Was ist nur los mit mir, denkt Anna.
Warum bekomme ich meine Augenlider nicht hoch, kann ich die Augen nicht öffnen.
Sie probiert es immer wieder, aber es geht nicht.
Wo bin ich überhaupt?
Was ist mit mir geschehen?
Was war das nur für ein schrecklicher Traum, den ich hatte? Ich kann mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur, dass er schrecklich war.
Plötzlich hört sie eine Stimme: „Ich glaube, sie wacht auf..Es muss für sie furchtbar sein, wenn sie erfährt, was passiert ist.“
Anna sinkt wieder zurück in die Finsternis.
Dann wieder eine Stimme: „Aufwachen Frau XXXXX, die Sonnescheint, es ist heute ein wunderschöner Wintermorgen.“
Jetzt kann sie die Augen öffnen, sie schließt sie gleich wieder, weil es blendet. Die Sonnenstrahlen scheinen ihr ins Gesicht.
Sie will sich auf die Seite drehen, damit die Sonne nicht blendet. Es geht nicht. Sie hat das Gefühl, ihr Leib ist eine unförmige Masse, sie hat Schmerzen.
Sie dreht nur den Kopf und schaut sich um. Alles ist weiß! Wo bin ich überhaupt?
Eine Person ganz in weiß gekleidet beugt sich über sie. Eine Krankenschwester?
Warum bin ich im Krankenhaus?
Und wieder versinkt sie in die Finsternis zurück.
Sie hört nur aus weiter Ferne, lassen sie sie noch ein wenig schlafen, es wird ihr gut tun.
Als Anna wieder aufwacht, schaut sie sich im Zimmer um. Noch zwei Frauen liegen im Zimmer.
Sie haben jede ein Baby im Arm und stillen.
Plötzlich ist alles wieder da. Sie hat es gar nicht geträumt.
Die plötzlichen Schmerzen, keine Wehen, sondern einfach nur wahnsinnige Schmerzen im Bauch. Sie krümmt sich.
Weil Sonnabend ist, ist ihr Mann zu Hause. Er ist sehr besorgt.
Ihr kleiner Sohn ruft immer wieder „Ist Mama krank, kommt das Baby.“
Es sollte eigentlich noch eine Woche dauern, bis das Baby kommt.
Aber warum hat sie diese wahnsinnigen Schmerzen im Leib, die keine Wehen sind?
Ihr Mann ruft den Rettungsdienst, er macht es dringend.
Es vergeht mehr als eine Stunde, bis der Krankenwagen eintrifft.
Warum dauert es denn nur so lange?
Die Schmerzen werden immer schlimmer, sie hält es kaum noch aus.
Dann erfahren sie, dass ein Kind sich auf dem Skihang das Bein gebrochen hat. Es stand nur ein Rettungswagen zur Verfügung und deshalb haben sie den Jungen erst versorgt und gleich mit eingeladen.
Inzwischen ist es Sonnabend Abend.
Sie wird sofort nach der Einlieferung ins Krankenhaus von einer Hebamme untersucht.
Diese fragt besorgt, haben sie Wehen?
Nein, nur wahnsinnige Schmerzen. Inzwischen spürt sie, dass ihr Leib sehr aufgedunsen ist, nicht mehr zu vergleichen mit vorher. Sie hat das Gefühl, sie platzt gleich.
Die Hebamme ist ratlos, sie ruft den Arzt.
Nach seiner gründlichen Untersuchung entscheidet er: Sofort Kaiserschnitt, sonst sehe ich für Mutter und Kind keine Chance.
Während die Vorbereitungen zur Operation laufen, sie hat inzwischen Mittel gegen die Schmerzen bekommen, dämmert sie vor sich, lässt ihr bisheriges Leben an sich vorbeiziehen. Soll es das gewesen sein?
Sie schreit: „Nein, bitte nicht, mein Sohn braucht mich doch.“
Danach spürt sie nichts mehr.
Und jetzt liegt sie hier im Krankenzimmer mit zwei Frauen, die ihre Babys stillen.
„Wo ist mein Kind?“ Ist das erste, was sie sagt, nachdem sie den Vortag an sich vorbei hat ziehen lassen.
Die beiden Frauen schauen bedrückt drein.
Wahrscheinlich hat eine geklingelt, denn eine Schwester erscheint, sie schaut ebenfalls sehr ernst. Anna ahnt Schreckliches.
Erneut die Frage, jetzt schon fast geschrieen: „Wo ist mein Kind?“ Sie erhält von der Schwester nur die Antwort: „Ihr Mann ist verständigt,er wird bald hier sein. Ich darf ihnen nichts sagen“
Diese Ungewissheit ist grausam für Anna, birgt aber noch ein ganz klein bisschen Hoffnung.
Das Gespräch danach mit ihrem Mann und dem Arzt bestätigt ihre Ahnung und zerstört das letzte Fünkchen Hoffnung. .
Copyright: Maria E.
Foto: Pixelio, John Martin
