..."es ist kein Pfad der Welt so steil, dass ihn nicht Blumen schmücken",das hatte Thommy mir in das Poesiealbum geschrieben. Dass du sie auch siehst, die kleinsten Blümchen, das stelle ich mir vor. Seine Schrift
gestochen sauber und mit Tintenblumen ungelenk verziert. Das hat sich mir eingeprägt und ich habe mich oft davon rühren lassen.
Der Kontakt zu Thommy war mit den Sommerferien unmöglich geworden. Erstmal durch die räumliche Entfernung, und auch sonst. Ich hab ihn sehr vermisst, denn er hatte eine Art, die mir auch heute noch gefallen könnte. In unerwarteten Momenten zauberte er plötzlich zwei verklebte Bonbons aus der Tasche, gelbe Honigbonbons mit Waben darauf über die eine kleine Biene kroch.
Zum ersten Schultag im Gymnasium brachte mich meine Mutter. Ich war aufgeregt und verängstigt. Die Nervosität meiner Mutter verstärkte das bedrückende Gefühl, etwas sehr Schwieriges vor mir zu haben. Ich hatte Angst: allein aus dem Haus zu fahren, den langen Weg durch die Stadt zur Schule zu suchen, den meine Ma auch nicht gut kannte, den Bus zu verpassen, oder die Haltestelle nicht wiederzufinden - und auch sonst vor allem Neuen.
Thommy hatte durch seinen Umzug in den Sommerferien offenbar längst ein paar Jungen aus unserer Klasse
kennengelernt. Und die ignorierten für die ersten paar Jahre die Mädchen. So war ich die einzige aus meinem Dorf, und ganz allein damit, niemanden zu kennen. Ich erinner mich noch genau an das verlorene Gefühl, das ich hatte,
als alle am nächsten Tag in der ersten Englischstunde beim Klassenlehrer erzählen sollten, in welchen Ländern sie schon Urlaub gemacht hatten und welche Sprachen man dort spricht. Ob wir schon ein paar englische Wörter
wissen? Schwupp, standen eine Reihe an der Tafel... Ich war verzweifelt und kannte wirklich keines.
Die Tränen, die ich im Unterricht gerade noch
erfolgreich zu unterdrücken versucht hatte, kamen dann in der einsamen Pause
und liefen über mein Butterbrot.
Was gut war: ich hatte eine Deutschlehrerin, die ich sehr mochte. Alles, was sie erzählt hat, hat mich sofort interessiert. Sie hat mich neugierig gemacht, auf Buchstaben, Worte, was man damit machen kann und wie man dem nachgeht, was andere damit entstehen lassen hatten. Das mulmige Gefühl in der Magengegend verschwand sehr schnell, weil sie mir zeigte, dass ihr meine Gedanken zu ihren Fragen wichtig waren. (Schick dich in die Welt hinein, denn dein Kopf ist viel zu klein, als dass die Welt sich schick in ihn hinein - der Spruch, den sie für mich wählte)
Und den Musiklehrer mochte ich: Herr Krone. Er hatte vier wunderschöne Töchter; Karolin, Konztanze, und noch zwei mit "K", sie konnten Instrumente spielen und Papa brachte sie manchmal mit in den Unterricht, um uns das hören zu lassen... Ich begann im Chor zu singen... gleich zweistimmig, zuerst Kanon-en(??) und er konnte uns auch sagen, wie was wir mit unseren Stimmen machen müssen und wie es schön klingt. Er erzählte vieles und ließ uns hören...
Zu meinen Klassenkameraden fand ich nur schwer Kontakt, es beschränkte sich im Wesentlichen auf das, was ich beobachtete.... Mein Bus fuhr so spät in den Wald zurück, dass ich erst um 15.00h zuhause war, genau die Zeit, zu der sich die anderen nach Hausarbeiten und Mittagessen wieder verabredeten und Sport AGs besuchten. Es sind nur 7 km und heute verstehe ich nicht, wie meine Eltern es zulassen konnten, mich täglich durch alle Jahreszeiten in einer "Trinkhalle" zwischen Pennern - immerhin ein Dach gegen alle Wetter - zwei oder mehr Stunden haben warten lassen können....
Am liebsten hatte ich Dirk - er war der Liebling aller Mädchen und sehr gut in Sport, er konnte querdenken und damit den ganzen Laden aufhalten, war kreativ und frech, niemals unverschämt. Aber Mädchen und deren Schwärmereinen waren uninteressant, die Jungen trafen sich, um die schwierigen Matheaufgaben zu knacken und Musik zu hören.
Eines Tages kam Astrid in unsere Klasse. Ein großes, selbstsicheres Mädchen, knochig und mit blondem Zopf. Sie war mit ihren Eltern just aus Rio de Janeiro zurückgezogen, wo sie ein paar Jahre gelebt hatten. Sie war mit der größten Selbstverständlichkeit ungewöhnlich. Ihre Antworten waren unangestrengt und immer überraschend. Ich habe sie sofort geliebt und - es beruhte auf Gegenseitigkeit. Ihre Mutter hat alles in Bewegung gesetzt, dass wir viel zusammensein konnten und mich eingeladen und uns hin- und hergefahren. Diese Mutter hat mich gewinnend angelächelt und mir gesagt, dass ich lauter sprechen soll, und mir Zeit dazu nehmen muss. Sie höre mir gern zu und es sei unmöglich, so schüchtern zu nuscheln... Leider zog Astrid wieder genausoschnell fort, wie sie gekommen war....
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Die Gymnasiastin sucht ihren Weg