Tante Gretchen lebte dort, eine der Schwestern meiner Oma. Im Sommer, wenn es schön war, nahm mich meine Mutter an die Hand, und wir spazierten die drei Kilometer am Bahndamm entlang nach Fortuna. Bei Tante Gretchen gab es immer die leckere Stachelbeertorte, und in ihrem großen Garten durfte ich Onkel Willi beim Umgraben zusehen und die vielen Marienkäfer von der Ligusterhecke pflücken. Glühwürmchen hatten sie auch viele, nur waren die, wenn sie nicht mal grade glühten, so doof klein und hässlich und grau.

Mit Vetter Willi und den Jungs vom Nachbarn spielte ich Fußball auf der Wiese hinter der Bahn. Wenn wir dann am Abend wieder zurück kamen, wartete meine Mutter meistens auch schon auf mich, und wir machten uns wieder auf den Weg nach Hause.

Spannend war es immer, wenn am alten Sportplatz die Zigeuner ihr Lager aufgeschlagen hatten. Dann durfte ich immer tagelang, bis sie wieder weg waren, keinem die Tür aufmachen, denn die Zigeuner stahlen alles, was nicht abgeschlossen war, auch die kleinen Kinder. Ich fand sie trotzdem lustig, wenn sie feierten und Musik machten, neben der Kiesgrube an ihrem alten Sportplatz, wo im Juli immer die Kirmes war und wir Kinder im alten Steinbruch Räuber und Gendarm spielten und die älteren Jungs in ihrem Büdchen, tief im Gebüsch, so komische Sachen mit den Mädchen aus der Klasse machten.

Fortuna war seit 1854 eine Bergbausiedlung mit fast 2000 Einwohnern und zwischen Oberaußem und Bergheim gelegen, rund 20 Kilometer von Köln entfernt. Es hatte einen Bahnhof und eine Kirche, ein Casino und einen schönen, malerischen alten Wasserturm, der sogar denkmalgeschützt war, aber das nützte ihm hinterher leider wenig.

In Fortuna gab es die hübschesten Mädchen weit und breit. Ich lief jeden Tag im Sommer 1967 die Strecke zu ihr, die ich Jahre vorher mit meiner Mutter marschiert war, und zurück gab es schon mal ein Auto, das einen mitnahm.

Man konnte natürlich auch über die Straße am Huddeletum gehen, an Kloster Bethlehem vorbei, zu dem so viele Leute von nah und weit pilgerten. Am Huddeletum (habe ich hoffentlich richtig geschrieben) fand sich immer im Winter, wenn der Schnee hoch lag, halb Bergheim zum Rodeln und Schlittern ein. Ein Imker, der Johann, machte den leckersten Honig weit und breit. Er schimpfte immer wie ein kleiner Teufel, wenn wir Kinder über seinen Stacheldrahtzaun stiegen und mit seine Hühner scheuchten. Manchmal schoss er auch mit der Luftbüchse auf uns, aber wenn er ein paar Gläschen von seinem selbstgebrannten Schnaps getrunken hatte, erzählte er uns seine Räubergeschichten aus dem Krieg und schenkte uns ein Glas Honig.

Am schönsten war immer das Feuerwehrfest in Fortuna. Dann saßen sie alle zusammen, die alten und jungen Leute, und die Älteren schunkelten und sangen, wenn Onkel Willi seine Quetsche nahm und der Erhard dazu auf der Gitarre spielte. Johann war meistens auch da und tanzte mit sich selber im Kreis.

Die Nachbarn von Tante Gretchen, die Neumanns, züchteten Tauben und träumten davon, ihr Haus von der Rheinbraun zu kaufen und schön auszubauen. Sie wurden nie so recht ernst genommen, denn die Leute von Fortuna waren zufrieden und hatten Spaß an dem, was sie besaßen. Die Männer arbeiteten am Tag in der Grube oder im Kraftwerk, und die Frauen versorgten die Kinder und das Haus und warteten auf den Vater.

Sie waren einfach nur glücklich und liebten ihr kleines Dorf.

Onkel Willi musste schon lange geahnt haben, dass das nicht immer so weiter gehen konnte. Er kam fast nur noch betrunken nach Hause und verschwand dann auch bald in der Wirtschaft. Wenn es ganz schlimm war, verprügelte er Tante Gretchen und die Kinder, den Willi und den Gottfried. Die Johanna war schon ausgezogen und hatte einen Freund.

Nur wenn er in seinem Garten oder im Hühnerstall war, dann ging es dem Willi gut. Das war seine Welt und sein Leben, seine ganze Freude. Und so wie ihm ging es den meisten anderen Leuten in Fortuna. Es war schön hier, sie waren hier aufgewachsen und schufteten Tag für Tag, damit es der Familie gut ging.

Und sie machten Pläne … nicht nur die Alten …

*

In den 60er Jahren beschloss die den Braunkohlenbergbau betreibende Firma RAG, auch die unter dem Ort Fortuna lagernden ca. 232 Millionen Tonnen hochwertige Braunkohle, in Form des neu zu erschließenden Tagebaus Bergheim, abzubauen. Spätestens im Jahr 1985 sollte das Gelände des Dorfes Fortuna abgebaggert werden. Das bedeutete, alle Einwohner mussten bis Ende 1984 ihren so geliebten Ort verlassen haben. Das gesamte Dorf mit allen Gebäuden, Straßen, Wegen, Plätzen, Gärten, Bäumen Sträuchern, usw. musste bis Anfang 1985 abgerissen und geräumt sein.

Die so genannte Umsiedlung der Fortunesen begann dann Ende der 70er Jahre. Wer jung war und Glück hatte, bekam an einem Ersatzort ein neues Haus hingestellt, das aber nur selten Heim war wie das, das er verlassen musste.

Anfang der 80er sah man, fuhr man an Fortuna vorbei, nur noch menschenleere Häuser mit zugemauerten Fenstern. In den Straßen tummelten sich streunenden die Kartzen und Hunde. Der Wasserturm wurde abgerissen, in der Kirche konnte man nur noch die hingeschmierten Graffitis bewundern. In allen Betonritzen sprießte das Unkraut. Die neuen Bewohner von Fortuna waren Disteln und Ratten.

Es war gespenstisch, eine Geisterstadt.

Im März 1983 lebten in Fortuna nur noch 11 deutsche und 10 türkische Familien. Es gab noch eine einzige Gaststätte, die aber, wie alles andere auch, der Firma Rheinbraun gehörte, die mit Fortuna ihre Millionen verdient hatte, bis der Ort und seine Bewohner ihre Schuldigkeit getan hatten.

Ende 1985 waren all Fortunesen umgesiedelt – oder tot.

Onkel Willi erlebte das Ende nicht mehr mit. Tante Gretchen starb später in einem Heim, weil sie, wie so viele Andere, nicht damit fertig wurde, dass sie alles verloren hatte, was ihr einmal so lieb und teuer gewesen war.

„Einen alten Baum“, sagte sie immer, „verpflanzt man nicht mehr ...“

Johann, der Imker, hat sich im Bethlehemer Wald aufgehangen. Wo der Ort Fortuna war, fraßen die Schaufelradbagger ein Riesenloch in die Erde, in dem auch das Kloster Bethlehem, der alte Sportplatz, unser heiß geliebter Steinbruch, und alles andere verschwand, das einmal die Welt und das Zuhause von vielen Menschen gewesen war.

Genau wie so viele andere Baudenkmäler und Orte hier in unserer Heimat. Schloss Harff, Etzweiler … Königshoven …

Ab und zu besuche ich Vetter Gottfried in seinem neuen Haus in Bergheim, oder er kommt zu mir oder wir sitzen in der Kneipe, wo wir über die alte Zeit faseln. Dann kriegt er wieder leuchetnde Augen und sagt: „Weißt du noch, damals als wir über den Zaun des Pfarrgartens kletterten und dem Pastor die Äpfel vom Baum klauten …?“

Daran musste ich heute denken, als ich über Fortuna fuhr – in meinem rassigen Elektrorolli (wegen der Füße, die ich noch schonen muss) über die neu angelegten Wege des Rekultivierungsgebiets.

Denn die Grube haben sie nun zugeschüttet, mit der Erde, die sie an anderen Orten wegbaggern, an denen ebenfalls Orte wie Fortuna gestanden haben und immer noch Menschen heimatlos gemacht werden.

Oh, es wird sicher mal schön da, mit zwei kleinen Naturseen und vielen neu gepflanzten Bäumen. Ich habe auch wieder Rebhühner und Fasanen gesehen, und viele Lerchen in den Ackern der Monokultur.

Aber keine Menschen mehr, die dort einmal zu Hause waren.

Das Foto zeigt einen der Absetzer beim Zuschütten der Grube, von der ich leider keine Bilder mehr habe. Fünf Kilometer breit und fünfhundert Meter tief. Durch die mit der Grundwasserabsenkung verbundene Bergschäden und Risse mussten Dutzende von Häusern abgerissen werden, die Kirche in einem Nachbarort hat sich um 2,80 Meter in die Erde abgesenkt. Immer noch werden viele Menschen der Heimat beraubt und befinden sich teilweise in psychiatrischer Behandlung, weil sie das Elend ohne Hilfe nicht aushalten.

Im Namen der Kohle, des Kapitals und des heiligen Profits. Amen.


Quellen: Das Ende der Bergarbeitersiedlung Fortuna, Ausarbeitung von Ulrich Reimann, Dez 2007, Die Kraftwerke Fortuna von Detlef Witt, RWE AG