Führerschein-Entzug auf dominikanisch
So spektakuläre Erfahrungen, wie Marlene und Hans Fretz sie mit ihrem gestohlenen Mazda erlebten, sind mir bisher erspart geblieben: toi – toi – toi. Aber einige Begegnungen mit der Polizei, die bisher aber eher spaßig als frustrierend abliefen, habe auch ich in unserem Paradies erlebt: eben der ganz normale alltägliche Wahnsinn hierzulande. In Europa zieht die Polizei die „Pappe“ erst bei schwerwiegenden Delikten ein: mehrfache hohe Geschwindigkeits -Überschreitungen, mehrfach bei rot überdie Ampel gefahren, Trunkenheit am Steuer, erhebliche Punkteansammlung im Zentralregister in Flensburg, etc. Das ist hier anders und das kann dann eventuell etwa soaussehen:Einen schönen Tages fahre ich eine Freundin zum Flughafen„Gregorio Luperón“ in Puerto Plata. Nach Passieren der Schranke halte ich gegenüber dem Airline-Counter, damit Beatrix ihr Gepäck einchecken lassen kann. Privatfahrzeuge, die Fluggäste abliefern, gibt es heute nur wenige; dafür meist Busse und Taxis. Im Parkverbot, wo ich stehe - und auch stehen darf zwecks Aus- und Einsteigen - behindere ich heute niemanden wegen des geringen Bedarfs an Haltemöglich-keiten in diesem Bereich. Und so bleibe ich einfach da stehen mit meinem Auto und gehe mit Beatrix Eis essen. Als ihr Flug aufgerufen wird – es scheint der letzte des heutigen Tages zu sein – verabschieden wir uns, und ich kehre zu meinem Auto zurück. Meine Jeepita ist das einzige Auto dort weit und breit – außer ein paar Fahrzeugen, die auf dem großen Parkplatz parken. Von weiten schon kann ich erkennen, daß mein Auto weder mit einem Knöllchen ( die gibt es hierzulande nämlich gar nicht) noch mit einer Reifenkralle geschmückt ist. Ich schaue mich vorsichtig um – mir durchaus meiner „Schandtat“ bewußt: keine Menschen-Seele weit und breit, die sich für mein regelwidrig geparktesFahrzeug zu interessieren scheint. Ich habe noch nicht den Schlüssel ins Schloß der Autotüre gesteckt, als aus dem Nichts heraus zwei Polizisten neben mir stehen. Sie müssen wohl – unter meinem Auto versteckt – auf der Lauer gelegen haben: anders ist ihr rekord-verdächtig schnelles Erscheinen kaum erklärlich. Ich spiele die Unwissende: „ Asi… no estacion… asi… no he sabido… no he mirado… lo siento…“ ( ach so … Parkverbot –ach so … habe ich nicht gewußt… habe ich nicht gesehen… tut mir leid..) Was hilft ´s ? Führerschein und Ausweispapiere zeigen. Dann wollen sie mir meinen Führerschein wegnehmen. Ich beschwöre sie, daß Thema doch sofort mit einer Multa (Strafzahlung) zu beenden … das würde man doch auf der ganzen Welt so handhaben. Sie sagen jedoch, daß sie das zwar durchaus gern täten, aber der Chef habe alles schon dokumentiert. Jetzt ( es war 18:00 Uhr) sei er aber nicht mehr in seinem Büro und erst morgen wieder zu sprechen. In jedem Fall aber würde heute noch der Führerschein zum Fiscal nach Puerto Plata expediert werden. „Wie soll ich aber bitteschön nach Hause kommen ohne Führerschein?“ No problema… ich dürfe selbstverständlich jetzt auch ohne Führerschein nach Hause fahren. Ich beschwöre sie, den Führerschein nicht zum Fiscal nach Puerto Plata zu bringen, sondern ihn im Polizei-Büro des Flughafens bis morgen aufzubewahren.Inzwischen sind es vier Polizisten, die mit mir diskutieren. Ich nehme mir jetzt viel Zeit. Vielleicht lassen sie sich ja doch noch erweichen: Schließlich kenne ich mich doch in Puerto Plata gar nicht aus und ich würde ja bestimmt nicht zu dem Gebäude des Fiscal finden, lasse ich sie wissen undappelliere an ihr Mitleid. Dann klinken sich zwei Polizisten aus der Unterhaltung wieder aus, weil sie abberufen werden. Wir sind wieder zu dritt. Ich frage nach den Namen der beiden Polizisten und schreibe sie auf. Sie versprechen mir, dafür zu sorgen, daß mein FS im Polizeibüro des Flughafens liegen bleibt, und ich solle morgen um 13 Uhr dorthin in den 1.Stock kommen. Sie seien selbstverständlich dann beide auch dort. Beim vielen Hin und Her ist der FS versehentlich und unbemerkt wieder in meinen Besitz gelangt. Ich stecke ihn schnell unter meinen Oberschenkel, während ich auf dem Fahrersitz Platz nehme. Ich verabschiede mich und will gerade losfahren… ja … beinahe wäre mir der Coup gelungen, aber leider nur beinahe. Zum Schluß merken sie doch noch, daß sie den FS gar nicht mehr haben, und fangen an zu suchen. Ich spiele zunächst die Unbeteiligte, die ja gar nichts dafür kann, aber dann wollen sie mich doch noch einmal aussteigen lassen. Bevor sie mir den ganzen Wagen auseinandernehmen und einer General-Inspektion unterziehen, spiele ich die Überraschte und rücke den „zufällig“ gefundenen FS wieder heraus. Also dann… hasta mañana – a la una ( bis morgen um 13Uhr) Am nächsten Morgen erkundige ich mich vorsichtshalber bei meinem Notar, wie sich das Procedere so abspielen könnte. Guido beruhigt mich, aber erklärt, daß ich mich auf eine Zahlung von etwa 300 Pesos ( damals etwa 14 US$ )einstellen solle. Das wäre so etwa der derzeitige „Tarif“ für derlei Delikte. Ansonsten sei alles ganz harmlos. Trotzdem beschleicht mich ein ungutes Gefühl: wer weiß, was die sich noch alles an Schikanen für mich ausdenken. Vielleicht behalten sie ja sogar aus einer Laune heraus noch mein Auto da, damit ich es dann auslösen muß für viel Geld,weil bei denen gerade Ebbe in der Kasse ist? Ich beschließe, nicht mit meinem Auto, sondern mit einem Taxi zu fahren. … und das ist meine beste Entscheidung dieses Tages, wie sich noch herausstellen wird. Dem Taxifahrer erzähle ich meine Story. Der fühlt sich ab sofort für mich verant-wortlich wie ein Bodyguard oder Impresario und verspricht im Brustton der Überzeugung, das Ding zu schaukeln. Sehr pünktlich im Polizeibüro angekommen, lernen wir den Polizei-Büro-Chef persönlich kennen: er lümmelt sehr gelangweilt und Kaugummi kauend in einem massiven Bürodrehstuhl und läßt uns wissen, daß die besagten Polizisten in der Mittagspause seien und vor 15 Uhr nichtwiederkämen. Außerdem sei der FS längst schon beim Fiscal in Puerto Plata. Die zwei Polizisten haben mich also gestern vorsätzlich angelogen. Mein Taxi-fahrer aber legt jetzt los und tobt: das sei eine Unverschämtheit, so mit der Señora umzugehen. Doch der Polizeichef wiederholt ungerührt und stereotyp alles noch einmal, was wir bereits vernommen haben. Es hilft also nichts. Wir müssen uns auf den Weg nach Puerto Plata machen. Mein Taxifahrer ist rührend: „Señora, ich weiß doch, wo der Fiscal ist. Ich fahre Sie dorthin und helfe Ihnen. Es kostet Sie ja nur einen kleinen Aufpreis von … Pesos … Spezialpreis für Sie, Señora…“( ich weiß nicht mehr, wie vielePesos, aber es ist wirklich erstaunlich preiswert gewesen) Daß er meine Notlage nicht ausnutzt, ist hochanständig von ihm.Ich schenke ihm mein dankbarstes Lächeln, das ich angesichts der Situation noch hervor-locken kann. Beim Fiscal angekommen gelangen wir in eine Art Vorzimmer– nicht viel ge-räumiger als eine größere Pferdebox: Schreibtisch mit Stuhl und sonst gar nichts – außer natürlich die dominikanische Flagge und ein Bild des Präsidenten. Typischerweise gibt es wie immer keinen einzigen Stuhl für „Besucher“. Die haben gefälligst im Stehen zu warten. Ich nehme mir frech den im Moment unbesetzten Schreibtischstuhlund setze mich. Der Vorzimmer-Mensch tritt ein und will mich gerade barsch anherrschen und von seinem Stuhl vertreiben. Da fährt mein Taxifahrer dazwischen und wiederholt, was er über die kürzlich erfolgte OP meiner Oberschenkel-Fraktur von mir inzwischen weiß. Ich bleibe sitzen und denke nicht im Traum daran, den Stuhl frei zu geben. Das hat glücklicherweise zur Folge, daß man mich möglichst schnell wieder loswerden will. Als dieser Vorzimmer-Papptiger hört, daß der FS erst gestern entzogen worden ist, will er uns heim schicken und in einer Woche wiederkommen lassen.„No, no, no! Necesito mi licencia ahora mismo, porque tengo que viajar a Europa mañana..“ ( ich brauche meine Fahrlizenz auf der Stelle, weil ich morgen nach Europa reisen muß ) Das stimmte zwar nicht, aber die haben mich ja gesternauch ziemlich dreist angelogen dort am Flughafen. Daraufhin läuft er eilig ins Zimmer nebenan und kommt auch schon gleich zurück, um mich dorthinein zu winken. Dort sitzt eine wichtige und schwergewichtige schwarze Madame am Schreib-tisch und geht der dominikanischen Lieblingsbeschäftigung nach: nämlich telefonieren. Ich setze mich - auch ohne Aufforderung - vor dem Schreibtisch auf den Stuhl, den es hier wenigstens gibt, während Madame mich keines Blickes würdigt undunaufhörlich ohne Punkt und Komma in den Hörer babbelt. Mit Spanisch hat das nicht einmal ansatzweise zu tun, was da an Sprach-Marmelade aus ihren dicken rot geschminkten Lippen quillt. Ohne das Gesabbel auch nur für eine Sekunde zuunterbrechen, steht sie auf und wühlt in einem Karteischrank. Sie wendet den Kopf in meine Richtung, ohne mich anzusehen: „Babbel – babbel – bla –cincuenta - bla – babbel –bla-bla – cincuenta – blablabla“. Sie wird immer lauter und schließlich brüllt sie mich an:„Pague cincuenta Pesos.“ Asi aha…..Ich habe diese schon ein paarmal erwähnte Zahl nicht auf mich bezogen und mich nicht angesprochen gefühlt, da ich ja auf 300 (trescientos) Pesos „geeicht“ gewesen bin. Also … 50 Pesos… nichts leichter als das … und passend habe ich es auch noch – gottseidank: Geld und FS wechseln den Besitz und ich bin wieder draußen, während die dicke „Fiscal-Madame“ immer noch in den Hörer sabbelt. Mein Taxifahrer ist stolz, daß ich ihn als einen echten Freund in der Not lobe und mich auch bei der Abrechnung erkenntlich zeige. Dann treten wir die Rückfahrt nach Sosua an. Im Nachhinein betrachtet, war´s doch ganz lustig und hat sogarSpaß gemacht, ein paar landestypische Beobachtungen anzustellen und auf diese Weise ein bißchen was dazu zu lernen: in und von unserem Paradies mit seinen „kleinen“ Macken.
