Ich hatte mein Leben ganz auf ihn abgestimmt: Er war mein Lebenspartner, mein Arbeitgeber, mein Wohnungsgeber. Als ich ihn verließ, hatte ich nichts mehr, außer endlich wieder meine Freiheit. Und die Unterstützung der Gesellschaft, in Form von Hartz IV. Sicher hätte ich gern gleich wieder gearbeitet, aber leider war die Zeit mit dem „gnädigen Herrn“ nicht spurlos an meiner Psyche vorbeigegangen. Ich konnte keinerlei Druck und keinerlei Stress mehr vertragen. Da half dann auch eine Psychotherapie nicht wirklich.

Nach einigen Versuchen, wieder im kaufmännischen Bereich tätig zu werden, gab ich es auf, und nun habe ich eine Halbtagsstelle als Reinigungskraft. Geringverdiener, mit Hartz IV-Aufstockung. Aber besser als nichts. Jetzt noch zusätzlich einen 400€-Job und dann – „goodbye, Agentur für Arbeit – eure Formulare füll ich nicht mehr aus – ich bin wieder autark!“

Ich weiß, sehr viele ALG II Empfänger würden den Kopf schütteln und sagen: „Was soll das? Mit 400€-Job hast du nicht mehr Geld als auf Hartz IV. Nee, sogar die Vergünstigungen fallen weg, du zahlst überall normalen Eintritt und GEZ-Gebühren auch!“ Es geht um mein Selbstwertgefühl.

Soweit ist es gut, und ich bekomme meinen Stolz zurück.

Mein persönliches Niveau ist nicht gesunken - im Gegenteil, ich habe durch meine Erlebnisse Verständnis und Tiefe gewonnen. Aber – ich bin eine Putzfrau. Mein soziales Niveau ist abgesackt, wie die Absätze von meinen 2 Jahre alten Norma-Plastikstiefeln abgelaufen sind. Meine Ansprüche und mein Geschmack sind geblieben, aber schwer in die Realität umzusetzen. Ja, es gibt Möglichkeiten. Kleidung aus Second Hand Läden. Sonderangebote. Ebay. Was mir wichtig ist, habe ich auf diese Weise zusammenbekommen.

Im Grunde bin ich reich, reicher als so mancher der es raushängen lässt, dessen Rolex, Haus und Auto sichtbar sind und dessen Miese auf dem Konto nicht. Ich habe keine Schulden. Und ich bin stolz darauf.

Manchmal, wenn ich einen Mann sehe, der ein nettes Gesicht hat und den Eindruck macht, differenziert und sensibel zu sein, komm ich ins Träumen. Ob der vielleicht mehr sehen könnte als meine Figur oder meine billigen Klamotten und ob der damit zurechtkäme, mich seinen Freunden vorzustellen. Manchmal werde ich verwundert angesehen, weil irgendwas bei mir offensichtlich nicht stimmig ist. Aber, wie der kleine Prinz sagt: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“


© Ursula Bernd
Illustration: www.pixelio.de
©Bärbel Jobst@PIXELIO