Freitagmorgen, in unserer Klinik.
Heute führe ich unsere kleine Abteilung ganz allein, denn es sind nur wenige ambulante OP`s gemeldet.
Da kommt er angerauscht.
Schon vor einem Jahr hatte ich ihm einen Artikel gewidmet : Eine Begegnung mit der anderen Art……S.O.S. Planet Erde in Gefahr.
http://www.platinnetz.de/artikel/eine-begegnung-der-anderen-art-23661
Auf einem kleinen Handwagen bringt er eine große Gasflasche in die Endoskopie, von mir einfach Bömbchen genannt.
Seine Haare sind vielleicht noch länger geworden, den Bart hat er bestimmt 3 Tage nicht rasiert. Doch die Augen blitzen immer noch übermütig, verschmitzt, als würden sie ständig lachen.
Ich winke ihm zu und frage: „ Wie geht’s es ihnen?“
„ Och, jo …ganz gut….habe ja nette Kundschaft…..fließend Wasser….ausreichend zu Essen und eine Toilette, was will man mehr. Millionen Menschen haben das nicht….das muss man mal so sehen. Und ich esse Bio….weiß aber, das ist alles Lug und Betrug.“
Dabei blinzelt er mich mit seinen blauen Augen an.
Wie hatte ich ihn noch genannt, vor einem Jahr, als ich das erste Mal seine Bekanntschaft machte?
Ein lebendes Fossil……in den 70ern in Woodstock vergessen…..könnte auch ein Rockmusiker sein.
Aber mittlerweile weiß ich, tagsüber liefert er Gase aus und nachts oder in seiner Freizeit, da ist er engagierter Naturschützer beim BUND und Aktionen wie Befreiung von Versuchstieren aus Laboren oder das Aufmerksammachen auf nicht artgerechte Haltung bei Tiertransportern…dazu fühlt er sich verpflichtet.
„ Na ja….bald sind wir sozialer Ballast. Werde dieses Jahr schon 55 Jahre. Das hat doch mal ein Nestlé Manager über die Rentner gesagt!“
Wie damals, werden meine Augen immer größer….wie damals verschlägt es mir die Sprache, wenn er gesellschaftlich, brisante Themen, wie Brocken, zwischen Tür und Angel, in den Raum wirft.
Ich weiß, er hat Katzen.
Und so frage ich ihn: „ Wie geht es der Katze?“
„ Nicht gut, aber auch nicht schlecht. Herzklappe kaputt, an der Milz eine Geschwulst, am Mäulchen eine Verletzung…..aber „Prinzesschen“ frisst noch immer Hüttenkäse.“
Er erzählt, dass diese Katze schon 16 Jahre alt ist, nachts neben ihm im Bett schläft und bei der morgendlichen Dusche zuschaut. Doch sollte es dem Tierchen schlechter gehen, er hat zur Not Morphium zu Hause, für den letzten Weg in den Katzenhimmel.
Es gibt noch zwei Katzen in seinem Haushalt, eine kränker wie die andere. Irgendwann gefunden auf Firmengeländen, unter Containern. Die Katzen sind ihm ans Herz gewachsen und er bezahlt jede Tierarztrechnung. Dabei schaut er nicht mal aus, als hätte er auch nur 1 Cent übrig.
Aber der äußere Schein trügt ja bekanntlich immer, jedenfalls habe ich diese Weisheit in einem Märchen gelesen.
5 Minuten war er anwesend in unserer Abteilung und irgendwie hat er einen frischen Wind hinterlassen, ist wie ein Orkan mit seinen Worten durch die Gedankenwindungen gebraust.
Und wie letztes Jahr konnte ich nur zuhören, zum Nachdenken bleibt da keine Zeit, erst recht nicht zum Sprechen und Erwidern.
Nur, diesmal hatte ich nicht einmal eine Kaffeetasse in der Hand, an der ich mich festhalten konnte.
Marlies
