Freier Fall
Dunkle Gedanken am Ende einer Bezeihung. Schreiben als Therapie. Keine Angst, nichts autobiografisches, bis auf die Gefühle die man bei einer Trennung so haben kann.
Freier Fall,
Er war über die Pöllatschlucht hochgekommen, das Auto mit dem auswärtigen Kennzeichen stand unten an der Talstation zur Tegelbergbahn. Am späten Abend war dort kein Betrieb mehr, zumal ein leichter Nieselregen eingesetzt hatte.
Es war nicht leicht gewesen in der Dunkelheit den Weg zu finden, aber er kannte sich aus, war hier schon Dutzend Mal gegangen zuerst in seiner Jugend mit den Eltern, dann später mit seiner Frau und den Kindern – schöne Sonntagsausflüge die in Erinnerung blieben.
Nach seiner Scheidung war er lange allein gewesen, aber das hatte ihm nicht so sehr viel ausgemacht, er war Einsamkeit gewohnt, mochte es eigentlich ganz gern, sich auf sich selbst zurückzuziehen und die Betriebsamkeit und Hektik der Andern an sich abgleiten zu lassen. Daran war wohl auch seine Ehe gescheitert, am Rückzug in sich selbst, am nicht reden können – am allein sein wollen, wenns mal wieder schwierig wurde.
Irgendwann hatte er dann Inge kennen gelernt. Sie arbeitete in der gleichen Firma, man war über die Arbeit ins Gespräch gekommen, wie dass so ist, es hatte sich halt so entwickelt. Ebenfalls geschieden, 2 Kinder, ähnliche Interessen – man war zusammen gekommen, Schmetterlinge im Bauch halt, nochmals das große Glück erleben, verstanden werden, wieder in den Arm nehmen, tiefe Gefühle voller Zärtlichkeit, nochmals Wärme und Geborgenheit erleben.
Er hatte es nicht wahrgenommen, nicht wahrhaben wollen, die Augen vor dem geschlossen, was so offensichtlich war – die Wiederholung zugelassen, schleichend zuerst aber immer mehr Fahrt aufnehmend, Kränkungen, Missverständnisse, kleine Streitereinen, den Druck gespürt anders sein zu müssen, zu sollen, um Ihr gerecht zu werden. Wieder war er gegangen, hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Er wusste, dass er Sie liebte, über alles, aber es ging nicht mehr, nach Jahren des Versuchens, des Findens und Verlierens und Wiederfindens war es nun aus.
Sie hatte es gesagt, den Kontakt abgebrochen, wollte nicht mehr – er verstand es.
Er wollte auch nicht mehr, konnte nicht mehr, er hatte es versucht, er war gescheitert. Seit einer Woche nichts mehr gegessen, seit einer Woche kaum geschlafen, geraucht, getrunken, mit dem Kopf gegen die Wand gerannt, die leeren Gläser in tausend Scherben zerschlagen, wütend, traurig, ohnmächtig, innerlich zerbrochen.
In der Firma tuschelten Sie schon „was ist bloß mit Erich los“, er tat nur noch so als würde er arbeiten, saß am Computer, schrieb irgendwelches dumme Zeug nur um es dann wieder zu löschen – nie abgeschickte Briefe.
Er war Ingenieur, ein Kopfmensch, hatte Ergebnisse zu bringen, stimmige Berechnungen, logische Aussagen, kühle Analysen, dass war es was von Ihm erwartet wurde.
„Reset“, „Festplatte neu formatieren“ – warum funktionierte das nicht bei Ihm, warum konnte er lieben, aber nicht reden, konnte zärtlich sein und im nächsten Moment doch wieder flüchten, warum konnte Ihn niemand so lieben wie er war. Die Gedanken kreisten, verwirrten sich, bildeten unlösbare Knoten – der Kopf tat weh.
Er war früher gegangen heute, mit dem Auto durch die Gegend gefahren, ziellos und doch ein Ziel findent.
Jetzt stand er hier oben auf der Marienbrücke, 200m über der Schlucht, unten toste der Wasserfall, in der Dunkelheit mehr zu ahnen als zu sehen. Zur Linken lag das Schloß, nur spärlich beleuchtet an diesem späten Abend, die Touristenströme waren mit Bussen und Autos längst wieder in ihre komfortablen Hotels zurückgeschwappt.
Die zierliche Eisenbrücke war naß vom Regen und er spürte, dass sie leicht schwankte als er sie betrat. Mit tastendem Schritt ging er zu Mitte und hielt sich leicht zitternd am Geländer fest.
Endlich diese Trauer loswerden, endlich nicht mehr fragen müssen „warum?“, nicht mehr flüchten, den Weg beenden, Ruhe finden.
Wie lange würde es dauern?
200m!
Die Schublade in seinem Kopf öffnete sich automatisch, ohne zutun, Schulbildung, Fachliteratur, Erfahrungen – zuviel Wissen gespeichert, jederzeit abrufbar, zuwenig Emotionen.
Kopfmensch halt – Ingenieur - freier Fall, Fallbeschleunigung 9,81 m/s2.
Maximale Fallgeschwindigkeit des menschlichen Körpers ca. 55 m/sec. unter Berücksichtigung des Luftwiderstandes.
55 m/sec. würde er gar nicht erreichen! Nach 5 – 6 Sekunden wäre es vorbei. 5 Sekunden, eine kleine Ewigkeit, 5 Sekunden das Leben vorbeiziehen lassen, keine Rückfahrkarte gebucht, keine Umkehr möglich, 5 letzte Sekunden.
Er begann laut zu zählen, 1…2…3…4…5…, verdammt lange, zu lange, zuviel Zeit zum nachdenken – und wenn es falsch war?
Wenn einen im letzten Moment die Erkenntnis traf „es ist falsch“, kein Zurück, keine Notbremse, kein Netz –
Entscheidung in letzter Konsequenz endgültig – „Fatal Error“
Gedanken wie Stroboskopblitze, elektrische Impulse -
Mutter – Schmerz
Vater - Warum?
Kinder – Leben
Frauen – Trauer
Arbeitskollegen – Kopfschütteln
Ich - Erlösung
- Kopfmensch, Ingenieur, beinahe 50, geschieden, eigene Wohnung, Mercedes -
Er ließ das Geländer los und atmete tief ein, zögernd trat er einen Schritt zurück, die Brille blind vor Nässe, die Haare an den Kopf geklebt, unsichtbare Tränen im Regen, die Schultern nach vorn, zitternd. Lange stand er so da, dann drehte er sich um und ging langsam schleppend den Weg zurück den er gekommen war.
Ja, er war im freien Fall, aber immerhin er hatte heute eine wichtige Entscheidung getroffen, eine die allein Ihn betraf. Eine richtige Entscheidung - ein gutes Gefühl durchströmte Ihn - er würde zurückkommen, in besseren Zeiten, irgendwann.
Es war stockdunkle Nacht, als ein Auto mit auswärtigem Kennzeichen langsam vom Parkplatz der Tegelbergbahn wegfuhr und vorschriftsmäßig blinkend in die Hauptstraße einbog. Niemand nahm Kennntnis davon. Warum auch?
Er war über die Pöllatschlucht hochgekommen, das Auto mit dem auswärtigen Kennzeichen stand unten an der Talstation zur Tegelbergbahn. Am späten Abend war dort kein Betrieb mehr, zumal ein leichter Nieselregen eingesetzt hatte.
Es war nicht leicht gewesen in der Dunkelheit den Weg zu finden, aber er kannte sich aus, war hier schon Dutzend Mal gegangen zuerst in seiner Jugend mit den Eltern, dann später mit seiner Frau und den Kindern – schöne Sonntagsausflüge die in Erinnerung blieben.
Nach seiner Scheidung war er lange allein gewesen, aber das hatte ihm nicht so sehr viel ausgemacht, er war Einsamkeit gewohnt, mochte es eigentlich ganz gern, sich auf sich selbst zurückzuziehen und die Betriebsamkeit und Hektik der Andern an sich abgleiten zu lassen. Daran war wohl auch seine Ehe gescheitert, am Rückzug in sich selbst, am nicht reden können – am allein sein wollen, wenns mal wieder schwierig wurde.
Irgendwann hatte er dann Inge kennen gelernt. Sie arbeitete in der gleichen Firma, man war über die Arbeit ins Gespräch gekommen, wie dass so ist, es hatte sich halt so entwickelt. Ebenfalls geschieden, 2 Kinder, ähnliche Interessen – man war zusammen gekommen, Schmetterlinge im Bauch halt, nochmals das große Glück erleben, verstanden werden, wieder in den Arm nehmen, tiefe Gefühle voller Zärtlichkeit, nochmals Wärme und Geborgenheit erleben.
Er hatte es nicht wahrgenommen, nicht wahrhaben wollen, die Augen vor dem geschlossen, was so offensichtlich war – die Wiederholung zugelassen, schleichend zuerst aber immer mehr Fahrt aufnehmend, Kränkungen, Missverständnisse, kleine Streitereinen, den Druck gespürt anders sein zu müssen, zu sollen, um Ihr gerecht zu werden. Wieder war er gegangen, hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Er wusste, dass er Sie liebte, über alles, aber es ging nicht mehr, nach Jahren des Versuchens, des Findens und Verlierens und Wiederfindens war es nun aus.
Sie hatte es gesagt, den Kontakt abgebrochen, wollte nicht mehr – er verstand es.
Er wollte auch nicht mehr, konnte nicht mehr, er hatte es versucht, er war gescheitert. Seit einer Woche nichts mehr gegessen, seit einer Woche kaum geschlafen, geraucht, getrunken, mit dem Kopf gegen die Wand gerannt, die leeren Gläser in tausend Scherben zerschlagen, wütend, traurig, ohnmächtig, innerlich zerbrochen.
In der Firma tuschelten Sie schon „was ist bloß mit Erich los“, er tat nur noch so als würde er arbeiten, saß am Computer, schrieb irgendwelches dumme Zeug nur um es dann wieder zu löschen – nie abgeschickte Briefe.
Er war Ingenieur, ein Kopfmensch, hatte Ergebnisse zu bringen, stimmige Berechnungen, logische Aussagen, kühle Analysen, dass war es was von Ihm erwartet wurde.
„Reset“, „Festplatte neu formatieren“ – warum funktionierte das nicht bei Ihm, warum konnte er lieben, aber nicht reden, konnte zärtlich sein und im nächsten Moment doch wieder flüchten, warum konnte Ihn niemand so lieben wie er war. Die Gedanken kreisten, verwirrten sich, bildeten unlösbare Knoten – der Kopf tat weh.
Er war früher gegangen heute, mit dem Auto durch die Gegend gefahren, ziellos und doch ein Ziel findent.
Jetzt stand er hier oben auf der Marienbrücke, 200m über der Schlucht, unten toste der Wasserfall, in der Dunkelheit mehr zu ahnen als zu sehen. Zur Linken lag das Schloß, nur spärlich beleuchtet an diesem späten Abend, die Touristenströme waren mit Bussen und Autos längst wieder in ihre komfortablen Hotels zurückgeschwappt.
Die zierliche Eisenbrücke war naß vom Regen und er spürte, dass sie leicht schwankte als er sie betrat. Mit tastendem Schritt ging er zu Mitte und hielt sich leicht zitternd am Geländer fest.
Endlich diese Trauer loswerden, endlich nicht mehr fragen müssen „warum?“, nicht mehr flüchten, den Weg beenden, Ruhe finden.
Wie lange würde es dauern?
200m!
Die Schublade in seinem Kopf öffnete sich automatisch, ohne zutun, Schulbildung, Fachliteratur, Erfahrungen – zuviel Wissen gespeichert, jederzeit abrufbar, zuwenig Emotionen.
Kopfmensch halt – Ingenieur - freier Fall, Fallbeschleunigung 9,81 m/s2.
Maximale Fallgeschwindigkeit des menschlichen Körpers ca. 55 m/sec. unter Berücksichtigung des Luftwiderstandes.
55 m/sec. würde er gar nicht erreichen! Nach 5 – 6 Sekunden wäre es vorbei. 5 Sekunden, eine kleine Ewigkeit, 5 Sekunden das Leben vorbeiziehen lassen, keine Rückfahrkarte gebucht, keine Umkehr möglich, 5 letzte Sekunden.
Er begann laut zu zählen, 1…2…3…4…5…, verdammt lange, zu lange, zuviel Zeit zum nachdenken – und wenn es falsch war?
Wenn einen im letzten Moment die Erkenntnis traf „es ist falsch“, kein Zurück, keine Notbremse, kein Netz –
Entscheidung in letzter Konsequenz endgültig – „Fatal Error“
Gedanken wie Stroboskopblitze, elektrische Impulse -
Mutter – Schmerz
Vater - Warum?
Kinder – Leben
Frauen – Trauer
Arbeitskollegen – Kopfschütteln
Ich - Erlösung
- Kopfmensch, Ingenieur, beinahe 50, geschieden, eigene Wohnung, Mercedes -
Er ließ das Geländer los und atmete tief ein, zögernd trat er einen Schritt zurück, die Brille blind vor Nässe, die Haare an den Kopf geklebt, unsichtbare Tränen im Regen, die Schultern nach vorn, zitternd. Lange stand er so da, dann drehte er sich um und ging langsam schleppend den Weg zurück den er gekommen war.
Ja, er war im freien Fall, aber immerhin er hatte heute eine wichtige Entscheidung getroffen, eine die allein Ihn betraf. Eine richtige Entscheidung - ein gutes Gefühl durchströmte Ihn - er würde zurückkommen, in besseren Zeiten, irgendwann.
Es war stockdunkle Nacht, als ein Auto mit auswärtigem Kennzeichen langsam vom Parkplatz der Tegelbergbahn wegfuhr und vorschriftsmäßig blinkend in die Hauptstraße einbog. Niemand nahm Kennntnis davon. Warum auch?
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