von der Schippe gesprungen. Das Schlimmste angesichts des mir unausweichlichen scheinenden Endes, war die Leere in mir. Im Angesicht einer leidenschaftslos verschwendete Lebenszeit.
Dag Hammarskjöld in „Zeichen am Weg: „ Wie brennt das Erinnern an die Stunden, die ich nutzlos vertan."
Damals schwor ich mir nie, nie wieder eine solche entsetzliche Leere spüren zu müssen. Jetzt hab ich keine beruflichen oder sonstigen Verpflichtungen mehr. Das ist ein Geschenk, für das ich zutiefst dankbar bin. Jeder neue Tag ist für mich ein Wunder und voller Vorfreude. Jeder Tag? Sagte ich nicht, dass ich ein (fast) perfekter Lügner bin?
Die Generation der Lemminge wurden wir Kinder genannt, die am Kriegsende in den Waffenstillstand hinein geboren wurden. Eine hohe Sterberate wurde uns attestiert. Noch leb ich! Nicht trotz dessen, sondern gerade deswegen.
For ever old, but never could!
Meine Hoffnung:
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus.
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.
aus Mondnacht (1837) - Joseph von Eichendorff
Anmerkungen:
[ 1] [Die Philosophie scheint nach dem Ableben der letzten großen Geister mit Denkmal-Pflege beschäftigt zu sein. " Über allen Gipfeln ist Ruh.....Warte nur, balde ruhest du auch“. Für mich gilt das auch für die Kunst. Sie ist zur Ware verkommen und macht nur noch mit wahnsinnigen Rekordsummen der Versteigerungserlöse von sich reden.Die Amtskirchen haben sich von den Menschen entfernt, kreisen um sich, praktizieren Machterhalt, mit wenig Erfolg. Sinkende Mitgliederzahlen belegen das. Die staatliche Subvention durch das Kirchenkonkordat täuschen noch darüber hinweg. Das vorherrschende Motto scheint für einen Außenstehenden zu sein: “Weiter so im zelebrieren sinnentleerter Fleisch und Blut-Riten, fern jeglicher Realität. Augen zu und durch. Wir haben es immer geschafft, denn Gott ist mit uns“. An Hand des Tonfalls eines Predigers kann ich inzwischen die jeweilige Konfession ausmachen, vorausgesetzt ich bin nicht gleich eingeschlafen. Die Kirchen haben das ideologische Feld fast kampflos der Naturwissenschaft überlassen. Die sind an die Grenzen ihres eigenen Machbarkeitswahns gestoßen. Einsicht in ihre Begrenztheit dämmert auf. Im SWR 2 Hörfunk kann man ein 90 minütiges Streitgespräch herunterladen. Küng, der streitbare Schweizer Theologe und Harald Lesch ein philosophierender Astrophysiker kommen sich sehr nahe. Neue Denkansätze kommen aus der christlich-mystischen Tradition. Da finden eine Annäherung zu progressiven Naturwissenschaftlern, wie dem Physiker Hans Peter Dürr (Alternativer Nobelpreisträger). ]
[ 2 ] Gunter Hagen versucht das wohl mit seinen Plastinaten zu kolportieren. Der Schlapphut soll das wohl suggerieren.Mit einem Schlapphut wird mann kein Beuys. Ich hab ihn im Verdacht, dass er sich herunter gehungert hat, um eine gewisse äußere Ähnlichkeit zu erzielen. Plastic People! Frank Zappa besang vor vierzig Jahren den Beginn einer, sich selbst konservierenden Konsumgesellschaft. Die Menschen werden zu Plastic, wenn sie Plastic-Fast-Food schlucken, in jeglicher Form. Hagen stellt Leichen aus, in kopulierender Pose. Ein ewiges Leben als Toter? Bei den Ägyptern war es Isis, eine lebendige Frau die ihren toten Bruder Osiris ins Leben zurückholte. Der Spuk wird bald ein Ende haben, wenn der Meister höchstpersönlich ausgestellt wird. Da geh auch ich hin, will sicher sein dass er nicht wieder aufersteht. Er ist bereits geklont ist, daran zweifle ich nicht. Der große Zulauf den die Plastinaten erfahren, resultiert nicht nur aus Sensationsgeilheit. Er deutet darauf hin, das Menschen keine befriedigende Antworten auf die Sinnfrage gefunden haben und was nach dem Leben ist.
