Ach, bei der Gelegenheit. Ich hab´ noch gar nicht so genau hingesehen, aber das Design des EM-Balls ist doch wieder ein neues, oder?

Beim letzten Mal, also zur WM -- ich sag´ euch, da war das Ball-Design ja ein echter Brüller. Die meisten haben´s komischerweise gar nicht gesehen, bis ich sie mit der Nase draufgestoßen habe: Dieses „Dekor“ -- gebt´s zu, jetzt fällt´s euch auch auf -- dieses Dekor sah aus wie eine Slipeinlage. Stimmt´s?

Ein Mitarbeiter warf in dem Zusammenhang trocken ein: „... gibt´s auch in rot!“, womit die Diskussion, ob Slipeinlage oder nicht, dann etwas ins Zotige abzudriften drohte.

Was wollte ich doch gleich?

Ach ja, die Anekdote. Eigentlich sind´s ja zwei.

Zugegeben, ich habe mitunter einen recht kräftigen Händedruck. Nein nicht so einen Schraubstockgriff, wie ihn Männer gern austeilen, weil sie irgendwo mal gelesen haben, das zeugte von Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein -- auch so´n ausgesprochen häufig und gern falsch angewandter Begriff, gemeint ist natürlich Selbstsicherheit.

Verflixt, ich gerate ins Plaudern. Wartet, nur noch einen Schluck Kaffee. So.

Also zurück zu meinem Händedruck, der im Normalfall durchaus noch als weiblich zu bezeichnen ist, der aber mitunter (zuvorkommend) ein wenig fester ausfällt, nämlich wenn es sich um einen bestimmten Typ Mann handelt, der seine Hand nach der meinen ausstreckt. Ich erkenne solche Männer, bei denen man sich auf „Handgreiflichkeiten“ gefasst machen muss, schon intuitiv. Sie meinen es ja nicht böse; sie erinnern sich lediglich an das, was sie mal gelesen haben und wollen die Positionen proaktiv feststecken, bevor irgendwelche Zweifel im Rollenverständnis aufkommen.

Einigen von euch ist das Spiel sicher vertraut: Wer zuerst drückt, hat gewonnen, weil man dem anderen mit etwas Geschick nämlich die Spannung aus dem Griff drücken kann. Also prophylaktisch, wie gesagt, nur um mich vor den Schmerzen zu schützen, die der besagte Schraubstockgriff auszulösen in der Lage ist, versuche ich mitunter, „zuvorkommend“ zuzudrücken.

Schwupp, hatte ich seine Rechte umschlossen. Ich war im Druck einen Sekundenbruchteil schneller, meinte ich. Keine Gegenwehr. Statt dessen eine Überraschung, ach, was sage ich: ein Schock! Mein Gegenüber sank mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden, wälzte und krümmte sich unter schwerem Gestöne und hielt sich dabei -- nein, nicht die Hand, sondern das Knie. Ja, das Knie!!!

Eine Freundin klärte mich auf: „Fußballer!“ und setzte dann ein wenig verächtlich nach: „Die reagieren immer so. Bei der kleinsten Berührung. Die sind so dressiert.“

Das erinnerte mich an das einzige Fußballspiel in meinem Leben, dem ich „live“ beigewohnt hatte. Es war so um die Zeit meines „gesellschaftlichen Erwachens“. Ich mag wohl gerade achtzehn gewesen sein und absolvierte diverse Erfahrungen mit politischen Parteien und mit allen möglichen Ausprägungen von Religion und Weltanschauung -- Aktivitäten, die meine redlichen Wirtschaftswundereltern innerhalb weniger Monate um Jahre haben altern lassen.

So in der Zeit also fand ich es unter anderem auch ganz toll, mich -- immerhin Mitglied des örtlichen DRK-Vereins -- als Sanitäterin ausbilden zu lassen. Aus reiner Nächstenliebe, versteht sich.

Wer danach hochqualifiziert mit dem Zertifikat wedelt, ist natürlich „scharf“ auf den Ernstfall. Den bewarb ich mir alsbald herbei und wurde prompt einem erfahrenen Kollegen (Fußballfan vom Scheitel bis zur Sohle) als Juniorsanitäterin bei einem Fußballspiel im heimischen Stadion zur Seite gestellt.

Langeweile pur, wenn man, wie ich, ein eher lockeres Verhältnis zum Kicken hatte ...

... bis es dann geschah: Das Spielergewühl in der Mitte des Feldes löste sich auf und jagte dem Ball hinterher, nach rechts oder links; ich weiß es nicht mehr. Am Boden zurück blieb ein -- ja, was mochte das sein? -- ein Sterbender? Ein Schwerverletzter? ... oder hatte er diese Welt bereits verlassen?

Er lag da und regte sich nicht. Niemanden schien das zu interessieren! Eiskalte Gesellen!!

Man hatte mir als einzige Regel eingebläut, auf keinen Fall einen Einsatz auf dem Spielfeld zu inszenieren, bevor der Schiedsrichter ein entsprechendes Pfeifsignal gäbe.

Kein Pfiff! Totale Ignoranz. Ich scharrte mit den Hufen. Er, der Tote, bewegte sich leicht. Letzte Reflexe. Der Schiedsrichter nahm keine Notiz von dem Drama.

War es nicht meine Aufgabe ... ?

Immer noch kein Pfiff! Ich pfiff darauf! Hier war ein Menschenleben in Gefahr, und ich hatte nicht nur die Möglichkeit, sondern seit ein paar Tagen auch die Fähigkeiten, es zu retten! Damit war ich in der Pflicht!

Ich handelte, rannte ungeachtet des „Gesetzes“ auf den Rasen; meine frischpolierte Sanitäterinnentasche öffnend, beugte ich mich zu ihm herab, streckte die Hand nach ihm aus ...

... als er unvermittelt die Augen aufriss und mich, vor Vitalität nur so strotzend, anfuhr: „Bist du total bescheuert? Hau ab!!! Der Schiri soll unterbrechen!“

Noch Fragen?