Paul war ein zufriedener Mann, trotz der Armut, in der er mit seiner Familie lebte. Ute, seine Frau, klagte nie. Sie hatte ein Händchen dafür, aus wenigen Zutaten eine schmackhafte Mahlzeit zu bereiten. Das kleine Haus ihrer Eltern, das sie geerbt hatte, war inzwischen sehr alt und reparaturbedürftig, doch Baumaterial war teuer und da gab es ja auch noch Paul Junior und Arno, der mit zehn Jahren drei Jahre jünger als sein Bruder war. Der kleine Garten sorgte im Sommer für einen ausgewogenen Speiseplan, im Herbst sammelten sie Pilze und Beeren im nahen Wald, die zahlreichen Äpfel aus dem Garten wurden als Scheiben auf einer Leine über dem Herd getrocknet und irgendwie hatten sie sich immer durchgeschlagen. Ute konnte sehr gut nähen. Die reichen Bauern aus der Umgebung brachten ihr Kleidung zum ändern und schenkten ihr auch dann und wann ein paar Stücke, die sie fix zu Kinderkleidung umfunktionierte.

Einmal im Jahr jedoch verfluchte Paul seine Armut, immer dann, wenn es auf Weihnachten zu ging und er die reichen Stadtmenschen sah, die sich bei den Bauern die fetten Gänse schon fertig gerupft kauften. Er selber hätte nicht einmal das Geld für einen Flügel dieser Tiere gehabt. Seine Söhne waren inzwischen in einem Alter, wo ihr Körper nach Eiweiß und Proteinen schrie.

Nicht nur er war arm. Auch andere Familien litten in der kalten Jahreszeit, hatten weder Brennholz noch genügend zu essen. Es war nämlich verboten, auch nur ein Blatt aus dem Wald mitzunehmen. Der Großbauer hatte extra einen Jäger eingestellt, der nichts anderes zu tun hatte als auf Wald und Tiere zu achten, nachdem einige Bäume in der Nacht gefällt und abtransportiert wurden. Auch die Schüsse in mancher Nacht zeigten, dass Wilderer unterwegs waren. Den meisten wurde ihr Handwerk schnell gelegt und sie bekamen Verpflegung auf Staatskosten, während ihre Familien noch mehr litten.

Das wollte Paul nie riskieren, zumal ihm auch das Geld für ein Jagdgewehr gefehlt hätte. Es war schon ein Glück, dass sie im Wald Beeren und Pilze sammeln durften. Das hatte sie nur Utes Geschick zu verdanken. Der alte Bauer war auf der Jagd  an einem Schlehdornbusch hängen geblieben und hatte sich vorn an der Schulter einen großen Winkel in die fast neue Jacke gerissen. Ute hatte den Riss erst fein genäht und dann aus zartem Garn einen Eichenzweig mit Früchten darüber gestickt. Nun sah die Jacke nobler aus als vorher. Der Bauer fragte, was Ute für ihre Dienste an Lohn bekäme und sie bat darum, in seinem Wald Pilze, Beeren, Zapfen und Holz sammeln zu dürfen.

„Pilze, Beeren und Zapfen brauche ich nicht. Du kannst  Äste sammeln, die dünner als mein Daumen sind, “ hatte er bestimmt und ihr seine Hand vor die Nase gehalten. Sein Daumen war so dick wie Zeige- und Mittelfinger ihrer schmalen, abgearbeiteten Hand. Am nächsten Tag hatte die Bäuerin ihre Tochter mit einem Huhn und einer Mark für das Garn zu dem windschiefen, kleinen Haus geschickt. Mit wildem Bärlauch,  Zwiebeln und Möhren wurde daraus eine wunderbare Suppe, die Fettaugen hatte und ein Frikassee, das die Kinder sich von den Fingern leckten.

Irgendwie schien dem angestellten Jäger die Abmachung seines Herrn mit diesen armen Leuten zu missfallen. Wann immer er einen von ihnen im Wald antraf, kontrollierte er die Taschen und Körbe ganz genau, murrte stets, dass sie das Wild vergraulten und die Pflanzen platt traten. Paul machte deshalb lieber einen Bogen um den stämmigen Mann.

Nun kam wieder  die Zeit, wo Paul bis hin zur Schmerzgrenze seine Armut spürte. Das Weihnachtsfest nahte. An gekaufte Geschenke für die Kinder konnte gar nicht erst gedacht werden. Von einer Frau, die regelmäßig Sachen zum Nähen brachte, bekam Ute zwei alte Strickjacken, die völlig ausgeleiert waren. Die Wolle war dick und gut, nur waren die Teile zu lasch gestrickt worden und deshalb aus der Form geraten. Ute ribbelte die Jacken auf und strickte schnell zwei dicke Pullis für die Jungen und es war sogar noch Wolle für einen Schal übrig, den Paul bekam. Für Ute war wieder einmal nichts da. Sie streichelte Pauls Wange und sah ihn liebevoll an.

„Ich habe dich und zwei wunderbare Kinder, das reicht mir!“

Paul litt, weil ihm absolut nichts einfiel, womit er seiner Familie eine Freude machen konnte. Wenn er wenigstens einen Hasen fangen würde. Die Biester kamen aus dem Wald, ließen sich so manches brauchbare Kraut aus dem Garten schmecken und waren zu flink um ihnen nachzurennen. Pauls Blick fiel auf das grobmaschige Netz, in dem Ute die Äste trocknete. Wenn er dieses Netz im Wald über einen der schmalen Pfade spannte, die von Wildtieren genutzt wurden, war die Chance groß, dass sich dort ein Hase oder gar ein Reh verfing. Das würde auch nicht die Aufmerksamkeit des Jägers auf sich ziehen, der erst letzte Woche einen Wilderer angeschossen hatte.

Bald darauf lag Paul auf flink zusammen getragenem, trockenem Laub unter einer Tanne, deren grüne Zweige bis zum Boden reichten. Er hatte seine ältesten Sachen an, die braun und fleckig wie der Waldboden waren. Von seinem Versteck aus beobachtete er den kaum erkennbaren Trampelpfad, über den jetzt das Netz hing. Die bald einsetzende Dämmerung würde die Tiere aus ihren Verstecken kommen lassen. Bald darauf hörte er Äste knacken und die Lautstärke ließ auf ein Reh hoffen. Paul frohlockte, bis er die flüsternden Stimmen hörte. Oh weh, wenn das der Jäger war, der ihn und das Netz entdeckte, würde er nicht nur im Gefängnis landen, dann war es auch vorbei mit der Sammelei im Wald. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Warum musste er sich unbedingt beweisen, statt mit den Früchten des Waldes zufrieden zu sein? Paul atmete so leise er konnte und presste sich fest auf den Waldboden. Im Mondlicht erkannte er den Jäger und einen Mann aus dem Dorf, der gern dort in der Wirtschaft hockte.

„Meinst du nicht, dass der Wirt das irgendwann einmal merkt, wenn du seine Truhe erleichterst?“

„Hat er denn gemerkt, dass du die Fässer mit dem Schwarzgebrannten erleichterst? Der macht so viel Geld damit, der weiss gar nicht, was er hat. Solang man nicht zu gierig wird, merkt das kein Mensch. Hier ist es! Heb diesen Placken Moos hoch und leg das Geld in die Kiste!“

„Oh, da hast du dich aber ebenso oft wie ich bedient! Wie viel ist das inzwischen?“

„Keine Ahnung! Warum soll ich es zählen? Es reicht und wird jede Woche mehr. Natürlich muss man auch darauf achten, dass man nie erwischt wird und keine Mitwisser hat. Drum werde ich dich auch heute Nacht beim Wildern erschießen!“

„Mich beim Wildern erschießen? Ich wildere doch gar nicht!“

„Das wissen aber nur wir zwei und ich bin verschwiegen.“ Bei diesen Worten rammte der Jäger ein Messer in das Herz des Anderen. Fast gleichzeitig mit diesem „Flopp“ kippte der Mann vornüber auf den Waldboden. Der Jäger legte sorgsam den von Moos bewachsenen Deckel auf das Versteck, nahm dann den Toten wie ein Wildschwein über seine Schultern und stapfte davon. Paul blieb noch lange liegen, obwohl er vor Kälte und Abscheu zitterte. Lautlos schwebte der Schatten einer Eule in die Tanne über ihm. Wenn die Eule kam, war niemand mehr in der Nähe. Gerade hatte er seine vor Kälte starr gewordenen Knochen vom Boden gewuchtet, hörte er das Grunzen. Wildschweine! Deren Existenz bewies sich sonst immer nur, wenn sie im Garten gewühlt hatten. Seine Augen hatten sich gut an die Dunkelheit gewöhnt. Gerade rannte ein junges Schwein, das gerade die Zeit des Frischlings mit den niedlichen Streifen hinter sich gelassen hatte, in das aufgestellte Netz. Es quietschte laut, als es merkte, dass es sich mit einem Hinterlauf verfangen hatte. Die anderen Schweine rannten gewarnt davon. Paul warf sich auf das Tier und brach ihm mit einem kräftigen Ruck das Genick.

Weit entfernt hallten  drei Schüsse.

Schnell schlich Paul zu dem Versteck, hob den Moosdeckel an und schaute auf die vielen Geldstücke, die dort lagen. Alles Fünfer. Zaghaft nahm er sechs Stück heraus, deckte alles wieder zu, nahm das Schwein über die Schulter, wobei er schaudernd daran dachte, dass der Jäger auf diese Weise auch etwas getragen hatte.

Daheim versteckte er das Geld in dem schmutzigsten Winkel der Scheune, dort, wo die fetten Spinnen saßen, vor denen sich der Rest der Familie so ekelte, dass nur er die hier aufbewahrten Vorräte wie Marmelade und Eingekochtes holte.

Ute strahlte über das ganze Gesicht als er das Schwein in der Küche von seinen Schultern auf den schweren Holztisch rutschen ließ.

„Das ist ja Fleisch bis ins nächste Jahr rein, “ jubelte sie und fing gleich an, das Tier auszunehmen.

Am nächsten Tag erzählte man im Dorf, dass der Jäger einen Wilderer erschossen hatte, den er auf frischer Tat ertappte. Dieser Mann hatte auf den Jäger geschossen, worauf dieser ihn in Notwehr erschoss. Ein Schuss, mitten ins Herz! Paul rang mit sich, ob er einen anonymen Brief an die Polizei schreiben sollte. Der Tote wurde dadurch nicht lebendig, doch seiner Familie würde es schlecht gehen, besonders dann, wenn doch heraus kam, wer den Brief geschrieben hatte.

Weihnachten staunte die Familie, weil Paul Junior ein gebrauchtes, aber noch gutes Fahrrad bekam, Arno fand unter dem Weihnachtsbaum einen Fußball und Ute ein Bündel mit wunderbaren Stoffen, aus denen sie sich endlich einmal neue Kleider und einen warmen Mantel nähen konnte.

Jeden Monat nahm sich Paul einen Fünfer aus dem Versteck, kaufte davon mal Nägel, mal Draht für einen Zaun oder die drei Hühner, die jetzt Eier lieferten. Vor Weihnachten nahm er vier, war dabei höchst vorsichtig, denn ihm war bekannt, was der Jäger mit seinen Mitwissern tat. Die bescheidenen Geschenke brachten niemanden auf die Idee, dass die Familie eine neue Geldquelle hatte.

Paul war sicher, dass Gier der Anfang vom Ende sei.