Nie hätte ich gedacht, dass die Beschaffung von Majo, Oliven und Putenfilet dazu geeignet ist, völlig neue Erkenntnisse auf dem Gebiet „Anbaggern“, zu erlangen, das von…*wie schlepp ich sie ab für eine Nacht* bis zu *die will ich heiraten* reicht.
Ich stehe bei der Waage im Bereich Obst und Gemüse. Vor mir wiegt Frau Öko gerade ihren zukünftigen Obstsalat. Einen Apel, eine Birne, eine Banane, fünf Lychees, eine Mandarine – alles Bio….das wird dauern. Mein Blick schweift und bleibt bei einem sportlich gekleideten jungen Mann hängen, der wohl nach den Sonderposten Ausschau hält, die um die Ecke stehen. Er wirkt irgendwie nervös, gespannt. Der Sonderposten schiebt sich gerade in mein Blickfeld. Olala, da können die nett gestapelten Dosen mit den zarten Möhrchen und den zuckersüßen Erbsen nicht mithalten.
Honigblondes Haar bis zur Taille, glänzend wie ein Stern im Fett, ein gut handbreit freier Bauch und kein Röllchen quillt über die moderne, tief sitzende und verdammt enge Hose.
Große blaue Augen von schwarzen, langen Wimpern umrahmt überfliegen suchend das Angebot der Obstauslagen. Das Schmollmündchen zeigt ein entzückendes Lächeln als es die Mangos entdeckt. Mit Schritten, so lang wie die Enge ihrer Hose sie zulassen, schreitet die junge Frau zum Objekt ihrer Begierde und hält bald zwei der Früchte in ihren langen, schmalen Händen. Sie hält die Früchte an ihr Stupsnäschen und schnuppert…nein, die sind nicht reif genug.
Um die Ecke, aus der gerade die junge Frau kam, biegt jetzt ein junger Mann, der aussieht, als würde er in einer Bank arbeiten. Hemd, Krawatte, dunkler Anzug, exakter Haarschnitt.
Wenn Männer auch große Schwierigkeiten haben, selbst große Teile wie afrikanische Elefanten im Sonderangebot zu entdecken, so wird der sportlich wirkende Konkurrent im Bruchteil einer Sekunde optisch erfasst, bewertet und mit messerscharfen Blicken beworfen. Zeitgleich werfen sich beide Herren in die Brust. Es ist herrlich anzusehen…die wachsen tatsächlich ein paar cm, was bei dem Sportburschen irgendwie cooler aussieht.
Ich habe es plötzlich überhaupt nicht mehr eilig und studiere emsig die Obstsorten, während ich im Augenwinkel den Hahnenkampf beobachte. Blondköpfchen hat inzwischen ihre Bewunderer bemerkt. Das ist leicht daran zu erkennen, dass sie im Sekundentakt mal ihre Haare zurück wirft, sie mit einer grazilen Bewegung hinters Ohr streicht, mit der Zungenspitze die Lippen befeuchtet und ihre Schritte sind jetzt so wiegend, dass ich fürchte, sie könne eine Hüftgelenksluxation bekommen. Nun taucht auch noch Hahn Nummer drei in Form eines Typen auf, der zwar ihr Vater sein könnte, jedoch mit der souveränen Art des geborenen Siegers zielstrebig den Platz an ihrer Seite besetzt.
Er ist wohl unbewusst (oder gewollt?) in ihre Privatsphäre eingedrungen, denn der Blick, den sie ihm schenkt, wird anscheinen nur von ihm nicht als strafend erkannt, oder er ignoriert es einfach. Das wird spannend, denn Sporty und der Banker interessieren sich plötzlich auch für Obst und Gemüse. Ich schiebe meinen noch leeren Wagen schnell in eine Ecke und mache ein paar Schritte in Richtung Mangos, die inzwischen fast alle mal mit dem süßen Stupsnäschen Bekanntschaft geschlossen haben. Während meine Hände die Schälchen mit den Himbeeren anheben, klebt mein Blick nicht an eventuell daraus austretender Flüssigkeit, sondern am Dreigestirn und Püppi. Der alte Sack quasselt auf sie ein, leider verstehe ich nicht ein Wort. Sporty und der Banker stehen solidarisch vor den Bananen und schießen brennende Giftpfeile im Duett gegen den unfair kämpfenden Widersacher.
Püppi fühlt sich ganz offensichtlich unwohl. Sie geht einen Schritt zurück, er setzt sogleich nach. Ihre Schultern fallen nach unten ab, sie wirkt eingeschüchtert. Er steht mit dem Rücken zu mir, sein schräg gestellter Einkaufswagen versperrt jeglichen Durchgang vor der Auslage. Die Kleine tut mir leid. Da fällt mir ein, dass hier ein öffentliches Geschäft ist, in dem JEDER an die Auslagen darf. Ich muss mehrmals darum bitten, dass der Weg freigemacht wird. Erst als ich ihn in „Tante-Erna-Manier“ mit spitzem Finger auf die Schulter tippe und verlange, jetzt endlich mal einkaufen zu dürfen, zieht er seinen Wagen ein winziges Stückchen zur Seite. Ich bedanke mich herzlich und ramme ihm die Ecke vom Schiebegriff in seine Rippen, weil der Platz halt doch recht begrenzt war, den er für mich zu räumen bereit war. Nun muss er seinen Redefluss erst einmal unterbrechen, weil er nach Luft schnappt. Blondie hat ein winziges Lächeln in den Mundwinkeln. Als ich mit einem Bund Petersilie in der Hand zurück zu dem Engpass komme, sehe ich wieder nur seinen Rücken, doch Püppi schaut mich an mit einem Blick, den nur Frauen verstehen können, ihre rechte Augenbrauche ist kaum merklich hochgezogen…ich erkenne gleich…aha, Gewitter im Anzug!
Kaum berührt mein Finger seine Schulter, springt der olle Gockel zur Seite..natürlich weiter zu Blondie hin. Das war nicht meine Absicht, aber seine! Ich gehe vorbei und ziehe hinter seinem Rücken eine Grimmasse, Blondie kichert. Die beiden Kontrahenten stehen immer noch vereint bei den Bananen und jeder scheint für sich einen Plan zu schmieden. Sporty scheint dies schwerer zu fallen, seine Stirn ist in Dackelfalten gelegt und ich meine kleine Rauchsäulen über seiner Igelfrisur zu erkennen. Doch nein…seine Hände sind um den Griff des Einkaufswagens geballt und seine Knöchel treten weiß hervor. Der bringt ihn in Gedanken gerade um! Brav, mein Junge, dann muss ich das nicht tun!
Eine Dame von ca 70 Jahren möchte an die Bananen. Ohne Murren wird Platz gemacht und der Banker sagt ihr sogar noch die Codezahl für die Waage. Da heißt es immer, die Jugend habe kein Benehmen. Nun habe ich die falschen Leute beobachtet, denn irgendetwas hat sich bei Blondie und dem eitlen Gockel verändert. Sie steht aufrecht, straffe Schultern, fester Blick. Ich stehe nahe genug um zu hören, wie Blondie spitz sagt. “Ich glaube, Ihre Frau sucht Sie!“ Dabei weist sie mit einer Kopfbewegung zu der Dame, die gerade ihre Bananen wiegt.
Dem Gockel dämmert gleich, dass er hier keine Chancen mehr hat und verzieht sich mit einer bösen Bemerkung über den IQ blonder Frauen. „Haben Sie denn erst jetzt ihre Haarfarbe erkannt? Nun ja, im hohen Alter geht das nicht mehr so flott!“ bemerke ich ironisch und der Typ wird noch schneller. Am Ausgang der Abteilung, wo die Bananen sind, muss er durch die beiden Einkaufswagen von Sporty und dem Banker.
Ich muss laut lachen, denn die Burschen spielen Autoscooter mit dem Gockel, rammen seinen Wagen von zwei Seiten, während er hindurch schiebt. Spießrutenlauf im 21. Jahrhundert. Ich liebe Männer, die ihren Spieltrieb nie verlieren!! Blondie strahlt mich an und schickt mir wieder einen dieser Blicke, mit dem Frauen anderen Frauen einen ganzen Roman erzählen können, Männern verstehen nicht mal den Blick der sagt…verpiss Dich!
Nun schaut Blondie ganz ungeniert ihre übrig gebliebenen Bewunderer an. Die fühlen sich ertappt, streben urplötzlich in verschiedene Richtungen,da ihnen die Souveränität des erfahrenen Jägers noch fehlt. Man(n) greift wahllos zu Pomelos und Ananas, wobei ich dem Sporty die Ananas noch abnehme, mir aber nicht vorstellen kann, dass der Banker Pomelos isst. Plötzlich spricht mich ein Kerl an „Wo bleibst Du denn? Wo ist der Wagen mit den Einkäufen?“ Huch!! Das ist ja mein Schatz, der wollte im Auto warten, weil mal wieder kein Parkplatz frei war und ich doch nur ein paar Teile fürs Abendessen kaufen wollte.
Wir holen meinen Einkaufswagen und beobachten zu zweit das Spielchen. Gleich nach dem Spießrutenlauf waren aus dem Team wieder erbitterte Gegner geworden. Immer im Sichtfeld von Blondie legte der eine Champagner in seinen Wagen, der andere trumpfte mit Garnelen. Einer griff zu Tiramisu, der Kontrahent zur Eistorte. Blondie war voll beschäftigt mit registrieren und amüsieren. Wir stehen hinter ihr an Kasse 2, die Bewunderer an Kasse 1 und 3 als ein Bursche, dünn wie ein schmales Handtuch, sich zu ihr vordrängelt. Er sieht…hm..schmutzig will ich nicht sagen..nennen wir es alternativ aus, hat langes Haar, trägt eine Nickelbrille und Jesuslatschen mit weißen Socken.
Sie strahlt ihn an und in ihrem Blick ist alle Liebe dieser Welt. Die Kontrahenten verbrüdern sich wieder zum Team, dass sich an dem Abend zwischen Champagner, Garnelen, Tiramisu und Eistorte gewiss die Frage stellen wird…was hat ER, was wir nicht haben??? Es reicht aber völlig, wenn Blondie das weiß! Ich weiß es auch…kommt nur auf die Schuhe an…;-)))
