Frust. Ich habe Frust. Großen sogar. Auf der nach oben offenen Frustskala mindestens eine sechs. Und dann mischt sich völlig unnötigerweise auch noch jemand ein. Eine Stimme aus der Region im Kopf, in der in guten Tagen mein Verstand sitzt. Heute scheint aber kein guter Tag zu sein. „Wieso bist Du frustriert? So naiv kann doch keiner sei, und dann noch in Deinem Alter!!.“ Höre ich da nicht eine gewisse Häme? Und was zum Teufel hat mein Alter damit zu tun? Darf ich mit 60 keine Träume mehr haben? Muß ich so tun, als hätte ich keine Wünsche und Bedürfnisse mehr und würde nur noch auf den Mann mit der Sense warten?

 

  Gut, vielleicht war ich etwas zu naiv. Aber es gibt auch mildernde Umstände, die für mich sprechen. Als ich das letzte Mal ernsthaft auf der Suche nach der Einen war, mit der ich in Zukunft gemeinsam durch das Leben gehen wollte, schrieb man das Jahr 1990. Internetbörsen zur Partnersuche waren noch nicht erfunden, so musste eine Anzeige in der Stadtrevue her. Einen ganzen Tag habe ich am Text gefeilt und diesen dann eigenhändig auf ein Formular übertragen, das ich gerade noch kurz vor Annahmeschluss in einem Bioladen in Nippes abgeben konnte. Danach das erwartungsfrohe Herbeisehnen des Veröffentlichungstermins, in unregelmäßigen Abständen unterbrochen durch die bange Frage, ob sich auch die Richtige melden würde. Dann war es so weit – und mein Telefon hörte nicht auf zu bimmeln, ein Anrufbeantworter musste her. Er und ich hatten dann eine stressige, aber auch sehr schöne Zeit mit vielen interessanten Gesprächen. Viele Menschen habe ich dadurch kennen gelernt – ich bereue nicht ein Telefonat oder ein einziges Date. Und es war auch die Eine darunter, mit der ich dann….    

 

Aber das ist eine andere Geschichte, zurück zu meinem Frust. Ich bin nach wie vor der Ansicht, das Schlimmste, was mir passieren kann, wenn ich nach der Frau meines Lebens suche, ist dass kein Schwein es weiß. Da ein Ingenieurstudium nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen ist, kenne ich mich mit der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten etwas aus. In meinem Fall bedeutet das schlicht und ergreifend, je mehr potentiell in Frage kommende Frauen von meiner Suche wissen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Eine, die ich suche, dabei ist und wir in Kontakt kommen. Nebenbei bemerkt, schlaue Köpfe, die mehr als ich über die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten wissen, haben ermittelt, dass eine Frau um die 50 eher bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt als noch einen Mann für den Rest ihres Lebens zu finden. Die Chancen für einen Mann um die 60 dürften da auch nicht günstiger liegen, auch wenn er vorsichtshalber auf Flugreisen verzichten würde :-).   

 

Was hat das alles mit meinem Frust zu tun? Ganz einfach, im Jahr 2009 wollte ich mit Hilfe der modernen Technik dem Schicksal ein Schnippchen schlagen. Internetbörsen waren das Zauberwort. Gesagt, getan. Ich meldete mich an bei friendscout24, bei single.de und im Platinnetz. Dort stellte ich nach bestem Wissen und Gewissen und meinem Wunsch nach absoluter Ehrlichkeit und Offenheit verpflichtet mein Profil ein, sogar ein aktuelles Fahndungsfoto von mir war dabei. Mehrere Tage lang versuchte ich zu ergründen, was in diesen virtuellen Welten denn so abging. Glücklicherweise blieb es mir zunächst noch verborgen, sonst hätte ich möglicherweise sofort das Handtuch geschmissen.   

 

Naiv wie ich nun mal war, begann ich an Frauen, deren Profil ich interessant fand, anspruchsvolle Mails zu schreiben. Die Quote der Antworten war klein. Dann versuchte ich es mit weniger anspruchsvollen Mails. Es änderte sich kaum etwas an der Quote. Falsche Strategie? Vielleicht wurden die weiblichen Forumsteilnehmer ja so mit Mails überhäuft, dass sie in einen dornröschenhaften Zustand der Schreibhemmung verfielen? Sie virtuell wach zu küssen schien kein leichtes Unterfangen, wer kann sich schon durch ein Telefonkabel zwängen?   

 

Da kam mir eine Idee: Klasse statt Masse. Ich studierte aufmerksam die Profile ausgewählter Frauen und schrieb ihnen eine ganz individuelle und persönliche Mail. Die Quote der Antworten wurde noch kleiner, doch die wenige, die reagierten, gehörten wohl prinzipiell zu dem Kreis von Frauen, die ich auch ansprechen wollte. Doch dann kam die nächste Entäuschung: für einige war der Weg das Ziel. Sie wollten eintauchen in die Unverbindlichkeit der Cyberworld und dort am liebsten als virtuelle Persönlichkeit Mails mit einem ebenfalls nur virtuellen Partner austauschen. Dabei entsteht Mail um Mail ein fiktives Bild des jeweiligen Partners, in das auch eigenen Wünsche und Bedürfnisse eingearbeitet werden. Durch selektive Wahrnehmung und gegenseitige Bestätigung ist dann der Weg zur Idealisierung des Partners nicht mehr weit – nur hat das mit der Realität so wenig zu tun wie unsere Bundesregierung mit einem schuldenfreien Haushalt.    

 

Mir wurde sehr schnell bewusst, dass dies nicht mein Weg ist. Ich möchte Kontakte im realen Leben mit Menschen, die nicht perfekt sind, aber gerade das macht sie so liebenswert und attraktiv. Damit wurde der Kreis der Frauen, mit denen ich in Kontakt kommen konnte, noch kleiner. Ich wollte nach wenigen Mails ausgiebig telefonieren, um wenigstens ihre Stimme zu hören, und – falls wir uns etwas zu sagen hatten – das Gespräch vis-a-vis bei einem Kaffee oder einem Glas Wein fortsetzen.   

 

Nun bin ich keiner, der an Liebe auf den ersten Blick glaubt (das ist für mich ein Widerspruch in sich selbst, wie kann ich eine tiefe emotionale Bindung zu einem anderen Menschen entwickeln, ohne ihn erfahren zu haben??). Auch muß nicht der Blitz einschlagen oder seine homöopathische Variante – die der fliegenden Funken - eintreten. Ich hätte zwar nichts dagegen, aber für mich sind das nur emotionale Darlehen, die später ohnehin durch entsprechendes Verhalten und Persönlichkeitsmerkmale gerechtfertigt werden müssen. Ich wäre schon zufrieden, wenn nach jedem Treffen der Wunsch nach einem weiteren Treffen bleibt, die stetige Neugierde, mehr von seinem Gegenüber zu erfahren und ihm Schritt für Schritt näher zu kommen.    

 

In meinem Leben habe ich des öfteren magische Momente erlebt, die aus guten Bekannten ein Liebespaar werden liesen und vermeintliche Paare wieder zu Fremden machten. Deshalb ist es oft ungewiß, wohin denn die Reise gehen mag, zum Regenbogen oder in die Einsamkeit.   

 

Warum erzähle ich das alles und was hat es mit meinem Frust zu tun? Es ist die Verbindlichkeit, die ich vermisse, die aus einer zufälligen Bekanntschaft zwei Menschen auf einer gemeinsamen Entdeckungsreise werden lässt, wohin und wie weit auch immer sie gehen mag. Die Verbindlichkeit, die dem anderen signalisiert: ich bin an Dir interessiert, ich gehe das Risiko ein, herauszufinden, was aus uns werden kann.   

 

Vor 19 Jahren war diese Verbindlichkeit viel weiter verbreitet, fast schon eine Selbstverständlichkeit, wenn sich jemand auf eine Annonce gemeldet hatte. Unsere modernen Medien machen es auch denen leicht, für die der Weg das Ziel ist, die nur unverbindliche Kontakte in der Cyberworld aushalten. Wenn es zu eng werden sollte, Reset-Taste drücken und Game over.   

 

Doch Frust bin, Frust her. Es gibt nichts, was nicht erreicht werden kann, es gibt nur Wege in die falsche Richtung. So schnell gibt doch jemand aus der Generation Woodstock nicht auf  :-)