Gott? Gibt`s den?
Wozu brauchen wir Religion?

Die Basis aller Religionen ist, daß der Mensch sich als sinnoffen und absurd empfindet, als ein Wesen voller Defizite. Gleichzeitig aber ist in ihm eine Intuition von Harmonie, von Güte und Liebe, die er in ihrer Vollkommenheit als das Heilsein, das Ganze erahnt. In diesem Leben auf diese Ganzheit hin wird seine Existenz plausibel, sein Wesen erfüllt, Hoffnung möglich.
Durch das Bewußtsein eines Ganzen, das anzustreben möglich ist, das ein Erfülltsein zu schenken und die Sinnfrage zu lösen vermag, kann der Mensch Freiheit finden, Freiheit von seiner Existenz-, sprich Todesangst. So ist seine Erfahrung von Sinnhaftigkeit nur in der Transzendenz zu lokalisieren. Der Mensch kann nur wirklich frei sein, seine Sinnängste beruhigen, in der Hoffnung darauf, daß Gott ist.

So hat der Mensch wohl, seit er denken kann, immer diese Transzendenz instinktiv gesucht und als Lösung für seine Sinnfrage religiöse Riten gefunden.
Um Religionen und ihren Wahrheitsgehalt zu beurteilen müssen wir davon ausgehen, daß zunächst einmal es die Wahrheit nachweisbar nicht gibt. Alle Religionen haben den Sinn, den Weg zur letzten unbe-dingten Wirklichkeit möglich zu machen und sind vor dem Hintergrund des subjek-tiven Erlebens und in der Geschichte eines Stammes bzw. Volkes entstanden. Die Religionen leben davon, einen Wahrheits-anspruch für ihre Anhänger zu haben, weil sie überzeugend die notwendigen Erklä-rung für die Sinnfrage parat haben.
Jede Religion ist allerdings eine Fasset-tenerkenntnis, eine Brille, durch die man das eine Wirkliche sieht, ohne es gänzlich zu erfassen.
Unterscheiden kann man nun nach dem Kriterium, welche Religion dem Humanen am nächsten kommt, das Bedürfnis nach einem friedvollen, liebevollen Leben, das einzig der Ausdruck von Harmonie sein kann, am ehesten erfüllt.
Zunächst waren da die prähistorischen Kulte, in denen der Mutter Erde geopfert wurde. Höhlenmalereien in der Tiefe der Höhlen an den unzugänglichsten Stellen zeigen, daß man die Erde als Mutterschoß ansah und die Höhle als Zugang zu einer Art Gebärmutter, die heilig war. Man opferte der Erde also nach unten.
Spätere Religionen, die so genannten Hoch-Religionen, setzten zur Verkörperung menschlicher Ideale Götter ein. Je-doch blieben auch die abhängig von den Mächten der Natur.
An dieser Stelle setzen die fernöstlichen Religionen an. Sie sehen die Mächte der Natur als das All-Eine und werden deshalb als monistisch bezeichnet.
Erst das Judentum führte diese Naturmacht und die Ideale menschlichen Seins zusammen und fand zu einem perso-nifizierten Gott. Der Islam übernahm dieses Gottesbild.

Das Christentum, aus dem Judentum stammend, treibt dieses Bild auf die Spitze. Es verbindet die Ideale menschlichen Seins mit dem Menschen Jesus als Verkörperung dieses personifizierten Gottes auf Erden.
Die Frage ist: Legen alle Religionen den Menschen angemessen aus?
Für die fernöstlichen Religionen ist alles Leben Leid. Hier wird empfohlen, sich an nichts auf dieser Welt zu binden, weil man dadurch dem Leid des eventuellen Verlustes entgeht.

Der Islam hingegen beendet die menschliche Grunderfahrung von Leid und Tod. Schuld wird eher oberflächlich gesehen. Daher gibt es bei den Muslimen nicht diese Neurotisierung durch Schuld-Bewusstsein.
Im Christentum wird Schuld überbetont und führt häufig zu Neurosen.
Deshalb ist die Frage: Welche Vorstellung ist human angemessener?
Zunächst ist die humane Angemessenheit die bestimmte religiöse Perspektive und Ausdrucksform der Weltreligionen, also des Judentums, des Islams und des Christentums.

Vergleichen wir diese in diesem Sinne, so kann man sagen, daß das Christentum die humanste Wertgebung vertritt und zur Sinnfrage die befriedigendsten Lösungen findet. Die Leistung Jesu war, die besten Traditionen aus dem Alten Testament zu zitieren und sehr einfach zusammenzufassen.
Nichts am Christentum läßt eine Kausalität erkennen, die nicht aus der Geschichte kommt, also von außen her sein kann. Aber Jesus bringt einen gewaltigen Schritt nach vorn. Er vermittelt das Menschenbild und die Hoffnung auf einen Sinn, der wirklich ist, ein anderes Seiendes. Diese Wahr-heit ist zutiefst nachvollziehbare Wirklichkeit, und so kann das christliche Bekenntnis der Auferstehung nur sein: Der Tod ist nicht das letzte Wort über Jesus, weil er etwas anders Seiendes zu verkörpern wußte. Er erfaßte in Kernsätzen die tiefsten Wahrheiten menschlichen Seins und lebte sie beispielhaft und bekräftigte sie, indem er für ihre Wahrheit starb. Er machte sie auf eine einzigartige Weise für den einfa-chen Menschen zugänglich. Die Befreiung von der existentiellen Angst liegt nun darin verborgen, dies annehmen zu können.
Die Entwicklung des Menschen dahin, zu dieser Sensibilität und gleichzeitigen Reife, ist somit das unverzichtbare Erzie-hungsziel unserer christlichen Welt. Die Hilfe gegen Not, Angst und Tod.
Es bleibt die Frage danach, ist alles eine Projektion des Menschen, die seine Existenzangst hervorbringt?
Sehen wir die Entstehung der Religionen aus der Geschichte, so würde vermutlich jeder Religionswissenschaftler diese Frage mit Ja beantworten und Feuerbach und Marx wären mit ihren Thesen im Recht, daß Gott eine Projektion des Menschen ist.

Wir können Gott nicht nachweisen, unser Bild von ihm kann nur in den uns gegebenen Kategorien gedacht werden. Was wir aber sehen und spüren können, ist, daß wir diese Ahnung von Ganzheit in uns tragen, die uns einen Weg weist, der zum Leben führt und die Todesangst zu überwinden fähig ist. Daß ein von diesem Geist geprägtes Bewußtsein frei macht und liebesfähig. Daß dieser Geist die Welt verändert, die Herzensblindheit auflöst, die durch Leid und Angst Verzweifelten tröstet und die Kranken heilt. Die Armen können innerlich reich, die seelisch Toten mit neuem Leben erfüllen werden. Das ist alles, ja genau, das ist alles... was Leben bedeutet. Nur das kann es sein und ist deshalb „der Weg, die Wahrheit und das Leben“.
Wir sehen unsere Beschränktheiten, unsere Ohnmacht und erkennen gleichzeitig diese Kraft des Guten, die uns leben läßt und nennen sie Gott. Indem wir in ihr und durch sie leben, ist sie die Wahrheit unseres Lebens schlechthin.
Sie gibt uns Geheimnisse auf, denn sie ist nicht sichtbar, sondern nur spürbar. Keiner hat Gott je gesehen...oder ?
Er ist kein Mensch, aber er ist in jedem Menschen spürbar und sichtbar. Er ist nicht die Natur, aber er ist in jedem Blatt, in jedem Halm sichtbar. Er ist nicht der Wind oder das Meer, aber er ist in jedem Wassertropfen, in jeder Wolke in jedem Hauch des Windes sichtbar und spürbar, denn alles existiert nach einem unfaßbar perfekten Plan und funktioniert. Er brachte das Leben hervor und dient letztendlich dem Erhalt des Lebens.
A
lso ist Gott alles in allem, unfaßbar, unverständlich. Und doch reicht es durch Funken seiner guten Energie ergriffen zu werden, und das Leben entwickelt sich unaufhaltsam im wahrsten Sinne des Wortes.
So bleibt als Ergebnis, Gott ist das Leben, und in allem, was dem Leben dienlich ist. Auch die Polarität ist letztendlich dem Leben dienlich, denn sie erzeugt die Spannung, aus der heraus das Leben sich entfaltet, ohne die es keine Kraft gäbe.
„Gott sei nicht nur mir gegenüber, sondern vor allem um mich her, und ich lebte in ihm wie der Fisch im Meer oder der Vogel in der Luft.“ Aber, ...„Der Gott, den du in deiner Seele suchst, bist nicht du selbst, das wäre ein schrecklicher Irrtum. Er ist derselbe, der im fernsten Stern ist und in allem, was du wahrnimmst.

Die Wahrheit deiner eigenen Seele ist zugleich die Wahrheit der Welt. Und Gott ist in beidem. Er ist unendlich größer als beides. Aber er ist der nahe Gott in dir. Gott ist also in allen Dingen, und er ist zugleich die Person, die allen Dingen voraus ist.

Heute suchen unzählige Wissenschaftler, die Christen sind, nach dem Gott, der in allem ist. Sie sprechen davon, im Grunde sei die ganze Wirklichkeit Gottes Geist, Bewußtsein, das in einem Molekül wirksam ist, in einer pflanzlichen Zelle oder im Gehirn eines Menschen. Und bis in alle Sterne sei alles durchwirkt von einem großen Bewußtsein. Und sie kommen damit sehr nahe an alles, was die Mystik der christlichen Geschichte je über Gott gesagt hat.“
„Wenn das Christentum nicht seinen mystischen Hintergrund wiederentdeckt, dann hat es uns nichts mehr zu sagen.“ (Jörg Zink im Interview mit Meinhold Krauss:Publik-Forum- Extra: Das Jenseits in uns, S.34.)
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