Brigitte E. ist 56 Jahre alt und lebte bis vor kurzem in einem Vorort von Hamburg. Seit ihr Mann vor drei Jahren an einem Herzinfarkt starb, wurde sie von den "lieben Nachbarn" auf Schritt und Tritt beobachtet. "Ich wurde von ihnen wie eine Aussätzige behandelt", sagt sie leise. Ihr "Vergehen": Sie trug nur vier Wochen Trauerkleidung. "Ich war mit meinem Mann 34 Jahre verheiratet und wir haben eine gute Ehe geführt. Meine Trauer ist doch nicht an ein schwarzes Kostüm gebunden", meint sie.

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Sie wurde von ehemals "guten Freunden" nicht mehr eingeladen. Bösartige Gerüchte machten die Runde, weil sie von einem Kollegen morgens zweimal mit dem Wagen zur Arbeit abgeholt wurde.

Als die Verkäuferin drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes einen Jugendfreund wiedertraf, der seine Frau durch
einen Unfall verloren hatte, entwickelte sich aus dieser Begegnung mit dem 64jährigen Bauingenieur eine "neue Liebe".

Ja, Sie haben richtig gelesen, eine "neue Liebe". Prompt wurde in dem Dorf hinter vorgehaltener Hand geschludert: "Die hat ja wohl noch nie Anstand besessen". Einige betitelten sie sogar als Nymphomanin.

Ältere Menschen dürfen sich eben nicht mehr lieben. Das gehört sich nicht. Wenn es nach vielen verkorksten
selbsternannten Sittenwächtern geht, ist die Liebe
zwischen älteren Menschen deshalb verwerflich, weil sie
schlichtweg unappetitlich sei. Wegen der vielen Falten.

Der Jugendlichkeitswahn feiert Orgien! Ich erinnere mich daran, dass die Wellen der Entrüstung hochschlugen, als der schon recht betagte Schauspieler Heinz Rühmann Anfang der 70er Jahre die Witwe eines Verlegers heiratete. Damals schrieb ich als junger Redakteur für eine große deutsche Illustrierte den Artikel "Gönnt auch älteren Menschen ein spätes Glück".

Und prompt hagelte es bitterböse Leserbriefe, so als hätte ich gegen Hautunreinheiten Sandpapier als probates Heilmittel empfohlen.

Das ist nun schon fast 40 Jahre her und die Überbetonung dessen, was man mit Jugend,Karriere und Erfolg um jeden Preis verbindet, hat unsere Gesellschaft immer stärker und rücksichtsloser bestimmend geprägt. Viele Menschen leiden darunter.Auch Menschen, wie Brigitte E., die das Pech hatte, dass ihr erster Mann zu früh starb.

Und in der Arbeitswelt wird die ältere Generation rigoros und herzlos aufs Abstellgleis geschoben:

Viele Menschen, die älter sind als 50, leiden sehr darunter,
dass sie als Arbeitnehmer/innen in einem mächtigen Konzern angeblich schon viel zu zu alt sind. Dass sie tüchtige zuverlässige Mitarbeiter/innen waren und auch immer noch
sind, zählt schon seit Jahren nicht mehr, weil etliche kaltschnäuziger Manager ihren profitgierigen
Aktionären hohe Gewinne versprechen, wenn sie tausende arbeitslos machen. Und dann stellt sich schnell heraus,
dass diese unfähigen Nieten-Manager, den Firmen mit hervorragendem internationalen Ansehen millardenschwere Verluste eingebrockt haben. Zur Belohnung für diese Desaster gibt´s dann noch für diese Wirtschafts-Pappnasen märchenhafte Abfindungen.

Für viele Menschen zählt ihr Beruf und ihre Arbeit zu
ihrem individuellen Lebensglück - auch wenn sie über 50 sind.

Ihnen allen wünsche ich ein gutes Neues Jahr.

Mit herzlichen Grüßen

Norbert Bendig