November 2009
Vergangenen Dienstag war Frau unterwegs in der Stadt, zum Bummeln, Weihnachtsgeschenke kaufen und was Frau so macht, wenn sie ein bisschen Zeit hat. Ein bisschen zusätzliche Zeit aber nur, weil der Schwimmkurs ausfiel. Es ist eine gefährliche, weil teure Angelegenheit, wenn „Frau“ kurz vor Weihnachten etwas Zeit UND etwas Geld hat. Gefährlich fürs Portemonnaie, aber GUT für den Einzelhandel.
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In einem schnuckeligen Laden in der Hauptstrasse passiert es dann: Beim bezahlen-wollen eines kleinen Präsents für den lieben Schwiegersohn holt Frau u.a. einen Fünf-Euro-Schein aus bewusstem Portemonnaie und hat – ei verflixt – ZWEI halbe Scheinchen in der Hand. UPS! Die nette Verkäuferin möchte DIESE Fragmente natürlich NICHT haben.Man guckt sich übern Ladentisch freundlich-verlegen grinsend ins jeweils gegnerische Blauauge und, naja, Frau stopft das entzweite Scheinchen wieder zurück in seine Behausung.(Was hat den blöden Schein nur dazu getrieben, seine Besitzerin so zu blamieren!)
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„Wo krieg ich den denn nun gewechselt?“ fragt Frau überflüssigerweise. Weiss Sie doch genau, dass so etwas NUR eine Bank macht! Sie grinst blöde. „Bei der Bank“ sagt die nette Verkäuferin. Und grinst auch. Aber nicht blöde, eher mit einem „das weiss doch jedes Kind, Du dusseliges Ding“- Ausdruck auf dem immer noch freundlichen Gesicht. „Na klar“ sagt Frau und lacht (gackert!). „Nebenan ist gleich die Noris-Bank“ sagt die nette Verkäuferin, nimmt den von Frau inzwischen herausgepulten 50-Euro-Schein und gibt Wechselgeld. „Danke“ sagt Frau, geht aus dem schnuckeligen Laden und nimmt sich vor, da NIE WIEDER hin zu gehen.
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Blamieren steht mir nicht, denkt Frau; geht rein zur Noris-Bank und guckt, ob da jemand Zeit für sie und ihren doofen Fünfer hat. Ein weiteres freundliches Gesicht spricht sie mit einstudiertem „was kann ich für Sie tun“ an und mit einem Strahlen in den Augen, als würde Frau den Millionen-Lotto-Gewinn hier einzahlen wollen. Nix da. Frau holt die zwei Hälften Fünfer wieder hervor und bittet höflich, diese doch bitte gegen einen möglichst einteiligen Schein ein zu tauschen. Das Lächeln hinter dem Bankschalter strahlt weiter und mit der Antwort „tut mir leid, wir haben hier keinen Bargeldverkehr“ ist Frau entlassen. Jetzt ist Frau ratlos. AHA – eine Bank, aber KEIN Bargeld, denkt sie, das schützt vor Überfällen. Darüber muss sie nun selber lachen, bedankt sich und entweicht.
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Und nun? Ach ja! Da ist doch am Markt die Deutsche Bank! DIE haben Bargeld. Das weiss sie, hat sie doch dort schon des Öfteren ihr entleertes Portemonnaie wieder auffüllen können. Mit Beschwingten Schritten und frohen Mutes begibt sie sich zur Deutschen Bank - wird diese leidige Angelegenheit doch gleich erledigt sein.
Tralala.
Deutsche Bank. Imposantes Gebäude! ZWEI Eingänge. Na ja, braucht man dort wohl auch bei den vielen zufriedenen Kunden….. Sie nimmt nicht den Eingang mit den ganzen Automaten, sie geht schnurstracks in die Schalterhalle und prallt – wie könnte es anders sein – gegen eine achtköpfige Schlange vor dem einzigen Schalter, hinter welchem sie einen Menschen mit Kompetenz vermutet. Auf der anderen Seite in dieser grossen Halle sieht sie aus dem Augenwinkel, dass noch ein Schalter mit einer Dame der Bank besetzt ist, aber da geht es nur um Bausparen oder so was ähnliches. Da wartet auch keiner, also gibt’s da auch kein Geld. Denkt sie und stellt sich ans Ende der Schlange.
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Und wartet. Und wartet. Und kann während dieser Zeit die wichtige Persönlichkeit hinter dem Schalter beobachten. Dass diese Dame wichtig ist, erkennt Frau sofort an deren Aussehen und Gebaren. Bestimmt schon seit der Lehre hier und mittlerweile zur gewichtigen und ergrauten Schalter-Eminenz herangereift. Kurz vor dem Rentenalter, also passend zum Alter der armen zwei halbe-fünf-Euro-Schein-Besitzerin und somit GENAU die richtige Ansprechpartnerin. So denkt Frau, während sie sich Zentimeter um Zentimeter nach vorne schiebt.
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Endlich ist sie dran. Triumphierend, als hätte sie die aufregendste Sache der Welt zu präsentieren, pult Frau die bewussten zwei Hälften aus dem Portemonnaie, reicht sie mit siegessicherem „ich habs geschafft“-Blick und freundlichem Grinsen über den Tresen und bittet um Umtausch.
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Der Zerberus hinterm Pult blickt Frau an, als hätte sie ihr einen unsittlichen Antrag gemacht. Schüttelt bedauernd und sehr bedächtig das imposante Haupt und mit den Worten „Es tut mir leid, das D Ü R F E N wir nicht, Sie müssen damit zur BUNDESBANK! Nur DORT kann man kaputte Geldscheine umtauschen“ lässt sie Frau völlig verzweifelt, verdattert und was weiss ich noch alles stehen, guckt noch mal mitleidig und wendet sich ab.
SO! Verdammt noch mal! Frau wendet sich fast mit Tränen der Wut und Unverständnis und will gehen. Wo war gleich noch mal die Bundesbank? Hm. Diese Frage richtet die schnöde Abgewiesene nun erneut an Frau Zerberus. Zerberus verdreht die Augen. „ Die Langestrasse runter und da sehen Sie dann schon das grosse rote Gebäude“. „Danke“ murmelt Frau und geht.
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Die Langestrasse runter. Inzwischen tun die Füsse weh und da Frau nebenbei bemerkt auch noch leicht gehbehindert ist, erscheint ihr die nun zu bewältigende Strecke fast unmenschlich. Aber da hat sie nicht mit ihrem körpereigenen Adrenalin gerechnet, das sich nun aufschwingt und sie mit „das wär doch gelacht, wenn ich DAS nicht auch noch schaffe“-Gefühlen überschwemmt.
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Die BUNDESBANK! Da wird einem ganz heilig zumute, wenn man nur die grosse Freitreppe mit letzter Kraft erklimmt und dann das Portal aufstossen darf. Ein Portal, so gross und wichtig - eines Domes würdig, ragt es nun vor ihr auf. Und genau so schwer wie es aussieht, lässt es sich endlich aufstemmen. Da hat Frau aber noch mal Glück gehabt, denkt sie nebenbei (hätte ja auch sein können, dass die BUNDESBANK gerade keine Öffnungszeit hat, weil man das Geld des Bundes dort zählen muss oder sonst was).
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Warteschlange, na klar. Aber hier kann man sich wenigstens auf locker hingestellte rote (!) Sesselchen SETZEN und während der nächsten dreissig Minuten ein wenig über die Ungerechtigkeiten der Welt simulieren.
Ganz dezent das „Kassenhäuschen“. Nicht etwa so ein popeliger Schalter, wo jeder Hinter-mann sieht, was der vor ihm gerade holt oder einzahlt – neiiin – hier sind wir ja schliesslich in der BUNDESBANK! Ha!
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Frau kommt dran. Geht ganz wichtig ins „Kassenhäuschen“. Die Tür fällt mit einem satten OMPFT hinter ihr ins Schloss. Hier RIECHT es förmlich nach Geld. Und der Herr aller Scheine und Münzen wartet mit enorm wichtigem Gesicht und enorm gewichtiger Figur (muss an dem bewegungsfreien Arbeitsplatz liegen) hinter meterdickem Panzerglas auf den, der ihm da jetzt wohl wieder den Arbeitstag versauen will.
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Mit einem grummeligen „Bitte“ schiebt er Frau unter dem Panzerglas eine Schublade von der Grösse eines mittleren Reisekoffers entgegen. Rrrrummms. Frau glotzt ahnungs- und hoffnungslos in diese unergründliche Tiefe, in der – ei der Daus! – auch noch ein kleines Tupperschälchen sein Dasein fristet.
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‚Was denn?‘ denkt Griesgram und guckt. ‚Ach ja!‘ denkt Frau und erinnert sich, warum sie hier ist. Zögerlich und ängstlich auf Grund gemachter Erfahrung befördert sie nun WIEDER mal diesen verflixten Zweiteiler ans Tageslicht, wedelt damit herum und sagt: „Der ist hin! Krieg‘ ich da jetzt zwei Scheine dafür?“ Der reine Fatalismus schüttelt sie, aber ihr persönlicher Schutzengel, oder weil bald Weihnachten ist oder weil irgendwer irgendwo ein Einsehen hat, zaubert auf ihrem Gesicht das verführerischste Lächeln hervor. Mit diesem Lächeln hat sie zuletzt vor gefühlten vierzig Jahren schon die grössten Erfolge erzielt – und – SIEHE DA:ER LÄCHELT ZURÜCK ! Kein Grinsen – ein Lächeln! Was für ein Mann! Sie kann es nicht fassen.
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„Legen Sie das da rein“ sagt er und deutet auf die Tupperschüssel. Sie tut‘s. Er holt alles zu sich heran, klaubt die beiden Teile mit seinen kräftigen Händen behutsamt heraus, guckt, prüft, wendet, riecht (nein, Quatsch!) und nickt bedeutsam. Dann – Frau folgt gebannt seiner Hände Arbeit – dreht er sich gemächlich herum, nimmt eine Rolle Klebestreifen, reisst ein Stück ab und legt dieses bedächtig vor sich auf den Tre-sen, Klebeseite nach oben. Während Frau schadenfroh grinsend darauf wartet, dass sich die Enden dieses Streifen infamerweise nach innen biegen und zusammenpappen (bei ihr passiert das IMMER mit Klebestreifen), beäugt ER dieses Stückchen Streifen mit einem Argwohn, als würde es sich jeden Moment in eine kleine giftige Natter verwandeln und ihn in den Finger beissen! Hat es aber nicht getan. (Hätte Frau aber nicht gewundert, wenn doch).
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Mit der gleichen Behutsamkeit wie zuvor legt ER die entzweiten Scheinteile AKKURAT (Jawohl!) auf den Streifen und pappt sie fest. Biegt noch die überstehenden Enden um den Schein und betrachtet sein Werk wohlwollend. Frau glaubt, gleich in Ohnmacht fallen zu müssen. ‚Das war’s?‘ denkt sie hysterisch – der hat den Schein nur ZUSAMMENGEPAPPT (sie schreit fast in Gedanken) – und jetzt krieg ich ihn wieder zurück??? Sie stöhnt.
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Er schaut sie an, strahlt, und reicht ihr mit der Grandezza eine lateinamerikanischen Tangotänzers (was trotz seiner gewichtigen Persönlichkeit hervorragend geklappt hat) aus einer unterm Tresen verborgenen Lade einen 5-Euro-Schein mit den Worten: „Dafür haben Sie jetzt aber einen GANZ NEUEN, druckfrisch, sozusagen“. Sie guckt ihn nur noch sprachlos an, haucht ein „Danke“ mit dem (hoffentlich!) gleichen verführerischen Lächeln wie zuvor und geht.
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Seither ist die Welt für sie nicht mehr so, wie sie mal war.
