Frederika saß zusammengekauert und starrte ins Leere.
Sie vernahm zwar die Worte die Claas Berger ihr mitteilte, doch es schien, das ihr Gehirn sich auflöste.
So fühlte es sich damals an als sie die Todesnachricht bekam, dass ihr Angetrauter ertrunken sei.
Claas Berger stand auf und streichelte ihren Arm.
Du wirst keine Not haben Frikie, wie alle sie in dem Fischerdorf nannten, sagte er und ich werde auch für dich da sein.
Claas war schon immer in Frikie verliebt gewesen und bedauerte es sehr dass sie einen anderen hat heiraten müssen, denn er, Claas war nicht wohlhabend genug für die Familie de Bois.
Frikie faste dankend seine Hand, sie wusste es seit ihren Kindertagen dass Claas sie verehrte und auch sie mochte ihn gerne.
Ich bin 24 Jahre sagte sie, habe 3 Kinder und mein Leben soll jetzt schon zu ende sein.
Sie schaute Claas an, der seinen Kopf schüttelte. Nein Frikie, dein Leben ist nicht zu ende, glaube mir, denn ich bin für dich da.
Du wirst das Trauerjahr überstehen und dann schauen wir weiter, sagte er und fasste sie am Kinn als er ihr tief in die Augen sah.
Frikie wusste was das zu bedeuten hatte und es grauste ihr davor was die anderen im Dorf sagen werden, wenn sie sich zu Claas bekennt.
Ihre Kinder Josje, Marten und Breda waren noch zu klein um zu wissen dass sie keinen Vater mehr hatten. Josje, war fünf, Marten vier und Breda zwei Jahre alt als sie ihren Vater verloren. Es kam ihnen nicht in den Sinn dass er nicht mehr wiederkommt, denn die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er als Schiffsoffizier auf See und Frikie traute sich nicht ihnen zu sagen dass ihr Vater nicht wiederkommt.
Das Jahr ging vorbei, keiner der Kinder fragte nach dem Vater und Claas war ständig für sie da, wenn er gerufen wurde.
Nun wurde es Zeit, sagte Claas , Zeit es ihnen zu sagen das ihr Vater nicht mehr lebt und so versammelte sich Mutter und Kinder, nebst Claas und erzählten ihnen das ihr Vater vor einem Jahr auf hoher See ertrunken sei.
Keiner der Kinder konnte sich an Vater erinnern und in Claas sahen sie eh den Mann der immer für sie da war.
Nach vierzehn Monaten streifte Frikie ihr schwarzes Kleid ab und wechselte erst einmal ins dunkelblaue, weshalb die Leute zu tuscheln begannen.
Wenn sie schon tuscheln , sagte Claas, dann kannst du auch etwas geblümtes anziehen.
Frikie Tat, was Claas sich wünschte und zog im Sommer ein hellgeblümtes Kleid an, das ihr Claas auf Amsterdam mitbrachte. Sie zog ihre Witwenkappe ab, kämmte ihr Haar nach der neusten Mode und ging mit einem Lächeln, grade durch die kleine Hauptstrasse mit ihren Kindern zum Strand .
Die Frauen schauten ihr nach und manche rief ihr SCHANDE hinterher, doch sie kümmerte sich nicht um das Gequatsche der Dorfbewohner, sondern lief lächelnd an ihnen vorbei.
Nach 20 Monaten Witwenzeit beschossen Claas und Frikie zu heiraten, wobei ihre Kinder schon längst Papa zu Claas sagten.
Claas entschied sich keine eigenen Kinder zu zeugen, denn er wusste aus eigener Erfahrung wie es ist Brüder und Schwestern zu haben die einen anderen Vater hatten.
Bei Claas lernte Frikie ein ganz anderes Leben, ein Leben das aus Güte und viel Toleranz bestand, indem sich jeder der Kinder so entfalten konnte wie er es mochte.
Nach zehn Jahre Ehe, erlag Claas einem Schlaganfall und Frikie stand jetzt mit ihren Kindern wieder alleine.
Die Trauer machte sie Missmutig , ja grantig. Nichts war ihr Recht und mit der Zeit nannte man sie die Xantipe von Ort.
Ihr jetziges Leben bestand nur aus nörgeln und sich selbst bemitleiden, sodass ihre Kinder sich mehr und mehr von ihr abwandten.
Josje traf sich jetzt öfters mit Jean, einem gut aussehenden jungen Mann, der ihr schon als Mädchen mit fünf Jahre einen Heiratsantrag gemacht hat.
Marten war schon auf einem Schiff untergebracht und Breda wollte lieber in ein Kloster als bei ihrer Mutter bleiben.
Frikie sah alle gegen sich, verfiel von einer Bosheit in die andere und war am ender einsam und alleine.
Die Nacht war äußerst stürmisch, die Wellen schlugen gegen die Dünen und nahmen sie mit ins Meer, im Dorf wurde es laut und die Männer liefen in ihren Holzschuhen zum Strand und ein Rettungsteam zu bilden für das Schiff, das in Seenot lag.
Sie ruderten mit ihren kleinen Booten aufs stürmische Meer hinaus um die Menschen vor ertrinken zu retten und begaben sich somit selbst in Lebensgefahr. Das Schiff sank und man hörte die Hilfeschreie der Männer die rechtzeitig von Bord sprangen und nicht von dem Sog mitgezogen zu werden. Viele ertanken, doch einige wurden gerettet und an Land gebracht.
Das ganze Dorf kümmerte sich um die Matrosen, die erschöpft waren und Asyl bei den Familien fanden. Auch Frikie nahm einen Matrosen auf und obwohl sein Leben an einem seidenen Faden hing, kümmerte sie sich rührend um den Mann.
Sie ließ extra einen Arzt aus Alkmar kommen, kochte für ihn die besten Gerichte, damit er Stärkung bekam und saß stundenlang an seinem Bett, betend das er durchkommt.
Die Dorfgemeinschaft schüttelte auch diesmal den Kopf, denn sie hätten alles erwartet aber nicht dass sie sich so vehement um den Matrosen kümmern würde. Adrian, so hieß er, wurde gesund und blieb bei ihr.
Niemals mehr wollte er auf ein Schiff, denn schon in jungen Jahren war es ihm ein Gräuel, doch die Tradition seiner Familie konnte er nicht entkommen und somit musste er ob er wollte oder nicht auf ein Schiff.
Adrian stammte aus Den Helder, wo fast alle Männer in der Marine waren und sein Vater sich von klein zum Admiral hochgearbeitet hatte.
Adrian, blieb bei Frikie und besuchte nie seine Verwandten die doch nicht allzu weit weg lebten. Adrie, wie er gerufen wurde, integrierte sich vollkommen in das Fischerdorf, war sehr beliebt und auch Frikie wurde wieder die Frau, die sie zuvor mit Claas gewesen ist.
Viele fragten sich, warum Adrie und Frikie nicht heirateten, doch eine Antwort bekamen sie nie darauf.
Beide lebte glücklich und zufrieden in wilder Ehe, was in dieser Zeit fast ein Verbrechen war, doch man lies es Adrie durchgehen, da er viel für das Fischerdorf tat
.Adrie war aus gebildeter Familie, hatte die höhere Schule besucht und saß auch auf der Marine Akademie, bevor er seinen Dienst auf einem Schiff anfing. Er war eine Bereicherung für das kleine Fischerdorf und ersann als erster Pläne. diesen Ort umzustellen, damit Menschen aus der Stadt sich über das Wochenende und Ferien dort erholen konnten.
Man baute ein kleines Hotel am Boulevard , das mit der Zeit immer größer wurde und in den Dünen setzte man ein Kinderheim, für kränkliche Kinder aus der Stadt die sich hier erholen konnten.
Das Fischerdorf wurde zu einem kleinen Urlaubsort und so manche Familie vermieteten in Ihrem Haus Zimmer und das Budget ein wenig aufzustocken.
Man fragte schon lange nicht warum Adrie und Frikie nicht verheiratet waren, nur dem Pfarrer waren sie ein Dorn im Auge, sodass Adrian sich entschloss aus dieser auzutreten.
27 Jahre lebten Frikie und Adrian zusammen bis der Tot seine Klauen nach Adrie ausstreckte und er einem Herzinfarkt erlitt.
Die Trauerfeier war Grandios, es gab keinen der sich nicht in dieser einreihte und der Verlust dieses Mannes machte sich auch bald im Dorf bemerkbar.
Frikie sah jetzt ihre Chance das Ruder in die Hand zu nehmen. Zwar war sie in einen Alter, wo andere ihre Glieder ausstrecken und den Ruhestand genießen, doch Frikie sah sich verpflichtet das Werk ihres Lebenspartners fortzuführen.
Sie war mittlerweile schon 66 und kümmerte sich um die Belange der Bürger und auch der Touristen im Ort.
Sie ging in Schulen um zu sehen was die Kinder dort beigebracht bekommen und für die schlausten setzte sie sich ein, damit sie in der Stadt ihr Abitur machen konnten und anschließend studieren.
Im Alter von 69 lernte sie einen Mann kennen der 20 Jahre jünger war als sie und die beiden verliebten sich unsäglich.
Jost wollte nicht in wilder Ehe mit ihr leben und bestand auf eine Heirat, die Frikie dann auch zustimmte.
Schon wieder tuschelte man im Dorf, aber mittlerweile war man von Frikie schon so manches gewöhnt und somit nahm man es hin, das sie ihr eigenes Kind , so nannte man es, heiratete.
Jost war ein gutmütiger gebildeter Mann der die Eloquenz nicht erfunden hat und froh war des Frikie sein Sprachrohr war.
Seine Ideen, die er der Gemeinde zukommen ließ, setzte Frikie um und betonte aber immer wieder, das diese von Jost kämen.
In all den Jahren die sie sich um die Gemeinde kümmerte, kümmerte sie sich wenig um ihre Kinder. Die waren schließlich erwachsen, hatten selbst Kinder und ihr eigenes Leben.
Man kann nicht behaupten dass sie eine liebevolle, geduldige Mutter war und ihre Enkel gingen ihr mehr oder minder am Hintern vorbei.
Sie hasste das Wort Oma und sie wollte auch keine sein.
Wenn mal jemand der Enkel kam, nannte man sie Großmutter und alle waren ein wenig verängstigt ihr es nicht Recht zu machen. Das sie es hasste, diese Unterwürfigkeit, erzählte sie erst kurz vor ihrem Tot.
Jost war auch ein fantastischer Handwerker und in dieser Zeit brauchte man im Hause von Frikie keinen Spengler, Maler, Tapezierer oder sonst was, denn das alles erledigte Jost mit Geduld und 1000% Akkuratesse.
Jost und Frikie feierten ihren silbernen Hochzeitstag, Frikie war inzwischen fast 95 und Jost 75 Jahre.
Sie haben beide den zweiten Weltkrieg überlebt und auch das eine ihrer Enkelinen einen Feind, einen Deutschen geheiratet hat, der das Dorf besetzte.
Mit 99 Jahren wurde sie Witwe, Jost starb mit 79 friedlich nachts an ihrer Seite im Bett und sie entschloss sich ihr Haus zu verkaufen und in ein Haus mit betreuten Wohnen zu ziehen.
Mit 100 wurde sie zu Legende des Dorfes und ihre Urenkel kamen sie manchmal besuchen, darunter auch die Tochter der Enkelin die einen deutschen geheiratet hatte.
Witzigerweise war sie die Lieblingsurenkelin, denn sie erinnerte sie sehr an ihr eigenes Leben und setzte sich wie sie über so manche Spießigkeit hinweg.
Der Geist von Frikie blieb immer wach und so manches mal, raunzte sie einen Pfleger an, das er sie nicht als altes Weib behandeln soll, auch wenn sie schon über hundert sei.
Manchmal sah sie mit Verachtung auf die alten Menschen die sich im Heim dahinschleppten, denn sie hätten gut alle ihre Kinder sein können.
Sie kleidete sich niemals dunkel, denn, so sagte sie , Schwarz macht alt, ihre Farben waren immer Pastell und unterstrichen ihr Wesen.
Als es zu ende ging waren alle Verwandte da und sie lachte laut.
So, so sagte sie, jetzt wo ich gehe kommt ihr alle.
Die meisten waren betroffen, ich lachte, denn sie sagte irgendwie die Wahrheit.
Als alle gingen, rief sie mich zurück und flüsterte.
Bleib wie du bist , lass dich nicht verbiegen, Heirate nicht, um nur verheiratet zu sein und sein nicht traurig das du keine Kinder bekommst.
Eine Bitte hatte sie noch, ich sollte ihren Papagei nehmen.
Als ich an der Tür zum herausgehen war rief sie , Duuuuuch, was soviel wie Tschüß heißt, winkte mir zu und schmiss mit einen letzten Kuss mit der Hand zu.
In der Nacht ist sie sanft eingeschlafen.Die meisten in der niederländischen Familie nennen mich mit Spitznamen Frikie, weil ich ihr mental und auch im aussehen so ähnlich bin.
Ich denke mit großer Liebe an meine Urgroßmutter.
