Annette von Droste-Hülshoff, ein klangvoller Name. Das, was Bertram von ihr kannte, passte zu dem Dunkel, das vom Schloss in Mareikes Wohnung herüber kroch. Im ersten Stockwerk gelegen, war es hier eigentlich freundlich und hell. Und privilegiert. Gleich aus welchem der drei erstaunlich großen Fachwerkfenster man sah, blickte man auf den Bodensee. Wenn eben der Betrachter sich nicht zu sehr nach rechts wandte. Dort stand das Schloss.

 

Das Erste, was Bertram beim Betreten der Wohnung auffiel, war der Gummibaum. Dessen enorme Reichweite durchsetzte das gesamte, sehr geräumige Wohn- und Arbeitszimmer mit seinen Ranken.
"Mit einem solchen Prachtstück kann man nicht umziehen. Wo kommt der her?"
"Nein, den musste ich übernehmen. In Pflege. Das war Bedingung. Er gehört den Vermietern."
"Was für eine Verantwortung. Für mich wäre das das Aus gewesen", witzelte Bertram. Er mochte Zimmerpflanzen, aber sie mochten ihn wohl nicht so recht.
Mareike lachte ihr offenes, klares Lachen, freundlich und immer warm. Es harmonierte perfekt mit dieser Wohnung.

 

Sie hatte sich das große Zimmer mit einer Mischung aus Alt und Neu möbliert, die keinesfalls verriet, dass hier der Geldbeutel entschieden hatte. Alles passte, zueinander und zu ihr. Für sie offenbarte sich Reichtum nicht im Gewicht von Bankkonten, sondern im Inhalt von Regalen voller gelesener Bücher und immer wieder gehörter Schallplatten. Und im stimmungsvollen Licht von Kerzen. Bertram bewunderte den großen Kerzenhalter, den sie an markanter Stelle im Raum platziert hatte. Er verriet, wie sie etliche ihrer Abende verbrachte.
"Wie sinnig, dass gerade du gegenüber des ehemaligen Domizils der Droste wohnst."
"Wieso? Schreibe ich auch so dunkle Sachen?"
"Nein, aber du schreibst. Und denkst."
"Na ja, im Moment nicht mehr so viel. Jedenfalls nichts Literarisches. Mit der Wohnung hatte ich einfach Glück. Eine ehemalige Kommilitonin hat die Wohnung aufgegeben. Ich war die Erste, die davon erfahren hat."
"Wieso ehemalig?", hakte Bertram nach.
"Der Mathe-Studiengang hier ist männerdominiert. Das merkt man vor allem bei den Prüfungen. Frauen werden, wenn es nur irgend geht, raus geprüft. Wir sind nur noch zu dritt im Semester."
"Man sollte meinen, dass diese Zeiten eigentlich vorbei sind", sinnierte Bertram.
"Sag' das mal unseren Profs - und vor allem den Assis!"
"Und du? Bist du auch gefährdet?"
"Ich bin noch gut genug." Bei dieser Antwort saß ihr der Schalk im Nacken, denn das war Understatement. Sie hatte ihr Abitur mit einer dicken Eins vor dem Komma hingelegt und Bertram war sich sicher, dass sie auch im Studium auf diesem Level arbeiten würde. Er fragte gar nicht danach.
"Und? Wirst du's bleiben?"
"Ich will's gar nicht drauf ankommen lassen. Ich werde wechseln."
"Aha!" Bertram dehnte diese Antwort ziemlich, denn er war sichtlich überrascht. Er kannte Mareike als einen Menschen, der durchzog, was er sich vorgenommen hatte.
"Was ist passiert? Oder doch Prävention?"
"Das ist der Nebeneffekt. Aber eigentlich habe ich gemerkt, dass mir Sprachen doch mehr Spaß machen."

Es war wieder ganz typisch. Wenn sie sich trafen, waren sie so schnell im Gespräch, dass sie beinahe vergaßen, es sich dabei gemütlich zu machen.
"Aber setz' dich doch. Soll ich uns einen Tee machen?"
"Danke - und gerne. Habe ich Auswahl?"
Ein unausgesprochenes: „Du doch immer“, huschte über ihr Gesicht. Er kannte ihre Vorliebe für parfümierte Tees, sie die seine für Darjeelings.
"Wenn ich wählen darf, einen nicht parfümierten …"
"Kein Problem, ich habe Darjeeling eingekauft."
Bertram war verblüfft über die Selbstverständlichkeit, mit der sie diese knappe Feststellung aussprach.

Es kam ihm vor, als würde sie in die Küche schweben. Aber das war nur seine spezielle Art, sie zu sehen. In Wirklichkeit hatte sie einen festen Gang, jeder Schritt mit einem Ziel verbunden. Daran änderte auch ihre kontrastierende Art, sich zu kleiden, nichts. Sie trug gerne Pullis mit einem Halstuch. Und Jeans. Rein äußerlich war sie damit nicht weit entfernt von jener Räucherstäbchen-Romantik so mancher Frauengruppe, die Bertram nicht ausstehen konnte. Die Haltung aber, mit der sie diese Kleidung versah, zeigte nichts Esotherisches. Immerhin war sie Mathematikerin, angehende Wissenschaftlerin. Das durfte man nie vergessen. Das klare Gesicht unter den kurzen, mittelblonden Haaren erinnerte einen im Zweifel daran. Sie war, wie manch andere gerne hätte sein wollen.
Mit der bauchigen Kanne, die sie herein trug, erfüllte sich das Wohnzimmer mit dem zarten Aroma des First-flush. "Er muss noch ziehen."
"Ich glaube, wir haben Zeit." Bertram wusste, dass er das nicht hätte betonen müssen. Es war seine Art ihr zu bedeuten, dass er keine Ansprüche stellte. Sie war der Grund seines Besuches.

Mareike fingerte aus irgendeinem Winkel des antik wirkenden Wohnzimmerschrankes Teeschalen hervor und zwei Kerzenhalter mit bereits angebrannten Kerzen und verteilte alles auf dem Couchtisch. "Moment, Zündhölzer!" Sie war schon im Begriff gewesen, sich zu setzen, als ihr das einfiel. Bertram zog sie am Arm wieder auf den Sessel zurück und zückte sein Feuerzeug.
"Hier sitzt ein Raucher."
"Immer noch?"
"Bis in alle Ewigkeit."
"Ich glaube, das werd' ich nie verstehen können. Ich hab's mal probiert, aber mir war Tage danach noch schlecht."
"Auch du musst nicht alles verstehen", spöttelte Bertram in Anspielung auf ihre Wissbegierde, die sich für gewöhnlich aber eher in Bereichen austobte, die nichts mit Genussmitteln zu tun hatten.
"Und was willst du machen?"
Sie wusste sofort, dass er damit den ursprünglichen Gesprächsfaden wieder aufnahm.
"Anglistik und Romanistik. Ich habe mich für ein Stipendium in Frankreich beworben - und hab's gekriegt."
"Wahnsinn! Und für wie lange?"
"Sechs Monate. Paris."
"Na dann, herzlichen Glückwunsch. Wann geht's los?"
"Zu Beginn des nächsten Semesters. Ein paar Mathe-Scheine will ich noch machen."
"Du schreckst auch vor nichts zurück."
"Wie meinst du das?"
"Ich meine die Mathe-Scheine."
Sie lachte.
"Was man hat, hat man. Außerdem will ich denen zum Abschluss noch beweisen, dass ich nicht wechsle, weil ich es muss."
Bertram blickte zwischendurch kurz auf die Uhr. "Machen wir einen Drei-Minuten-Tee oder lieber einen beruhigenden?"
"Kompromiss: Vier Minuten? Sonst krieg' ich heute Nacht kein Auge zu."
"Na gut, für dich."
Bertram kannte mal einen, der sich selbst als Rauschkugel bezeichnete. So weit wollte er für sich nicht gehen. Wie einen aber eine Tasse Tee oder Kaffee am frühen Nachmittag in der folgenden Nacht wach halten kann, das entzog sich seinem Vorstellungsvermögen gänzlich.
"Und wie bist du jetzt wieder auf Sprachen gekommen?"
"Du, ich bin über die Mathematik auf ein paar französische Philosophen gestoßen. Alte Bekannte. Ich hab' mich fest gelesen. So fest, dass es irgendwann klick gemacht hat."
Ihr antrainiertes Schriftdeutsch nahm während dieser Erklärung wieder jenen Tonfall an, den er an ihr so liebte. Hochschwäbisch, wie er das nannte. Nicht, dass er im Allgemeinen besonderen Wert darauf legte, aber Mareike hatte er mit diesem Idiom kennen gelernt. Und noch ein bisschen mehr als das.

Er war ihr begegnet, als sie noch Oberstufen-Gymnasiastin war. Er war fünf Jahre älter und sie seine Schülerin. Bei der Vorstellung war noch ihre Mutter dabei und er hatte sich stark darüber gewundert, dass diese Frau, der man die bürgerlich-katholische Strenge schon von Weitem ansah, den Vertrag unterschrieb, obwohl in seinem Zimmer Aktfotografien an der Wand hingen. Künstlerische wohl gemerkt, aber Aktfotografien. Später hatte es sich ergeben, dass Bertram den Unterricht zu Mareike nach Hause verlegte. Nach der eigentlichen Stunde saßen sie dann oft bis Mitternacht, tranken Tee, hörten Jacques Brel, Georges Brassens oder Moustaki und plauderten über Camus, den Existenzialismus, die Beauvoir, Glaubens- und Lebensfragen. Und bei irgendeinem seiner Auftritte nahm Bertram sie mit aufs Podium - für ein ganz besonderes Stück. Er hatte es komplett geträumt, vier Strophen und die Musik dazu. Er war schweißgebadet aufgewacht und versuchte, alles so schnell wie irgend möglich aufs Papier zu bringen, was ihm schließlich auch gelang. Dazu schrieb er später eine zweite Instrumentalstimme, die er von vornherein Mareike zugedacht hatte.

„Die vier Minuten sind um“, verkündete er. Sie nahm den Filterbeutel mit den Teeblättern aus der Kanne, drückte ihn ein wenig aus und legte ihn in die bereit gestellte Schale.
„Darf ich …?“
„Klar doch.“
Bertram schob ihr seine Teeschale entgegen, was gar nicht nötig gewesen wäre. Die beiden Schalen standen schon so dicht zusammen, so dicht, wie auch Mareikes Sessel an dem Couchende stand, an dem er saß.
„Und was willst du mit den Sprachen anfangen, wenn du sie studiert hast?“
Die Frage zielte auf das leidige Thema der brotlosen Kunst, das er als Musiker zur Genüge kannte. Mareike wusste jedoch, wie sie gerade von ihm aufzufassen war.
„Bertram, ich weiß es noch nicht. Wissenschaft, dolmetschen, keine Ahnung. Ich will sie jetzt erst mal aufsaugen.“
Ihr Tonfall war plötzlich ernst. Als Dolmetscherin konnte er sich Mareike eigentlich nicht vorstellen. Und wenn, dann ganz oben. Und damit verband er beileibe nicht die Vorstellung einer Chef-Etage, weit eher die einer kulturellen Institution oder wenigstens eines Parlamentes. Mareike war keinesfalls scharf auf das, was man üblicherweise Karriere nannte. Aber sie hatte einfach das Zeug dazu, an irgendeiner entscheidenden Position Entscheidendes zu leisten. Dieser Gedanke ließ in ihm eine Ahnung aufsteigen.
Sie wischte seinen Anflug von Melancholie beiseite, ohne dass sie ihn gespürt hätte.
„Wollen wir noch eine Runde drehen?“
Sie war begierig darauf, Bertram ein wenig von ihrem Insider-Wissen über die Stadt, den See und seine Ufer-Nischen auszubreiten, weil sie wusste, er würde darin baden.
„Okay, gerne. Die Sonne lockt und ich bin heute fast nur gesessen. Erst im Auto und jetzt hier.“
„Sitzt du nicht gerne bei mir?“
Die scherzhaft tadelnde Frage fiel ihm sofort auf.
„Hier bei dir? Sehr gerne sogar. Ich glaube, du weißt, was ich meinte.“
Und da war es wieder, dieses schalkhafte Lächeln, von dem er nicht hätte sagen können, was ihn daran so unendlich in seinen Bann zog. Wahrscheinlich war es das Gefühl, dass es ihn umfing. Es erfüllte einfach den ganzen Raum.
„Ich ziehe nur andere Schuhe an.“
Er blickte ihr nach, als sie das Zimmer verließ und stellte dabei fest, dass ihre Kleidung kaum etwas von ihrer Figur preisgab. Und er überraschte sich selbst mit dem Gedanken, dass ihm das gleichgültig war. Er war gewiss, sie würde ihm gefallen.

Sie verzichteten auf eine Schlossbesichtigung. Die Helligkeit dieses Spätsommertages verlangte nach der Klarheit der frischen Luft, die vom See her die mittelalterlich anmutenden Gassen durchwehte. Bertram genoss das Kopfsteinpflaster, die Fachwerk-Fassaden und Mareikes Erläuterungen zum einen oder anderen Winkel der Altstadt. Es war Samstag. Geöffnet waren nur noch die Cafés. Aber auch die lockten sie nicht zu einem Besuch, denn sie waren in Bewegung. Schmucke Auslagen interessanter Geschäfte gaben ihnen immer wieder Anlass, sich über ihre Leidenschaften auszutauschen. Mareike liebte noch immer das französische Chanson und schrieb ab und zu Gedichte, Gedichte, die Bertram nie vertont hätte. Nicht, weil sie ihm nicht gefielen, nein, er hatte zu viel Ehrfurcht vor ihnen. Mareike zeichnete. Und die einzig greifbare Erinnerung an sie sollte dereinst nicht ein Foto von ihr sein, sondern eine Zeichnung, die sie ihm geschenkt hatte. Und so waren Läden mit Musikalien oder Zeichenbedarf für beide gleichermaßen anziehend. Und natürlich Buchhandlungen. Von allem gab es reichlich. Und jede Entdeckung brachte sie einander näher. Die vielen Monate seit dem letzten Wiedersehen schmolzen auf Minuten zusammen.

Irgendwann bogen sie zum Seeufer ab. Wo eben noch die engen Gässchen Monate zu Minuten schrumpfen ließen, gab jetzt die Weite der Wasserfläche dem Augenblick eine sprachlose Fülle. Sie blieben stehen und blickten über den See. In Bertram stiegen Bilder aus der Sagenwelt auf: Hero und Leander, die Königskinder. Er fühlte Mareikes Blick, der den Bilderstrom lautlos unterbrach.
„Dort drüben studiere ich.“ Mareike schob ihre Schulter dicht vor sein Gesicht, damit sein Blick ihrem ausgestreckten, ans gegenüber gelegene Ufer zeigenden Arm folgen konnte. Er hatte einige Mühe, die Silhouette der Universität zu erkennen.
„Wie kommst du da rüber? Du hast doch kein Auto, oder?“
„Nein, ein Fahrrad. Und die Fähre. Das reicht völlig.“
„Natürlich, die Fähre …“
Bertram war so geistesabwesend gewesen, dass ihm etwas so Banales wie eine Fähre nicht in den Sinn gekommen wäre.
„Wo warst du gerade?“
Mareikes Geste und diese Frage erwischten ihn völlig auf dem falschen Fuß.
„In einer anderen Zeit.“
Seine Antwort kam einen Wimpernschlag zu spät und zu zögernd. Sie war zutreffend und doch eine Ausflüchte. Er hatte keine Lust, die Harmonie des Augenblicks durch zwangsläufig komplizierte Erörterungen all dessen zu stören, was ihn grade beschäftigt hatte. Er hatte den Eindruck, dass Mareike verstand.
„Wie lange brauchst du zur Uni?“
„Etwa eine halbe Stunde.“
„Mehr nicht? Das sieht so weit aus.“
„Das täuscht. Und das liegt auch an der Perspektive.“
Sie warf ihm einen Blick zu, der ihm verriet, dass sie seine Stimmung lesen konnte. Sie hatte etwas in ihm gesehen, das er selbst nicht zulassen wollte.

Unmerklich hatten sie den Weg zurück zum Schloss eingeschlagen. Er, der selbst oft führte, selbst, wenn er das gar nicht wollte, war ihr gefolgt, wie das Lamm dem Hirten. Ohne zu fragen, woher oder wohin. Das Schloss, eigentlich kaum zu übersehen, stand für sein Empfinden urplötzlich mit monumentaler Macht vor ihm. Nach ein paar weiteren Metern war da schon wieder die Apotheke, deren Nebeneingang zu Mareikes Wohnung führte.
„Ein Kaffee unterwegs wäre vielleicht doch keine schlechte Idee gewesen“, gähnte Bertram in einem überraschenden Anfall von Müdigkeit.
„Hat dich mein Vier-Minuten-Tee doch zu sehr beruhigt?“, fragte Mareike mit neckendem Unterton.
„Ich bin einfach kräftigere Sachen gewöhnt.“
„Weißt du was? Mach’ dich doch auf der Couch für ein paar Minuten lang.“
„Hey, ich bin nicht zu dir gefahren, um hier meinen Mittagsschlaf zu halten.“
„Quatsch, leg’ dich hin. Wir haben Zeit. Ich weck’ dich. Wann soll ich?“
„Na denn, gib mir eine halbe Stunde.“
Sie hatten inzwischen die Wohnung betreten. Bertram ging ins Wohnzimmer, das noch nach gelöschten Kerzen roch, zog die Turnschuhe aus und streckte sich auf die Couch. Er schlief ziemlich schnell ein.

Mareike hatte sich auf den Rand der Couch gesetzt und weckte ihn sanft mit ihrer Hand dicht oberhalb seiner Stirn. Ihr Gesicht war nahe bei seinem.
„Willst du nicht bleiben?“
Ihre Stimme klang leise und unglaublich weich. Die nahe liegende Antwort wäre gewesen, seine Hand zärtlich auf ihren Hinterkopf zu legen. Kein Wort hätte mehr gewechselt werden müssen. Aber er wusste, das würde ihrer beider Leben mit einem Schlag verändern. Für immer. Er wusste nur nicht, in welche Richtung.