Neulich im Laden.

Ja, verdammt nochmal ja, ich habe großen Hunger. Den ganzen Tag habe ich gearbeitet, hab mich in meine Tabellenkalkulationsmodelle vertieft, war wirklich gut. Nun entstehen in meinem Kopf keine Formeln mehr, sondern Bilder von appetitlich angerichtete Platten mit Schinken, Wurst und Käse, Körbe mit leckerem Brot und Obst – ich sehe und rieche im Geiste alle Spezialitäten dieser Welt. Statt den Hunger zu dämpfen stacheln diese Kopfbilder und Geruchserinnerungen meinen Appetit grenzenlos an. Könnte doch glatt wie Obelix ein oder zwei ganze Wildschweine verputzen. Also schnell auf in den Supermarkt - die Hirnbilder realisieren sich mit jedem Schritt.

Vor mir erscheint in grelles Licht getaucht dass kleine Reich für Feinkost, Wurst und Käse Käse auf. Der Magen fordert lautstark „Ruf mich an“ – nein, nein, nein das ruft er nicht – Er knurrt es heraus, er schreit nach all den feinen Spezialitäten, die da fein säuberlich aufgebaut sind. „Serrano-Schinken heute im Angebot nur 1,79 € /100g“ lese ich auf einem Plakat an der Rückseite der Bedienungstheke. Da kommt das auch gleich nochmal als Ansage zwischen der leise dahin plätschernden Ladenmusik „Heute an unserer Bedienungstheke - Serrano-Schinken- im Angebot nur 1,79 € /100g“. Und hinter der Theke von der Wand lächelt mich freundlich das Bild einer glücklich strahlenden Sau an. Was für eindringende Augen denke ich gerade, fast wie Heidi K. – da hör ich plötzlich eine feine Stimme (klingt beinahe wie Heidi K. - oder mehr nach Bruce - drama drama drama ?):

„Nein nein! Diesen Weg hier will ich nicht gehen, da hat doch tatsächlich so eine Sau vor mir hingepullert, Schweinerei, so mitten auf den Weg zu urinieren! Da geh ich nicht, da will ich nicht durch. Doch die, die mich versorgten, mich mal gestreichelt, mal gekniffen haben, oder mit einem Wasserstrahl abgespritzt haben, die, nein es sind Andere - Sehen aber so ähnlich aus. Die stehen da und schlagen mich mit kalten Eisenstangen. Sie treffen überall hart, an allen Körperteilen tut es weh. Einer von denen hat mich gerade brutal von der Rampe gestoßen, wohl nur, weil ich vor lauter Angst nicht schnell genug runter sprang. Ich hatte doch so Angst- und es riecht hier überall derart nach Angst. Wenn ich stehen bleibe, schlagen die noch viel, viel stärker zu. Und wenn ich davor weglaufe, dann lässt das Schlagen zumindest etwas nach, zumindest wenn ich dahin lauf, wo es so furchtbar mehr nach Angst stinkt. Also doch, dann lauf ich halt durch den stinkenden Urin. Aber halt nein, nein, da in die enge Gitterbox, nein da möchte ich rein - verdammt diese Schläge - nein, nein in die Box will ich nicht, da komme ich doch nicht weiter und da steht auch noch ein Mann. Oh- drückt doch nicht so- hört endlich auf zu schlagen, ich geh ja schon. Was macht der Mann da vor meinen Augen mit dem komischen Glitzerding, oh das fühlt sich kalt an auf der Stirn –

Die Stimme aus dem Nichts spricht leise aber intensiv weiter -

Einen Moment war es mir doch ganz schwarz vor Augen, jetzt sehe ich die Blumenwiese hinterm Haus, seh mich, ich… wo bin ich plötzlich? Eben war mir noch so schlecht, jetzt ist mir so, als würde ich schweben. Ich sehe eine Suhle, eine Wiese. Es ist hell und freundlich, soeben – da bin ich, ich sehe mich selbst, fühl die warmen Zitzen meiner Mutter, warmes Futter, den Stall – bin auf der Wiese. Das Leben der letzten Monate zieht in Sekunden an mir vorbei. Mir ist so furchtbar schwindlig, mein Körper scheint dabei ganz leicht. Da zieht irgendwas an mir. Ich kann nicht sagen, nicht fühlen, wo genau, Irgendwie ist es, als wären es die Hinterbeine, aber halt, die spüre ich gar nicht mehr, fühle den Körper nicht mehr. Nein, ja, doch, da kommt ein Schmerz, ich spüre schrecklichen Schmerz, mein Bein, meine Hinterbeine, meine Vorderbeine, alles schmerzt. Ich kann die Beine nicht mehr kontrollieren, es zuckt, zuckt das jetzt? Mein Kopf! Es tut furchtbar weh, es ist plötzlich so laut. Da schreien Leute. Etwas rinnt warm an meiner Backe herunter, einen heftigen Schmerz am Hinterbein spüre ich, ich will das ändern, aber es geht nicht. Komisch, jetzt hab ich das Gefühl, als wäre es nicht mein Körper - ich bin so leicht, so unbeschwert. Mein Körper, der hängt da wie ein Sack, als wär es nicht meiner, das sehe ich ganz klar. Den Kopf, die Ohren hängen schlaff nach unten, sind die Füße oben an einer Kette in harte Eisenhaken eingeklemmt. Es läuft viel Blut aus meinem Hals, ein weißgekachelter Raum, eine Rinne, und zwei Männer. Einer mit einem großen Messer, der Andere weiter weg mit einer Motorsäge. Die drehen sich kurz her, schauen zu mir. Der Körper schwebt an der Decke schnell auf die Beiden zu. Einer der Männer, der mit dem Messer, sagt laut „Zweihundertdreiundneunzig“ und haut mir mit Kraft das Messer genau in den Bauch, schneidet schnell, scharf, schmerzlos nach unten. Magen, Leber, Gedärm quillt heraus, die Motorsäge heult auf. Ich, nein das bin ich nicht, ich bin kein Körper, nur ein Gedanke, schwebe aus dem Raum über das Gebäude. Sehe Laster, viele Laster, die viele arme Schweine auf der Ladefläche haben. Vorbei. Alles ist weiß, weiß, weiß - weiß ich - Alles ist Ruhe. Ich bin nur ein Gedanke, kein Begriff - doch ohne Worte gibt es nichts. Ich hab mich verloren. Vorbei.“ – flüstert ersterbend die Stimme in meinem Kopf – klang fast wie Heidi K., nur noch quiekiger.

Gerade höre ich noch die Verkäuferin sagen: „ Wie viel vom Serrano darf es denn sein??“ Mir wird schwarz vor Augen, irgendwie schwindlig werde ich wohl gleich hart auf den hellen Fliesen vor der Theke aufschlagen wenn der Schwindel, die Überlkeit nicht gleich vergeht. Ich fühle nichts mehr. Doch ich merke erstaunlicherweise plötzlich chaotische Schmerzen - zu viel auf einmal, und irgendwie ich spüre doch keinen Schmerz. Ich Fühle mich leicht, so leicht. Ein Schmerz an meinem Fuß,da zieht was an meinem Bein. Sehe mich da wie von der Supermarktdecke aus auf dem weißen Kachelboden liegen, meine Hand, die zuckt – zuckt da was ….