Ihre Todesanzeige war so schlicht und ohne Schnörkel, kurz und knapp, so wie Fräulein Mia Schülke auch im Leben war.

Ein Kollege rief an.

„Du hast doch eine Anhängerkupplung an deinem Auto. Kannst du uns helfen, die Wohnung von der Schülke leerzuräumen?“

„Fräulein Schülke ist tot?“

„Ja! Wir wollen nachmittags anfangen. Kommst du nun oder nicht? Und bring auch einen Hänger mit!“

Damit war die Frage wohl schon beantwortet. Er konnte es nicht glauben. Die Frau, nein, das Fräulein hatte ihn fast sein ganzes Leben begleitet. Erinnerte er sich an seine Jugend, fiel sie ihm zuerst ein. Sie wohnte neben den Garagen, in denen er und seine Freunde an den Mofas schraubten oder Musik machten. Spielten sie Fußball und es wurde laut, war Mia sofort am Fenster, schüttelte den Kopf, sah aus der ganzen Meute, die dort tobte, nur ihn an und schnaubte

„Du mal wieder!“

„Die hat dich aufem Kieker, die olle Schülke,“ grinsten seine Kameraden und schossen den Ball absichtlich in ihren Blumengarten. Wer ihn dort herausholen musste, war ja klar.

„Natürlich wieder du!“

Seine Freunde wurden patzig und zeigten ihr eine lange Nase oder streckten die Zunge heraus. Ihn hielt etwas davon ab, was er nicht benennen konnte. Wie vorteilhaft das war, zeigte sich als er begann, sein Taschengeld aufzubessern, indem er bestellte Ware vom Tante Emma Laden zu den Kunden brachte. Fräulein Schülke war fast täglich dabei. Kartoffeln, Mineralwasser, Gemüse und Obst. Einmal wöchentlich auch eine Tafel dunkle Schokolade.

„Guten Tag Frau Schülke, ich bringe ihren Einkauf,“ hatte er so freundlich wie möglich gesagt als er zum ersten Mal an ihrer Türe klingelte.

„Ach du! Ich bin FRÄULEIN Schülke, merk` dir das!“

Ihr Ton sorgte dafür, dass er sie nie wieder falsch ansprach. Ein Fräulein, in ihrem Alter…, zumal diese Bezeichnung abgeschafft wurde , seltsam. Ihr Alter konnte man schlecht schätzen, schon gar nicht, wenn man selber so jung war wie er. Da war jeder über dreißig ein Greis. Der Dutt, die Hornbrille und ihre Blümchenkleider waren so altbacken, die gehörten in die Ecke der Omas.

Sein Fleiß zahlte sich aus. Mit 16 war er stolzer Besitzer einer Zündap 50ccm, natürlich mit Engelbügel  und Fuchsschwanz, so, wie es sich damals gehörte, wenn man in sein wollte. Er ging noch zum Gymnasium und trug weiter die Einkäufe zu Kunden, nein, jetzt fuhr er sie hin. Der Tank füllte sich nicht von allein. Fräulein Schülke rundete den Betrag stets auf die volle Mark auf. Die Tafel dunkle Schokolade, die er von dem Kunden bekam, den er vor Mia Schülke belieferte, schenkte er dem Fräulein mit einem verlegenen Lächeln. Das Fräulein wurde rot im Gesicht und vergaß, sich zu bedanken.

Peinlich wurde es als er mit seinen Kameraden an den Mopeds schraubte und sie die Auspuffrohre ausbrennen wollten. Er hatte Benzin aus dem Tank in das ausgebaute Auspuffrohr gegeben und ein Feuerzeug daran gehalten. Etwas Benzin war aber herausgelaufen und ein brennender Wurm fraß sich zu seinem Moped hin. Kein Wasser weit und breit! In seiner Not pinkelte er das Feuer aus. Er wunderte sich fast nicht mehr, dass sie ihn auch dabei erwischte.

„Natürlich wieder du!“

Es war wie verhext! Flog der Ball in ihren Garten oder gar durch das geöffnete Fenster, sah sie nur ihn an und schimpfte. Prüften vier Mopedfahrer den Sound ihrer Kräder hörte sie auch nur seine. Machten sie Musik, war immer die Gitarre zu laut, nie das Schlagzeug oder der Bass.

„Du! Wer sonst?“

Zu  Beginn der großen Ferien achtete ein Autofahrer die Vorfahrt nicht und krachte in die Zündap. Das war genau an der Ecke vor Fräulein Schülkes Haus. Als er im Krankenhaus war, saß sie eines Tages an seinem Bett.

„Was machst du nur immer?“

„Fräulein Schülke, was habe ich ihnen eigentlich getan, dass sie immer nur mit mir schimpfen? Für den Unfall konnte ich nun wirklich nichts! Ich saß nicht betrunken hinter dem Lenkrad und habe die Schilder missachtet, das war der mit dem Auto!“

Sie lächelte ihn an, fuhr mit einer Hand durch sein Haar und in dieser Berührung war so viel Zärtlichkeit und Liebe, dass ihm ganz anders wurde.

„Natürlich bist nicht immer du der Übeltäter. Ich halte dich aber für intelligent genug, meine Kritik auch umzusetzen.“

„Dann bekäme ich also keine Schelte, wenn ich blöd wäre?“

Diese etwas naive Frage amüsierte sie so, dass sie laut lachte, eine Haarsträhne löste sich aus ihrem Dutt und als sie ihre Brille abnahm, um die herablaufenden Tränen mit einem rosa umhäkelten Taschentuch abzuwischen, da sah sie aus wie ein junges Mädchen.

„Sie sollten öfter lachen, das steht ihnen viel besser als die Lehrermine.“

„Ich muss gehen!“

Lange dachte er darüber nach, was an seinen Worten so schlimm war, dass sie die Flucht ergriff. Als er an zwei Krücken laufend die Klinik verlassen durfte, hatte er es auf Rat seines Vaters aufgegeben, die Frauen verstehen zu wollen. Er lag gemütlich im Liegestuhl und steckte seine Nase in die Fragebögen der Fahrschule als sie plötzlich neben ihm stand.

„Ich dachte, ich bringe dir Kakao und ein Stück Kuchen. Knochen brauchen das Calcium aus der Mich zum Wachsen!“

„Ich werde in einer Woche achtzehn und denke, ich bin längst ausgewachsen. Trotzdem vielen Dank!“

Statt darauf einzugehen starrte sie auf die Blätter in seiner Hand.

„Willst du etwa den Führerschein für`s Motorrad machen? Hast du noch nicht genug? Ich hätte dich für klüger gehalten!“

„Fräulein Mia Schülke, sorgen sie sich etwa um mich?“

Sie schaffte es, schneller aus seinem Blick zu verschwinden als er es später mit  dem Motorrad schaffte. Seine Frage blieb unbeantwortet. Sie sahen sich seltener und wie jeder junge Mensch, entwickelte er sich. Trafen sie sich beim Garagenhof, der weiter Anlaufstelle für Musik und Basteleien an Autos und Motorrädern blieb, hatte sie stets einen knappen Satz für ihn bereit.

„Kein Geld für den Friseur? Lederhosen wie ein Rocker! Sind die Rasierklingen rationiert worden?“

Natürlich gab es immer nur EINEN Satz, sie war kein Freund langer Reden. Die Zeit verging und als er längst verheiratet und Vater war, da erzählte ihm ein Freund, der nach dem Tod seiner Eltern das Haus neben den Garagen übernommen hatte, dass die olle Schülke sich nach ihm erkundigt habe. Sie habe gefragt, ob er glücklich sei als sie hörte, dass er Familienvater war.

Ohne den Grund zu kennen oder ihn wissen zu wollen, fuhr er ein paar Tage später mit einer Tafel dunkler Schokolade zu Fräulein Schülke. Obwohl das Fenster offen war, musste er mehrmals klingeln.

Sie hatte ein Mittagsschläfchen gehalten, was man ihr ansah.

„Natürlich du!“

Er lachte „Da sind wir ja genau da, wo wir aufgehört haben. Mögen sie diese Schokolade immer noch?“

„Ja, ich gebe Gewohnheiten nur ungern auf,“ gestand sie und lächelte.

„Nachdem sie sich nach mir erkundigt haben, wollte ich ihnen selber berichten. Dritte geben nicht immer alles so weiter, wie es ist.“

„Stimmt es denn nicht, dass du glücklich bist?“

„Nein, ich bin sehr glücklich!“

„Das freut mich! Halte dieses Glück gut fest, es ist nicht selbstverständlich,“ seufzte sie und fuhr ihm wie damals durchs Haar. Fast erschrocken über sich selbst zog sie hastig ihre Hand zurück.

„Sie haben mir nie meine Fragen beantwortet!“

„Fragen?“

„Ja, warum ich immer die Schelte bekam und ob sie sich um mich sorgen!“

„Das mit der Schelte habe ich dir erklärt!“

„Und die Sorge?“

Sie sah ihn an und die Farbe ihrer Augen schien sich hinter den Brillengläsern zu verändern. Er fürchtete, sie könne anfangen zu weinen.

„Eine Frau braucht ihre Geheimnisse und ein kluger Mann akzeptiert das!“

Die Türklingel unterbrach das Gespräch. Die eintretenden Damen sahen ihn mit großen Augen an. Nur eine erkannte ihn.

„Herrje, bist du groß geworden!“

„Na, da sollten sie erst mal meine Tochter sehen! Seit die in den Kindergarten geht, wächst sie täglich. Meist über sich hinaus!“

Er lässt die Damen mit einem Gruß sprachlos zurück. Mia Schülke sieht er danach nur noch zufällig. Ein kurzes Winken, keine Gespräche mehr. Hatten sie je welche?

Nun ist Mia tot und er trägt ihr Bett in den Anhänger. Es ist ihm als trage er seine Jugend fort. Überall Dinge, die das Fräulein täglich um sich hatte, die sie liebte. Was liebte sie noch? Hatte sie ein Leben ohne Liebe? In einer alten Blechdose finden sie Bilder und vergilbte Briefe von der Front. Ein Brief, in dem steht, dass Karl-Heinz Becker als vermisst gilt, ist auch dabei. Auf der Rückseite eines Bildes liest er den Namen Karl-Heinz. Er dreht es um und erstarrt. Wüsste er nicht genau, dass er nie Uniform getragen hat, könnte dies ein auf alt getrimmtes Bild von ihm sein. Darum haben ihre Augen stets ihn gesucht, darum wurde immer er angesprochen. Er steckt das Bild und die Briefe ein, das kann er nicht zum Sperrmüll bringen. In einer stillen Stunde wird er sie lesen und vielleicht Mias Geheimnis auf die Spur kommen. Und natürlich wird er es weiter hüten.

Ist es sein männliches Ego, das wissen möchte, ob Mia in ihm den Sohn sah, den sie nie hatte oder ihren Karl-Heinz? Es gibt Fragen, die einen Menschen über Jahrzehnte beschäftigen.