„Tim, Du kannst es ändern!“ sagte auffordernd - aber ruhig und eindringlich – Major Dan.

Mein Leben hatte damals, 2 Monate vor Weihnachten, eine dramatische Wendung genommen. Mein Vater war plötzlich verstorben. Einfach so. Keine schwere Krankheit, kein Verkehrsunfall - keine Ansage.

„Einfach so?“ fragte ich damals Major Dan – ungläubig und meine Stimme überwarf sich. Ich kämpfte dagegen an, doch es half nichts: Die Tränen kullerten einfach so aus meinen Augen. Meine Kehle fühlte sich an, als hätte ich eine Packung Mehl verschluckt.

„Tim!. Du kannst es ändern! Wirklich!“ sagte wieder Major Dan. Dieses Mal noch eindringlicher, aber genauso ruhig und freundlich wie vorher.

Major Dan – das Idol meiner Jugendtage – stand im Vorratsraum irgendeiner Großtante 3. oder 5. Grades mir gegenüber. Major Dan: Durchtrainiert, gut aussehend, mehrfach ausgezeichnet nach zahlreichen Missionen. Major Dan: Kampfpilot und Astronaut. Keiner sagte es öffentlich von meinen Schulkameraden, aber wir alle liebten Major Dan.

Wie? Sie kennen Major Dan nicht? Haben Sie denn nie Comics gelesen in Ihrer Jugend? Major Dan war der Held unter weiteren 5 Helden der Zack-Comics.

Da stand er nun vor mir. Leibhaftig. Moment, wirklich leibhaftig? War das nicht alles nur ein Traum? Ein böser Traum! Wie bereits erwähnt: Es war Weihnachten, genauer gesagt, die Nacht vor Heilig Abend. Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, hatte mich damals zu dieser Großtante gebracht. Ich war 10 Jahre alt und sollte das erste Mal Weihnachten ohne meine Eltern verbringen. Geschwister hatte ich keine. Niemand, mit dem ich reden konnte. Ich war allein. Ganz allein. Nun sagen Sie jetzt bloß nicht: „Gott war bei Dir.“ Gott? Wo war er denn? Mein Vater war tot. Ab dem Moment gab es auch das Christkind für mich nicht mehr. Ich glaubte ja sowieso nicht mehr an den Weihnachtsmann. Na ja, beim Christkind war ich mir nicht so sicher. Jetzt jedoch schon, glaubte ich: Alles Schwindel. Alkohol für die geschundene Seele, die nicht trinken darf. Bevor Sie mich jetzt schelten: Letzteres habe ich als zehnjähriger noch nicht gedacht. Ich hätte solche Gedankengänge aber entwickeln können, wenn – ja, wenn mein Leben nach dem Tod meines Vaters einfach so weitergegangen wäre – ohne Major Dan, der da nun vor mir stand. Irgendwie sah er aber anders aus als in den Comics. Sein Raumanzug war irgendwie – wie soll ich sagen – kosmischer. Das Visier seines Helmes hatte er weit aufgeklappt. Man konnte gut sein Gesicht erkennen. Es kam mir irgendwie bekannt vor, dieses Gesicht. Jedoch wollte mir einfach nicht einfallen, an wen mich dieses Gesicht erinnerte.

„Tim! Ich weiß wie Du Dich fühlst. Es kann alles anders werden. Bitte, glaube mir!“ Major Dan versuchte, einen Schritt auf mich zuzukommen, was aber nicht möglich war in diesem kleinen Vorratsraum irgendeiner Großtante, bei der ich meine Weihnachtsferien verbringen musste. Ich wollte Major Dan ausweichen und presste mich weiter gegen die Wand hinter mir. Irgendetwas Hartes bohrte sich in meinem Rücken.

„Autsch!“ schrie ich.

„Psst!“ zischelte Major Dan. „Wir wollen doch niemanden aufwecken.“

Meine rechte Hand tastete die Wand entlang. Ich suchte einen Gegenstand, etwas Hartes, eine Waffe. Ich wollte Major Dan damit niederschlagen. Mein Idol stand vor mir und ich? Ja, ich hatte eine Wahnsinnsangst. Mein Körper zitterte. Seit dem Tod meines Vaters lief ich nur noch lustlos herum. Alles war mir egal. Der einzige Vorteil war, dass die, die mich in der Schule immer hänselten, mich plötzlich in Ruhe ließen. Meine Klassenlehrerin hatte sie zurechtgewiesen. Na toll, musste dafür mein Vater sterben? Warum hatte sie die gemeinen Kerle nicht schon vorher von mir ferngehalten. Egal.

Egal waren mir damals auch mit einem Mal meine Bauchschmerzen. Seit dem Tode meines Vaters stand ich jede Nacht mehrmals auf, um ein Glas Wasser zu trinken. Damit wollte ich die Dinosaurier, die sich durch meinen Magen fraßen, ersäufen. So kam es mir immer vor, wenn ich diese Magenschmerzen hatte: Dinosaurier in meinem Bauch. Ich stellte mir dann immer vor, dass ich schon Löcher in meinem Magen hätte, durch die das Wasser aus dem Magen in meinen weiteren Körper dränge. Es dauerte bestimmt nicht mehr lange, dann würde Wasser anstatt Blut aus Ratschern oder sonstigen Wunden fließen, die man sich beim Hinfallen zuzog. Wasser trinken wollte ich auch in jener Nacht vor Heilig Abend, als ich bei der Großtante war. Ich war zur Küche hinuntergegangen. Als ich mir gerade ein Glas aus einem der naturholzbelassenen Küchenschränke holen wollte, hörte ich eine Stimme meinen Namen rufen. Ich horchte auf und drehte mein rechtes Ohr in die Richtung, aus der die Stimme zu kommen schien. Das Licht in der Küche war an. Damit niemand meinen nächtlichen Gang bemerkte, hatte ich die Küchentür leise hinter mir zugezogen.

Wieder hörte ich die Stimme meinen Namen rufen: „Tiiiiimm! Hiiierr!“

Es war eigentlich kein richtiges Rufen, sondern eher so ein heiseres, wie man es von den Hörspielcassetten her kannte. Sie wissen schon: TKKG oder die 5 Freunde. Ich begann mich vom Schrank, wo die Gläser standen, wegzubewegen – in Richtung Küchentisch, der mitten in der Küche, die wohl acht mal acht Meter maß, stand.

„Tiimm! Hiierr! Unter dem Tisch!!!“ rief die Stimme. Ich schob einen der an dem Tisch stehenden Küchenstühle beiseite und duckte mich. Ein breiter Lichtstrahl fiel pötzlich über den Küchenboden, als sich unter dem Tisch eine Luke öffnete. Diese Luke hatte ich noch gar nicht bemerkt, obwohl ich schon bereits drei Tage bei der Tante war. Kein Wunder. Lag doch sonst immer ein alter, zerfranster Teppich unter dem Tisch. Der Teppich war in dieser Nacht aber nicht mehr da. Die Luke öffnete sich und man konnte eine behandschuhte Hand sehen. Es war ein außergewöhnlicher Handschuh: Silbrig glänzend und sehr dick. Er erinnerte mich an die Handschuhe von Astronauten, die ich bereits im Fernsehen schon gesehen hatte.

Die Stimme forderte mich auf, herunterzukommen. Ich fasste die Luke an und öffnete sie so weit es ging. Erstaunlicherweise war die Luke gerade so groß, dass ihr Deckel noch unter den Küchentisch passte. Zwei Ketten an den Rändern, über den Scharnieren, hielten sie. Nachdem die Luke weit geöffnet in den Ketten stramm hing, sah ich hinab in den Licht durchfluteten Raum unter dem Küchentisch. Eine steile Holztreppe ohne Geländer führte hinab. Man konnte verstaubte Einmachgläser und Weinflaschen erkennen. Ein paar verrunzelte Kartoffeln lagen auf dem Boden herum. Niemand war zu sehen. Wieder hörte ich die Stimme meinen Namen sagen.

„Tim. Komm herunter. Ich möchte mit Dir reden. Es ist sehr wichtig.“ Die Stimme klang nun nicht mehr rauchig heiser, sondern klar und deutlich. Und sehr freundlich. Verführerisch freundlich. Ich schreckte kurz zurück.

„Eine Falle. Einbrecher!“ dachte ich. „Egal! Sollen sie mich doch holen.“ Sinnierte ich weiter. Dann stieg ich die Holztreppe rückwärts, die Hände jeweils die nächst höhere Stufen über meinen Kopf greifend, hinab. Als ich unten ankam, richtete ich mich auf und drehte mich langsam um. Dann sah ich diesen – diesen …verdammt, mir wollte es zunächst nicht einfallen, dann jedoch fiel mir mein Lieblingsheld ein. Genau: Das Wesen, das meine Stimme gerufen hatte, sah aus wie Major Dan. Er saß in der rechten Ecke des Raumes, auf einem Kartoffelsack.

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Nachdem ich ‚Autsch’ gerufen und Major Dan mich um Ruhe gebeten hatte, forderte er mich nun auf, den Vorratsraum zu verlassen. Wir stiegen nach oben, schlossen gemeinsam die Luke und legten den alten, zerfransten Teppich – Major Dan hatte ihn aufgerollt mit in den Vorratsraum genommen – auf ihr. Dann krabbelten wir unter dem Küchentisch hervor. Das war für Major nicht ganz so leicht, in seinem dicken Raumanzog. Ich half ihm, sich aufzurichten. Wir setzten uns an den Küchentisch und Major Dan begann zu erzählen. Er wusste wirklich alles von mir.

Meine Eltern hatten sich damals ihre gemeinsamen Aufgaben so aufgeteilt, dass meine Mutter den Unterhalt verdiente. Sie war selbständig und besaß eine Drogerie. Mein Vater half dort ab und zu aus. Ansonsten übernahm er die Führung des Haushaltes, brachte mich morgens zur Schule und holte mich wieder ab. Am Nachmittag machten wir zusammen die Hausaufgaben. Und wenn ich mal nicht mit meinen Freunden spielen wollte, durfte ich meinem Vater bei Renovierungsarbeiten helfen. Meine Eltern hatten einen alten Bauernhof gekauft, den mein Vater renovierte. Aber eigentlich spielte ich doch lieber immer mit meinen Freunden. Auf dem alten Hof gab es immer wieder Neues zu entdecken. Ich hatte zwei Freunde in meiner Klasse, die mich gerne besuchten. Der Hof war wie ein großer Abenteuerspielplatz. Mein Vater hatte sogar ein Baumhaus gebaut, mit einer langen Rutsche daran. Im Sommer hatten wir noch ein großes Planschbecken an die Rutsche gestellt, in das wir mit Karacho hineinplumpsten. Mann, war das ein Spaß. Der Hof lag außerhalb des Dorfes an einem Bach. Große Pappeln umsäumten den Hof und raschelten wie Samtpapier, wenn der Wind sie anhauchte.

Eines Tages holte mein Vater mich nicht mehr von der Schule ab. Die Lehrerin hatte meine Mutter in der Drogerie angerufen. Als meine Mutter mich dann eine Stunde später als üblich von der Schule abholte, mit einem Taxi, sagte sie zu mir mit weinerlicher Stimme:

„Tim, Du musst jetzt ganz tapfer sein. Dein Vater ist tot!“ Von da an kamen die Dinosauerier, besonders in der Nacht, und fraßen jedes Mal ein Stück mehr von mir auf.

Major Dan erzählte mir auch von einem Brief, den meine Mutter kurz vor Weihnachten gefunden hätte und der von meinem Vater war. Nachdem meine Mutter den Brief durchgelesen hatte, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Deshalb konnte sie auch nicht mit mir Weihnachten feiern. Stattdessen war ich bei dieser Großtante und meine richtige Tante – sie wissen schon, die, die mich zu dieser Großtante gebrachte hatte – kümmerte sich um meine Mutter.

Nachdem Major Dan seine Einzelheiten über mein Leben beendet hatte, forderte er mich auf, mich morgen wie gewohnt von meinem Vater zur Schule bringen zu lassen. Jedoch sollte ich nicht in den Unterricht gehen, sondern mit einem Taxi gleich wieder nach Hause fahren. Major Dan zog den rechten Handschuh ab und fingerte ein paar Geldscheine aus der Brusttasche seines Raumfahreranzuges heraus. Er gab mir die Scheine und sagte:

„Geld für’s Taxi und eine bessere Zukunft.“

Meine Einwände, dass mein Vater doch tot wäre, überhörte Major Dan. Stattdessen befahl er mir, wieder ins Bett zu gehen. Es werde schon alles gut werden.

„Rate Deinem Vater dringend, seine Freundin zu verlassen und ein Gespräch mit Deiner Mutter zu führen. Ihr soll er sagen, was ihm fehlt. Halte Dich daran, dann wird alles gut. Und nun muss ich wieder gehen.“ Major Dan ging aus der Küche, verließ das Haus über einen Hintereingang, der in einen großen Garten führte. Ich sah im Schein des Mondes, wie er im nahegelegenen Wald verschwand. Dann sah ich es plötzlich aufblitzen und Sekunden später schoss eine weiße Kugel in den Himmel.

Als ich am Morgen nach dieser sagenhaften Nacht aufwachte, war es draußen schon hell. Ich sprang aus dem Bett, weil ich dachte, ich hätte verschlafen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich nicht bei der Großtante im Gästezimmer sondern in meinem eigenen Zimmer war. Und draußen war auch kein Winter. Stattdessen hingen viele goldene Blätter an den Bäumen, die sich anschickten, herabzufallen, sobald sie vom Wind berührt wurden. Ich vernahm das Geräusch von knisterndem Samtpapier.

Allmählich begriff ich, dass es nicht mehr Weihnachten war und ich mich zuhause befand, in meinem Zuhause. Plötzlich fielen mir die Worte von Major Dan wieder ein. Aufgeregt rannte ich in die Küche, wo mein Vater gerade die Pausenbrote für mich schmierte.

Es kam alles so, wie Major Dan es voraus gesagt hatte. Am Abend dieses sonnigen Herbsttages führten meine Eltern ein langes Gespräch im Wohnzimmer. Ich hörte, wie mein Vater rief:

„Umarm mich doch `mal wieder!“

Dann war es still. Nach einer Weile hörte ich leise Schluchzgeräusche. Vorsichtig, ohne ein Geräusch, öffnete ich die Tür zum Wohnzimmer einen Spalt weit und lukte durch Letzteren ins Wohnzimmer. Dort sah ich, wie sich meine Eltern – auf der Couch sitzend - in den Armen lagen. Meine Mutter hob plötzlich den Kopf, sah meinen Vater mit tränenüberströmten Augen an und sagte: „Hans, ich hab’ Dich doch lieb.“

War das alles ein böser Traum. Ich feierte jedenfalls – nie wieder ohne meine Eltern Weihnachten – auch heute nicht, wo ich selber eine Familie habe. Die Eltern von meiner Frau sind auch jedes Jahr dabei.

Noch heute bin ich mir nicht sicher, ob ich damals träumte oder ob es Wirklichkeit war. Blicke ich jedoch in den Spiegel, weiß ich, wer Major Dan war. Es war mein Ich aus der Zukunft, gekommen, um mir ein besseres Leben zu geben. Und noch eines weiß ich: Ja es gibt Gott, und er kommt nicht nur einmal im Jahr, und er ist auch kein alter Mann mit Bart.

Achso, noch etwas: Vergessen Sie nicht, am nächsten Samstag den Frühstückstisch zu decken und ihn mit einer Rose zu schmücken. Ihre Frau versteht Sie dann schon.