„Gerade noch geschafft, “ freut sich mein Enkel und saust mit dem Fahrrad durch den Garten bis unter das rettende Vordach. Seine Eltern sind nicht so flott unterwegs und bekommen die ersten dicken Tropfen noch mit.

„Gibst du uns politisches Asyl? Wir wollten nur eine Radtour machen und sind nun  auf der Flucht,“ erklären unsere großen Kinder und zeigen auf den Himmel.

„Klar, ich mache Kaffee!  Wenn es innen und außen nass ist, fällt es weniger auf, “ freue ich mich über den Besuch.

Mit zartrosa Regenschirm steht noch jemand am Gartentor. Junior flitzt hin, redet kurz und fällt mir um den Hals.

„Ooooomiiiii, darf ich heute hier bleiben? Chantal schläft auch im Garten!“

„Du hast gar keine Übernachtungssachen dabei, “ winkt seine Mama ab.

„Mami! Ein Garten…das ist Freiheit, Wildnis und Abenteuer, kein Opernabend!“

Unserer Tochter klappt der Unterkiefer herunter, mein Mann grinst gemeinsam mit dem Schwiegersohn um die Wette und ich suche das Wilde in meinen gepflegten Beeten.

„Er hat hier alles, was er braucht. Wasser, Seife, Zahnbürste und gut!“ Opa weiß, wie er seine Tochter entwaffnet. Junior rennt los und läuft dann brav neben Chantal, die strahlend auf ihn einredet.

„Ich muss ihm unbedingt sagen, dass man Frauen nie so offensichtlich nachrennen darf, das macht uninteressant,“ sorgt sich Opa schmunzelnd.

„Bring` du ihm mal bei, wie man sägt, schraubt und werkelt, die Sache mit den Mädchen wird sich ganz allein regeln,“ bremst ihn unsere Tochter aus.

Junior taucht in Begleitung auf und kann sich gleich von seinen aufbrechenden Eltern verabschieden. Dann redet er auf Opa ein.

„Lust auf einen romantischen Wildwest-Abend am Lagerfeuer? Du musst nur den Teig für Stockbrot machen, “ lockt mich mein Schatz und hält den Daumen Richtung Junior hoch als ich nicke. Jubelnd rennt er mit Chantal los, ihre Eltern müssen erst noch überredet werden. Sie darf aber mitmachen.

Während ich Teig knete und die Kinder Kartoffeln schrubben, hantiert mein Cowboy heimlich in der Ecke herum.

„Was macht du da?“

„Es gibt Ochse am Drehspieß für Arme,“ erklärt er und hält mir Bratwürste hin, die er längst mit einem langen Metallspieß durchbohrt hat. Kleine Kartoffeln kommen an noch leere Spieße und die Holzstäbe werden mit Teig umwickelt. Unser Lagerfeuer ist ein Haufen glühender Holzkohle, die Gitarrenmusik kommt nur von der CD und unsere Prärie ist von Maschendraht umzäunt. Statt heulender Kojoten hören wir nur einen bellenden Hund und das Muhen der Herde wird durch zirpende Grillen ersetzt.

Um 21 Uhr stehen die Eltern von Chantal vor dem Tor. Das Töchterchen sollte um 20.30 wieder im heimischen Garten sein.  Wir winken sie herein und Junior reicht ihnen jeweils ein Stockbrot und eine Bratwurst am Spieß.

„Das soll eigentlich ein Ochse sein, aber die sind zu arm,“ erklärt Chantal glaubhaft. Die Mutter starrt mit entsetzt mitleidigen Augen auf die Stäbe in ihrer Hand. Soll sie den Armen die letzten Happen noch wegfressen? Ich halte es durchaus für möglich, dass sie morgen eine spontane Sammelaktion für uns startet. Mir ist es etwas peinlich, wenn auch das Töchterlein nur unseren Humor noch nicht versteht. Mein Mann rollt sich gemeinsam mit Junior lachend durchs Gras. Die drei Männer klären die Situation sehr schnell und der neue Besuch ist beruhigt. Wir trinken Cola und Limo aus Flaschen, halten die Spieße über die Glut und lauschen den zirpenden Grillen. Daraus entwickelt sich ein hoch wissenschaftliches Gespräch.

„Oh da, die Grillen!“

„Warum nicht? Tun wir doch auch!“

„Die Grillen im Busch!“

„Das darf man nur im Freien! Kann man eigentlich  Grillen grillen?“

„Grillen müsste man geruhsam, nie gierig grillen, sonst grollen die!“

„Zumindest würden Grillen nie Grillen grillen!“

Die Kinder haben einen Riesenspaß und trotz aller Albernheiten….wir nicht minder! Die Wiese wird langsam nachtfeucht unter dem Hintern und es ist inzwischen stockdunkel.

Chantals Vater brummt

„Abenteuer gibt es heute wohl auch noch! Die Batterie von der Taschenlampe hat gerade den Geist aufgegeben und die Wege sind finster wie sonst was.“

Mit zwei Gartenfackeln leuchten meine Männer unsere Besucher heim.

Junior strahlt „War doch toll, der Abend, oder?“

Opa neckt „Obwohl wir keine Rinderherde und Pistolen hatten?“

„Dafür hatten wir die Mädel dabei, ist doch auch ganz lustig,“ stellt Junior fest und ich bin überglücklich, eine Rinderherde und Ballermänner ersetzen zu können.

Am nächsten Morgen geht die Freiheit weiter. Mit nackten Oberkörpern stehen sie am Brunnen und waschen sich. Juniors Gänsehaut erreicht die Höhe der Zugspitze, trotzdem wäscht er sich tapfer weiter.

„Runde durch den Pool?“ Opa übertreibt mal wieder.

„Leb` du deinen Spieltrieb ruhig aus, Opa, ich bin um 9 Uhr bei Chantal zum Frühstück eingeladen,“ erklärt Junior lässig, wirft elegant das Handtuch über seine Schulter und lässt Opa verblüfft zurück.

Armer, alter, einsamer Cowboy!