Möglicherweise schon. In einem Interview sagte vor kurzem die Schauspielerin Senta Berger, wenn sie Glück hätte, würde sie 80... "Das sind noch fünfzehn Sommer, doch was sind schon fünfzehn Sommer?" Das hat mich erschreckt. Auch meine Sommer werden knapper.
Man könnte diese Gedanken noch verschärfen und sich ausmalen, wieviele olympische Spiele man noch erleben wird, das heißt: erwartbare Jahre geteilt durch vier. Oder man schätzt, wieviele runde Geburtstage man noch feiern wird, dann geht es sogar in Zehnerschritten vorwärts.
Größere Überraschungen in meinem Leben will ich zwar nicht ausschließen, doch ich rechne nicht mehr mit ihnen. Anders habe ich als Kind die Zeit gefühlt. In unserem Wohnzimmer standen an einem weißen Türrahmen übereinander Bleistiftstriche mit einem Datum. So vermaßen meine Eltern mich und meinen Bruder einmal im Jahr mit dem Zollstock. Mit eigenen Augen konnten wir sehen, wie sich das Großwerden hinzog. Jede Jahreszeit kam mir unendlich lang vor. Die Sommer dauerten in meiner Erinnerung, bis ich ganz satt war vor Hitze und nassen Badesachen.
Heute rennt der Sommer regelrecht an mir vorbei - kurz danach schneit es schon. Man könnte die Weihnachtsdeko gleich für das nächste Fest stehenlassen. Meine Kinder sind jetzt erwachsen, kaum zu glauben. Vor kurzem gingen sie doch noch an meiner Hand über die Straße... Auch meine Bekannten wundern sich, wie alt ihre Kinder plötzlich sind. Das muss über Nacht passiert sein.
Oft denkt man, der Tag müsste 48 Stunden haben. Junge Leute sagen so etwas nicht. Thomas Gottschalk, der ewig junge Lockenmann, sprach davon, dass er die untergehende Sonne bereits etwas größer sehen würde als seine jüngeren Kollegen. Er wäre nicht mehr wie früher 1,92 m groß, sondern bereits "auf dem Rückweg". Ab einem bestimmten Alter beginnt die Zeit zu rasen, indem sie schrumpft. So wie Thomas Gottschalk.
Dann gibt es noch die älteren Männer, auch "Graubärte" genannt, die sich junge Freundinnen nehmen, Kinder zeugen und sich so Verlängerungsgefühle borgen. Moderne Hirnforscher erklären das veränderte Zeitgefühl im Alter damit, dass man nicht mehr viel elementar Neues erleben würde. Das Gehirn hätte weniger zu tun. Dadurch fehlt der Botenstoff Dopamin.
Vielleicht ist es wie auf einer Autofahrt: Der Hinweg kommt einem immer länger vor als der Rückweg.
Foto: pixelio
broianigo
Fünfzehn oder zwanzig Sommer?
Wieviele bleiben mir noch? Verändert sich mit zunehmendem Alter unser Zeitgefühl?
23 Platinern gefällt der Artikel
Gefällt mir auch
Kommentare zum Artikel