Wenn ich Frau W. begegne, rechne ich mit einer ihrer ellenlangen Erzählungen. So war es auch vorhin. Nach einer kurzen Begrüßung fragte sie mich, wie es mir geht. Bevor ich antworten konnte, ratterte sie los, und das ohne Punkt und Komma:

 

"Mir geht es im Moment gar nicht gut ich habe mich bei meinem Mann angesteckt der ist so erkältet hoffentlich hat er nicht die Schweinegrippe ich hoffe nicht dass ich Sie anstecke aber hier in der frischen Luft passiert schon nichts ich warte schon eine Woche auf einen Elektriker jeden Tag muss ich anrufen aber er ist immer noch nicht gekommen na ja Sie wissen ja wie das so ist mit diesen Handwerkern die haben die Ruhe weg komme ich heut nicht komme ich morgen scheinen sie zu denken aber was soll man machen entweder sich in Geduld üben oder eine andere Firma anrufen meistens ist es dann so dass man vom Regen in die Traufe kommt und noch länger warten muss Ich bin auf dem Weg in den Supermarkt ich überlege gerade was ich heute kochen soll jeden Tag muss man darüber nachdenken was man denn nun heute kochen soll das nervt mich manchmal ich glaube heute bleibt die Küche kalt zwar ist das Wetter auch kalt und was Warmes ist dann immer besser aber zum Aufwärmen kann man ja einen Tee trinken haben Sie schon gehört dass die Eisdielenbesitzer umziehen das fällt mir spontan ein wo wir schon über kaltes Wetter reden zum Glück bleiben sie aber im Ort was wäre der Ort auch ohne Eisdiele..."

 

Ich nicke zustimmend. Natürlich könnte ich jetzt sagen, dass ich keine Zeit mehr habe. Aber ich will nicht unhöflich sein und im Stillen amüsiere ich mich über den Redefluss. Wie hält ihr Mann das nur aus? Soviel ich weiß, ist er ein ruhiger Mensch und redet nicht viel. Wie auch? Seine Frau wird ihm kaum Gelegenheit geben. Dass er ein begeisterter Angler ist, kann ich gut verstehen. Dabei hat er seine Ruhe.

 

Ich schaffe es nach einer weiteren Viertelstunde, mich von Frau W.  zu verabschieden. Endlich! Als ich später den Supermarkt unseres Ortes betrete, höre ich schon von weitem eine bekannte Stimme. Tatsächlich, Frau  W. erzählt gerade einer anderen Frau von ihrer vermeintlichen Schweinegrippe, natürlich ohne Punkt und Komma...

 

 

 

Foto: pixelio

joujou