Nick rannte vorsichtig um die Ecke mit dem feinen, roten Schotter und vergrößerte seine Schrittlänge wieder in das gewohnte Maß. Hier war der Weg so festgetreten, dass die winzigen Steinchen nicht zu einer Rutschpartie führten.
Laut Pulsuhr war alles im Normbereich, er konnte sogar noch schneller werden. Drei Kilometer weiter fiel er in einen leichten Trab. Nun bewunderte er die Krokusse und Winterlinge, die überall wuchsen. An den Stellen des Weges, worauf die Sonne schien, waren sogar schon die grünen Blätter der Narzissen und Tulpen zu sehen.
In der Nähe des kleinen Platzes, wo er sein Auto geparkt hatte, machte er noch ein paar Dehnübungen und ließ sich dann die Sonne ins Gesicht scheinen. Viel Kraft hatte sie noch nicht, doch spürte man ihr Bemühen, die Natur zu erwecken.
Erst war es nur eine Bewegung, die er im Augenwinkel sah. Unter einem Baum saß eine Frau auf einer Bank, ihr Kopf war völlig kahl. Nick konnte sich an diesen Anblick nicht gewöhnen. Er wusste, dass dieser Park zu einer Klinik gehörte, in deren größter Abteilung Menschen mit Krebs behandelt wurden. Meist wurden die Kranken von Pflegekräften oder den Angehörigen in Rollstühlen durch den Park geschoben, auch trugen die Frauen meist eine Kopfbedeckung.
Die Frau auf der Bank war sehr jung, wegen der Glatze wagte er nicht, ihr Alter zu schätzen. Sahen Frauen mit Glatze auch sofort älter aus? Diese wirkte fast noch wie ein Mädchen. Mein Gott, wo blieb die himmlische Gerechtigkeit? Reichte es nicht, wenn alte Menschen diese Krankheit bekamen?
Nick dachte an seine Mutter. Sie hatte mit 63 Jahren den Kampf aufgeben müssen. Drei Jahre lang hatte sie sich gequält, immer wieder Hoffnung geschöpft, immer wieder fanden die Ärzte neue Tumore, immer mehr fraß sich das Schalentier durch den schmerzenden Körper. Seine älteren Schwestern hatten sich bis zuletzt liebevoll um die Mutter gekümmert. Alle saßen an ihrem Bett, als sie endlich gehen konnte.
Während all der Jahre hatte sein Vater immer Haltung bewiesen, seine Kinder, seine Frau getröstet, Mut zugesprochen. Sein Zusammenbruch kam eine Woche nach der Beerdigung. Es schien, als habe er da erst erkannt, dass er etwas unwiederbringlich verloren hatte. Wochen verbrachte er vor den alten Fotoalben, las die Briefe, die sie ihm in der Zeit vor der Hochzeit schrieb.
Nick wohnte immer noch in seinem Elternhaus. Er war ein Nachzügler, geboren, als die Mutter 47 Jahre alt war und sich bereits in den Wechseljahren glaubte. Seine älteste Schwester war damals schon fünfundzwanzig.
Obwohl sein Vater alle Arbeiten im Haus erledigte, immer da war, wenn Nick aus dem Gymnasium kam, war der gute Draht zwischen ihm und seinem Vater durchschnitten worden. Andrea, eine seiner Schwestern, hatte einmal gesagt, er habe sich in seine Trauer eingesponnen. Ja, so sah das auch Nick. Sein Vater hockte in einem Cocon, der so fein gesponnen war, dass keine Freude zu ihm drang. Er funktionierte einfach nur noch, eine Marionette, an denen die Fäden der Pflicht und des Alltags zogen. Als die Mutter krank war, schien die Pensionierung des Vaters ein Segen zu sein, jetzt wäre Ablenkung für ihn wohl besser als dieses Leben eines Scheintoten.
Die junge Frau hatte ein Buch auf den Knien liegen und schien intensiv zu lesen. Ihre Hände gestikulierten, ihre Schultern bewegten sich ebenso wie ihre Lippen. Irgendwann hob sie den Kopf und entdeckte Nick, der sie vom Weg aus immer noch beobachtete. Ein sanftes Lächeln huschte über ihr Gesicht, so frisch und jung, dass es Nick die Kehle zuschnürte, wenn er an ihre Gesundheit dachte. In der Umgebung hieß die Klinik nur das Sterbehaus, denn hierhin verlegte man die aussichtslosen Fälle. Seine Mutter hatte darauf bestanden, in den eigenen vier Wänden zu sterben. Wer keine pflegenden Angehörigen oder Freunde hatte, musste eben hier bleiben.
Nur kurz senkte sie den Kopf wieder über das Buch, bevor sie es in die Hände nahm, auf die Oberschenkel stellte und über den hohen Rand hinweg zu Nick blinzelte. Nun war ihr Mund verdeckt, doch selbst ihre Augen schienen zu lachen. Nick merkte, wie sich sein Magen schmerzhaft zusammen zog. Mein Gott, so ein tapferes Mädchen!
Sie sah auf ihre Uhr, stand auf, klemmte sich das Buch unter den Arm und ging mit einem letzten Lächeln in Richtung des großen Torbogens, der zur Klinik führte. Ob sie ihre Zeit in Stunden oder Tage maß? Nick spürte dieses vergessen geglaubte Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber dieser Krankheit in sich hochsteigen. Sein Puls war nun höher als vorher beim Joggen. Gerade verschwand der zarte Körper hinter der Biegung des Tores. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass er zu spät zum Abendbrot kam. Sein Vater stand schon am Fenster. Er litt seit dem Tod seiner Frau an Verlustangst, die er jedoch nie zugegeben hätte. Dazu wäre ein Verlassen des Cocons nötig gewesen, der aber wohl sein einziger Halt war, seine uneinnehmbare Festung.
Erst nach drei Tagen sah Nick das Mädchen wieder. Es saß mit zwei anderen Frauen auf einer Bank in der Sonne, eingepackt in Decken, die zweifelsfrei aus der Klinik stammten. Die Frauen unterhielten sich, lachten. Nick hätte gern zur Erheiterung der Damen beigetragen, doch in dem Moment, wo er das Mädchen erblickt hatte, war seine Kehle wieder zugeschnürt. Statt wie sonst durch den weitläufigen Park zu joggen, nahm er mehrere Runden um die Wiese, um öfter an der Bank mit den drei Frauen vorbei zu kommen.
„Ich habe noch drei Monate Zeit, “ erklärte das Mädchen gerade als Nick vorbei joggte. Der Tonfall in ihrer Stimme klang völlig normal, keine Spur von Angst oder Frust. Nick trafen diese Worte wie ein Tritt in den Magen. Seine Lust zu joggen sank auf den Nullpunkt. Er fuhr nach Hause und setzte sich an den Tisch. Sein Vater brummte
„Du bist früh dran, ich bin noch nicht fertig.“
„Ich habe überhaupt keinen Hunger, “ entgegnete Nick matt und streckte die Beine lang aus. Sein Vater sah ihn kritisch an, fragte aber nicht, was los sei.
Nick ging früh zu Bett, wälzte sich ruhelos umher und stand dann wieder auf. Als er durch das dunkle Wohnzimmer zur Küche tappte, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Sein Vater saß in seinem weißen Nachthemd im Sessel, der immer der Sitzplatz seiner Mutter war.
„Herrje! Was hockst du denn hier nachts rum wie ein Geist? Ich hab fast einen Schlag bekommen, “ fuhr Nick seinen Vater an.
„Was rennst du denn hier rum? Ich sitze hier jede Nacht!“
„Jede Nacht? Seit Mama tot ist? Warum hast du nie was gesagt?“
„Weil ich dadurch auch nicht besser schlafe und du mitten im Berufsleben stehst, während ich getrost auch am Tage schlafen kann, wenn ich müde werde. Bringt nichts, hier zu zweit zu hocken. Nun sag schon, was du angestellt hast!“
„Papa! Ich habe nichts angestellt! Ich bin erwachsen!“
„Trotzdem ist irgendwas. Du hast nichts gegessen und warst so früh im Bett. Nach Grippe siehst du mir nicht aus!“
„Ich habe ein Mädchen beim Joggen gesehen, vielleicht eine junge Frau. Sie ist so überirdisch schön, ich stolpere über meine eigenen Füße, wenn sie mich anlacht.“
„Wo ist dann das Problem, wenn sie schon lacht?“
„Sie ist Patientin in der Klinik. Die Haare sind schon weg von der Chemo und ich hörte, wie sie sagte, sie habe noch drei Monate Zeit, “ berichtete Nick verzweifelt. Erst sagte sein Vater nichts, atmete nur schwer, dann legte er seinem Sohn die Hand auf die Schulter und sagte traurig
„Hast du überhaupt eine Ahnung, was ich dafür gäbe, Mama drei Monate bei mir zu haben?“
„Ihr ward so lange verheiratet, da ist es selbstverständlich, dass du ihr beigestanden hast. Ich kenne nicht mal ihren Namen, nur ihr Lächeln, ihre strahlenden Augen. Ich sehe doch, wie du leidest. Immer noch, trotz der langen Zeit. Ich finde nicht den Mut, für drei Monate Glück den Rest meines Lebens zu trauern.“
„Dann musst du damit leben, dich den Rest deines Lebens zu fragen, was du verpasst hast!“
„Ach Papa, ich ahne doch noch nicht einmal, ob sie mich mag. Vielleicht könnte ich sie noch einmal glücklich machen, vielleicht bringt die Aufregung sie auch früher um. Ich war noch nie so in der Zwickmühle!“
„Du könntest sie fragen!“
„Ja klar! Ich geh einfach zu ihr und sage…hey, ich bin von dir fasziniert seit ich dich hier sah, ich denke nur noch an dich, möchte dich in mein Bett zerren und pausenlos küssen bis du stirbst!“
„Wenn du das mit dem Sterben weglässt, finde ich das nicht schlecht!“
„Papa, du spinnst wohl!“
„Nein, mein Junge, ich weiß nur, wie schlimm es ist, wenn man in seinem Leben etwas hätte tun müssen und den Zeitpunkt verpasst. Jede Sekunde, die vergeht, ist verschenkte Zeit! Du erinnerst dich? Sie hat nicht mehr viel davon!“
Nick ging wieder zu Bett. Er wollte das beginnende Wochenende nutzen und so lange im Park warten, bis er sie sah. Als er gegen zehn Uhr früh den gewohnten Weg entlang lief, sah er sie schon vom Weiten unter dem Baum sitzen, wo er sie zuerst gesehen hatte. Er rannte quer über die Wiese, die Kurve des Wegs erschien ihm wie ein unzumutbarer Umweg. Sie sah ihm mit ihrem frischen Lächeln entgegen. Ihre Augen hatten heute tiefe, dunkle Ringe, ihre Haut war von einem grünstichigen Grau überzogen, in das die leuchtenden Augen überhaupt nicht passen wollten.
Nick blieb ein Stück vor der Bank stehen, holte tief Luft und sagte
„Seit ich dich hier sitzen sah, verfolgt mich dein Lächeln, das Strahlen deiner Augen. Ich kann weder schlafen noch essen, ich denke nur daran, wie gern ich dich küssen würde!“
Das Mädchen lachte mit glockenheller Stimme.
„Erst guckst du nur wie ein geprügelter Hund, wenn ich dich anlache und dann so ein Geständnis! Hast du das inzwischen einstudiert?“
„Nein, ich denke nur an die knappe Zeit von drei Monaten, die dir bleibt, “ erklärte er und ging langsam auf sie zu.
„Genau noch 89 Tage! Ich bin schon total aufgeregt und freue mich wie Bolle!“
„Wie kannst du dich nur freuen? Mir bricht es das Herz, “ stöhnte er und griff nach ihren Händen.
„Das ist mein erster, großer Auftritt! Wenn auch das Thema etwas traurig auf viele Menschen wirkt, so ist es anderen ein Herzenswunsch, den ich gern erfülle!“
„Mein Herzenswunsch wäre es, 89 Jahre statt Tage mit dir zu verbringen, erfüllst du mir den auch?“
„Dann muss ich ja 110 Jahre alt werden, “ stellte sie lachend fest.
„Ach, da ist ja unsere Künstlerin. Wie immer mit dem Drehbuch. Das Schminken klappt ja auch schon richtig gut…fleißig, fleißig!“
Die Schwester schob den Rollstuhl mit einer der Frauen, mit der das Mädchen einen Tag vorher auf der Bank gesessen hatte, neben den Baum und erklärte im Gehen
„Jetzt hol ich noch Frau Althoff!“
„Hat er sich endlich getraut, Silvia? Wurde ja auch Zeit, “ meinte die Dame im Rollstuhl lachend und hielt Nick die Hand hin.
„Gertrud Bellendorf, von mir stammt die Idee. Ich finde es absolut unpassend, dass dieses Thema totgeschwiegen wird!“
Nick ergriff die Hand und murmelte verstört
„Nick Dreker, freut mich! Kann man mich jetzt mal aufklären? Ich verstehe hier nur Bahnhof!“
„Aufklären? In dem Alter? Na gut, aus gegebenem Anlass! Wenn also eine Biene zu einer Blume…“
In diesem Moment schlug das Mädchen die Hand vor den Mund.
„Oh Gott! Er hat keine Ahnung!“
„Nur die Ruhe, meine Liebe! Das will ich ja gerade ändern! Also wenn eine Biene…,“ fing Gertrud wieder grinsend an.
„Ich übe hier für eine Theatervorstellung! Ich will das alles so authentisch wie nur möglich machen, darum bin ich immer hier, darum die Glatze. Ich will wissen, wie die Kranken sich fühlen, wenn sie angestarrt werden, ich will wissen, warum man sie nicht sehen will, diskret die fehlenden Haare übersieht. Ich muss mich wie eine Kranke fühlen, um echt rüber zu kommen!“
„Du kannst mit den Proben aufhören! Du bist sowas von echt, dass mir übel wurde. Dafür bekommst du bestimmt einen Oskar!“
Die junge Künstlerin legte den Kopf schief, zwinkerte Gertrud zu und staunte
„Ach! Sagtest du nicht, dein Name sei Nick?“
