Heute möchte ich Euch eine kleine Geschichte, bzw. eine eher betrübliche Begebenheit erzählen, die ich nicht selbst erlebt habe, von der ich aber unmittelbar betroffen bin und die mich ziemlich ratlos und nachdenklich gemacht hat.
 

Meine Tante Margarethe ist mit 59 Jahren freiwillig in den vorzeitigen Ruhestand gegangen, weil sie sich den Belastungen in ihrem Beruf und dem Stress am Arbeitsplatz nicht mehr gewachsen fühlte, obwohl sie eine gesunde, vitale und sportliche Frau ist.
 

Sie ist gelernte Ergotherapeutin und hat zuletzt Vollzeit in einer Klinik für psychisch Kranke gearbeitet. Daneben hat sie in jungen Jahren noch eine Ausbildung als Kinderpflegerin/Kindergärtnerin absolviert und diesen Beruf ebenfalls viele Jahre lang ausgeübt.
 

Die finanzielle Einbuße beim vorzeitigen Renteneintritt ist erheblich, und deshalb wollte sie sich gern noch ein monatliches "Taschengeld" dazu verdienen in einer Tätigkeit, die ihren Qualifikationen und Neigungen entspricht.

Seit zwei Jahren ist sie Witwe, ihre drei Kinder sind erwachsen und leben nicht mehr bei ihr. Sie kann also unabhängig und frei über ihre Zeit verfügen.
 

So bewarb sie sich in einem örtlichen Internetportal für "Nannys, Kinderfrauen, Babysitter und Leihomas" mit einem eigenen Profil und auf entsprechende Stellenausschreibungen in ihrer Region und erhielt eine stattliche Anzahl von Zuschriften von Familien, bzw. Paaren die ihr Interesse bekundeten.
 

Nachdem sie eine ganze Reihe von Vorstellungsgesprächen absolviert hatte bei Familien die ihr durchweg sympathisch waren und geeignet schienen, um dort eine Tätigkeit als "Leihoma" anzutreten, fiel ihr die Wahl ziemlich schwer, für wen sie sich nun endgültig entscheiden sollte.
 

Ihre Honorarvorstellung von einem Stundenlohn von 13,- Euro war von den Familien durchweg akzeptiert worden, da alle in sehr guten finanziellen Verhältnissen lebten, überwiegend in einem schönen Haus oder einer sehr großen Wohnung wohnten in Bezirken der gehobenen Bevölkerungsschicht.
 

Auch sie selbst war trotz zahlreicher Mitbewerberinnen von der Mehrzahl der potentiellen Arbeitgeber als für die angebotenen Stellen als sehr geeignet, bestens qualifiziert, attraktiv und sympathisch bewertet worden.
 

Sie hatte nicht im Traum daran gedacht, in ihrem Alter noch so viele Angebote oder so viele positive Antworten auf ihre Bewerbung zu erhalten.
 

Ihre Wahl war schließlich auf eine Familie gefallen, die in einem Wohngebiet lebte, das an ihren Wohnbezirk angrenzte, jedoch nicht mehr zu ihrer Stadt, sondern zu einem neuen Bundesland gehörte, mit dem Fahrrad aber in nur 15, bzw. mit dem Auto in 10 Minuten zu erreichen und wunderschön gelegen war: ruhig, grün, idyllisch und mit guter Infrastruktur.
 

Die Familie bestehend aus dem Vater, einem 45jährigen Rechtsanwalt, der Mutter Anne, einer 41jährigen Ärztin und den beiden Kindern, einem 3jährigen Jungen und einem 9 Monate alten Mädchen, bewohnte seit knapp zwei Jahren ein sehr schönes großes altes zweistöckiges Einfamilienhaus, das unter Denkmalschutz stand, auf einem riesigen Grundstück mit altem Baumbestand, einem schönen großen Garten mit Spielgeräten und Sandkasten, einer geräumigen Garage und einem kleinem Pförtnerhäuschen, das nun als Gästehaus für Besucher fungierte.
 

Beide Eltern sind überzeugte Antroposophen, die ihr Leben u.a. nach der Lehre Rudolf Steiners gestalten, ihr Haus entsprechend eingerichtet haben, sich dementsprechend kleiden, ernähren und ihre Kinder nach diesen Erziehungsvorstellungen erziehen.
 

Obwohl meine Tante diese Vorstellungen nicht unbedingt teilt, sie jedoch auch nicht ablehnt, sondern im Gegenteil an vielen Stellen durchaus als positiv empfindet, bzw. sogar gut heißt, hatten beide Parteien keine Bedenken, dass das angestrebte Arbeitsverhältnis durch die sehr unterschiedliche Lebenssicht der Parteien in irgendeiner Weise beeinträchtigt werden könnte.
 

Sie hatten sich vor Beginn des Arbeitsverhältnisses zweimal zu einem persönlichen Kennenlernen und intensiven Gesprächen im Haus der vierköpfigen Familie getroffen, bei dem auch die Großmutter mütterlicherseits, die gerade zu Besuch aus München da war, anwesend war und fest gestellt, dass die "Chemie" rundum stimmte, bzw. dass die Sympathie von beiden Seiten grundsätzlich groß war, man aber vor allem in Hinsicht auf die Pflege, Betreuung und Erziehung der kleinen Laura, um die es in erster Linie ja gehen sollte, gut übereinstimmte.
 

Alles schien perfekt zu sein, und meine Tante war froh, so schnell eine so gute Stelle gefunden und es so glücklich getroffen zu haben!
 

An drei Vormittagen pro Woche für jeweils 4 Stunden sollte sie sich um die kleine Laura kümmern, damit sich Mutter Anne ihrer Zusatzqualifikation zur Fachärztin als Psychotherapeutin widmen konnte. Das sollte Zuhause im Arbeitszimmer unterm Dach, mal außerhalb bei Vorlesungen, Seminaren, Patientenanamnesen und in der Bibliothek der nahe gelegenen Universität geschehen.
 

Die Eingewöhnungszeit gestaltete sich positiv, denn das kleine Mädchen schien die fremde Oma durchaus zu akzeptieren, ließ sich willig auf den Arm nehmen, in Haus und  Garten herum tragen und spielte auch friedlich auf seiner Krabbeldecke mit den interessanten und vielseitigen Gegenständen und Spielsachen, die reichlich zur Verfügung standen.
 

Meine Tante schloss das kleine Mädchen in ihr Herz und genoss vor allen Dingen die ausgedehnten Spaziergänge in der Umgebung, während Laura im Kinderwagen saß oder auch schlief.
 

Nicht ganz so reibungslos gestaltete sich naturgemäß das Zusammensein mit dem Kind, wenn die Mutter mit im Haus war, in der Küche hantierte oder ins Wohnzimmer kam, um zu telefonieren oder nachzusehen, wie es ihrem Kind ging.
 

Dann wollte die Kleine natürlich zu ihrer Mutter, die nun mal die Nummer Eins in ihrem bisherigen Leben war und es ja auch bleiben sollte und zeigte das durch Weinen und ausgestreckte Ärmchen unmissverständlich an! Dann wechselte das Kind stets sofort aus den Armen der "Leihoma" in die ihrer Mutter.
 

Meine Tante hatte den Eindruck, dass auch die Mutter sich nur schwer von ihrem kleinen Mädchen zu trennen vermochte.
 

Die guten und offenen Gespräche führten zu dem Ergebnis, dass es mit Sicherheit für alle Beteiligten besser und stressfreier wäre, wenn Anne das Haus verließe und Laura nach und lernte, die verabredeten Vormittage mit der Leihoma allein zu verbringen. Bisher war das noch kaum und eigentlich nur bei den Spazierfahrten der Fall gewesen.
 

So waren zwei Monate ins Land gegangen, und meine Tante hatte das Kind an insgesamt acht Vormittagen überwiegend zusammen mit der Mutter mehr oder weniger betreut, denn es war auch verabredet worden, die Eingewöhnungsphase möglichst "soft" zu gestalten und die Anzahl der Vormittage erst allmählich zu steigern.
 

Alles schien gut, harmonisch, "perfekt" zu sein, denn die Kleine lächelte die "Leihoma" beim Kommen und Gehen stets an, war freundlich und zugewandt, zeigte ihr gegenüber keinerlei Ablehnung. Auch die Beziehung zum Vater und dem kleinen Sohn gestaltete sich problemlos-freundlich, wenn die beiden ebenfalls anwesend waren. Das war aber eher selten der Fall, denn der Vater ging in der Frühe zur Arbeit und brachte auf dem Weg dort hin den Sohn in einen antroprosophischen Kindergarten.
 

Nun stand über die Herbstferien eine einwöchige Reise der ganzen Familie zur Oma nach München bevor.
 

Nach der Rückkehr sollte damit begonnen werden, dass sich Anne außer Haus begeben würde und meine Tante das kleine Mädchen nun an drei Vormittagen allein betreuen sollte.
 

Doch es kam ganz anders!
 

Nach ihrer Rückkehr aus München erhielt meine Tante von Anne einen Anruf, in dem sie ihr mitteilte, dass sie das Arbeitsverhältnis mit sofortiger Wirkung beenden wolle.
 

Meine Tante war überrascht, schockiert und fragte nach dem Grund für diese vollkommen unerwartete Wendung.
 

Eine für meine Tante nachvollziehbare Begründung wurde ihr nicht genannt.
 

Da war von einem "unguten Bauchgefühl", plötzlichem "Vertrauensverlust", Lauras überaus positivem, gänzlich "anderem" Verhalten gegenüber den Freunden in München die Rede und dass sie, Anne, glaube, es doch lieber mit einer anderen Person noch einmal neu versuchen zu wollen.
 

Meine Tante war dermaßen überrascht, schockiert, beinahe sprachlos, weil diese, für sie vollkommen unerwartete Wendung ihr nicht im Traum vorstellbar gewesen wäre.
 

Noch unter Schock stehend fielen ihre Fragen eher ruhig und zurückhaltend aus, so wie das überhaupt ihre Art ist, wurden von Anne jedoch abgewiegelt, nicht wirklich zufriedenstellend mit immer denselben bereits o.g. diffusen "Gefühlen" beantwortet.
 

Im Ganzen gestaltete sich das Gespräch ungewöhnlich kurz und kühl, so dass meine Tante schließlich akzeptierte und den Hörer auflegte. Was hätte sie in dieser Situation auch anderes machen können?!
 

Ein so positiv und glücklich begonnenes Arbeitsverhältnis so abrupt und schockierend beendet zu sehen und sich in keiner Weise erklären zu können, was der wahre Grund dafür sein könnte, nachdem sich zuvor etwas Derartigen in keiner Weiser abgezeichnet hatte oder durch ein Vorkommnis hätte erahnen lassen, ließ sie ratlos, traurig, enttäuscht mit vielen unbeantworteten Fragen und einander widerstreitenden Gefühlen zurück.
 

Da waren Ärger, Wut, Trauer, Versagen, Enttäuschung, Verlust und auch Selbstzweifel!
 

"Was habe ich bloß falsch gemacht? Warum habe ich nichts bemerkt? Was ist bloß mit meiner Menschenkenntnis los? "
 

Und natürlich vermisste sie Laura, die sie bereits in ihr Herz geschlossen hatte, die morgendliche Fahrradtour zu ihrer neuen Arbeitsstelle, die Spazierfahrten mit dem kleinen Mädchen im Kinderwagen, das schöne Haus und den Garten!  
 

Sie fühlte sich fristlos gekündigt - was ja auch den Fakten entsprach - ohne Angabe eines triftigen Grundes, von einer Minute zur anderen "gefeuert", ohne dass sie sich hätte etwas zuschulden kommen lassen!
 

Die schmeichelnden Worte, mit denen Anne ihr die ganze Sache wohl etwas schmackhafter machen wollte, indem sie ihre hervorragende Qualifikation, ihre Intelligenz und ihre sympathische Ausstrahlung rühmte, trösteten sie keineswegs über das schale Gefühl und den bitteren Geschmack hinweg, den diese abrupte Kündigung in ihr hinterließen.
 

Als sie im Familienkreis davon erzählte, traten ihr die Tränen in die Augen, musste sie immer wieder schlucken, obwohl sie eigentlich eine Frau ist, die nicht nahe am Wasser gebaut hat!
 

Sie fragte uns um Rat, wollte wissen, ob sie Anne einen Brief schreiben sollte, indem sie ihre Trauer, ihre Enttäuschung und ihre verletzten Gefühle mitteilte!
 

Alle, von der Oma bis zum Teenager, rieten ihr mehr oder weniger vehement davon ab!
 

"Denk nicht länger darüber nach! Hak es ab unter Erfahrungen, wie Menschen nun einmal ticken! Sei froh, dass es sich so relativ schnell ereignet hat! Mach dir keinen Kopf darüber, dass du etwas falsch gemacht haben könntest! Du bist o.k.! Ich hätte dir gleich sagen können, dass Antroposophen und Steiner-Anhänger mit Vorsicht zu genießen sind! Bei Ökos und Esotherikern muss man auf vieles gefasst sein! Es gibt nun mal Leute, die anders, komisch, falsch sind, mach dir nichts draus!"

So oder so ähnlich lauteten die Ratschläge und tröstlichen Worte aus mehr oder weniger berufenem Munde.
 

Meine Mutter nahm ihre Schwester in den Arm! Das tat ihr gut und gefiel mir sehr!
Denn meine Oma hatte die Tante zuvor ziemlich mütterlich-streng als naiv, blauäugig und töricht bezeichnet und behauptet, dass sie schon von jeher so gutgläubig gewesen war und nie bemerkt hatte, wenn Leute sie ausgenutzt hatten.
 

Lernt ein Mensch denn überhaupt dazu - insbesondere durch negative Erfahrungen? Diese Frage habe ich mir oft gestellt, insbesondere angesichts der Vorkommnisse, die ich innerhalb meiner großen Familie immer mal wieder hautnah miterleben kann!

Ist es besser auf der Hut, skeptisch und misstrauisch zu sein im Umgang mit Menschen, insbesondere, wenn man sie noch nicht kennt? Schützt eine "rauhere Schale" und eine eher negative Haltung vor Enttäuschungen? Sollte man weniger gutgläubig sein?
 

So jedenfalls die Ratschläge meiner Oma, die eher nach der Devise lebt, dass Vertrauen verdient sein will und Skepsis der bessere Ratgeber im Umgang mit seinen Mitmenschen ist!
 

Ich kann meiner Tante die Enttäuschung, die Wut und Trauer gut nachfühlen!
Es muss schlimm sein, so unsanft aus allen Wolken zu fallen und sich von einer Minute zur anderen derart mies behandelt zu sehen!
 

Ich wüsste nicht, wie damit umgehen, wie das unbeschadet verarbeiten?!
 

"Hired and fired!" Eine Erfahrung, die ich Gott sei Dank noch nicht machen musste!

 

Text: G. "Picasso"