"Etwa 7 Stunden Zugfahrt sollten Sie einkalkulieren", bemerkt eine der Organisatorinnen der Feier *50 Jahre Ravensbrueck*. Und: "Fahren Sie doch mit uns, in einer Gruppe ist eine derart lange Anfahrt angenehmer. Bei mir faehrt auch Frau M. mit, die kennen Sie ja schon, jahrelang in Ravensbrueck eingesessenes Opfer politischer Verfolgung."
Nein, allein das Wort Gruppe loest in mir heftige Abwehrreaktionen aus, deren Bedeutung mir erst viele Jahre spaeter bewusst werden.
Ich mache mich auf den Weg. Dort, wo ich hinfahre, will ich Erklaerungen finden dafuer, dass eine junge Frau, Mutter eines Sohnes, unverheiratet und unpolitisch, ueberhaupt offenbar mit jeder Menge *un* charakterlich behaftet, ohne Verfahren, lediglich nach kurzer Vernehmung bei der Gestapo in D. nach Ravensbrueck "verbracht" wird.
Dort ihr Leben laesst. Gesellschaft ihr nicht ihr Leben laesst.
Die Umstaende sind nicht genauer bekannt. Die Urne ging auf dem Transport nach D. verloren, so eine kurze Information der Lagerleitung Ravensbrueck.
Unendlich muede, aber auch gluecklich hoffend komme ich nach 14-stuendiger Fahrt in Ravensbrueck an.
Am fruehen Morgen Eindruecke der ehemaligen DDR gewonnen. Auch der Menschen, die auf Anfrage, wie ich nach Ravensbrueck komme, entweder die Schultern zucken (nie jehoert, Fuerstenfelde? Jibt mehrere davon), oder aber freundlich, niemals aber aufdringlich hinterfragend, versuchen, mir den Weg zu meinem Ziel zu erklaeren. Muss in der Naehe von Sachsenhausen sein, einfach immer Richtung Stralsund.
Mecklenburg-Vorpommern. Wunderschoen die Alleen.
Unfassbar fuer mich, dass ein derart schoener Flecken Deutschlands missbraucht wurde. Nicht nur dieser Flecken, eigentlich flaechendeckend. Die Menschen Deutschlands auch. Eigentlich europaweit. Aber soweit will ich jetzt gar nicht denken, sondern ich begebe mich in die ehemalige *Kommandatur* - von den Nationalsozialisten ebenso genutzt, bewohnt wie vom Arbeiter - und Bauernstaat, und vorher von den russischen Alliierten.
Es sind erst wenige *Festteilnehmer* dort und auch Frau W., mit der ich vorher telefonierte, scheint mit ihrer Gruppe noch nicht angekommen zu sein.
Ich melde mich an. Informiere mich, was an Literatur ueber dieses ehemalige Konzentrationslager erhaeltlich ist. Die Literatur ist einseitig, stelle ich fest. Veroeffentlichungen, die die Zeit des Dritten Reiches vermeintlich dezidiert vermitteln. Nicht die Zeit danach, unmittelbar danach, oder Jahrzehnte danach. Wozu die noch teilweise erhaltenen Barackenunterkuenfte dienten, wieder missbraucht wurden im Zeichen einer Idee. Eines Einzelnen oder einer Gruppe.
Und die Zeit des Jetzt kann ich nachlesen. Wer *jetzt* die Dokumentationen leitet, wer *jetzt* verantwortlich ist fuer die Erhaltung des riesigen Areals um den *See der Traenen*, den Schwedt-See, herum. Und darueber hinaus. Politik sieht immer in die Ferne, in die Zukunft, manchmal auch in die Vergangenheit. Selten sieht sie das Jetzt, das (wieder einmal) lediglich in Agitation ausartet. Das mag ein Problem sein. Vielleicht.
Der Platz um die Kommandatur herum beginnt sich zu fuellen. Ich habe ja die Haeftlingsnummer, gehe auf eine Gruppe sehr gepflegter Damen zu und frage, ob eine der Frauen meine Grossmutter kannten. Ich werde gemustert, neugierig, unverhohlen von oben bis unten. Vielleicht will man vorher abschaetzen, ob ich einer Antwort wert bin. Die Auskunft des Roten Kreuzes in Arolsen halte ich den Frauen hin. Eine sieht auf das Formular: "Kategorie asozial? WIR sind ehemalige politische Haeftlinge!"
Warum, frage ich, haben so viele politische Haeftlinge ueberlebt, Asoziale, Juden, Homosexuelle und Zeugen Jehova' s eher seltener?
"Weil, " die Polin antwortet nun in gebrochenem Deutsch, "wir zu Gott gebaettet habben. Wir sind Katholiken" und bekreuzigt sich zwecks Nachdrucks ihrer Worte.
Ich kann keinerlei Zusammenhang erkennen zwischen einer politischen Ueberzeugung und praktiziertem Katholizismus. Vielleicht gibt es andere Gruende. Egal, ich muss jemanden finden, der meine Grossmutter kannte.
Hierzu spreche ich noch etliche Frauen an, keine kann sich eigentlich so wirklich erinnern, nicht einmal die *Blockzuordnung* ist eindeutig zu erfragen. Ging ja auch alles spaeter drunter und drueber. Zudem liegen die Ereignisse 50 Jahre zurueck. Auf einer Treppe sitzt eine Frau, deren Leben nach Ravensbrueck sehr offensichtlich nicht so positiv verlaufen ist. Ich setze mich zu ihr, spreche sie an. Hoere eine Lebensgeschichte unendlichen Leids. Ihre Entscheidung, sich fuer *das Lagerbordell* zu melden hat ihr seinerzeit das Ueberleben gesichert. Mit dem Zeigefinger zeigt sie in eine Richtung, der ich mit dem Blick folge.
Dort steht eine Gruppe von Frauen. Sie lachen. Ich frage mich, was sie wohl so amuesieren mag und wende mich meiner Erzaehlerin wieder zu. Mehr vor sich selbst hin sagt sie: "Frueher haben die schon mit dem Finger auf andere gezeigt. Nun tue ich es ihnen gleich. Das ist die Freiheit, die ich mir nehme. Aber sie stellt mich nicht zufrieden." Sie laechelt. "Die sind doch alle gleich. Wir sind alle gleich. Die einen haben denunziert, die anderen sind ins Bordell. Wer von uns ist besser?" Den letzten Satz spricht sie trotz des Laechelns um ihren Mund hart aus. Oder meine ich das nur?
Instinktiv nehme ich ihren Arm, ueber den sich locker die Griffe einer altmodischen Handtasche schmiegen. "Da gab und gibt es nichts zu glauben", spricht sie weiter. "Nicht an Gott und nicht an Hitler, nicht an Stalin und nicht an Ulbricht. Es ging und geht ums Ueberleben. Fuer jede von uns. Ohne Unterschied. Das ist denen", jetzt schnippt ihr alter Finger nochmal in die Richtung von soeben und auch der Kopf nickt veraechtlich 'dorthin' , "nur nicht klar".
"Mir schon", antworte ich, worauf sie mir ihr Gesicht nun voll zuwendet und antwortet: "Ich weiss". Ihr Lachen hat nun keinerlei Unterton.
Geraume Zeit schon bemerke ich eine weitere Teilnehmerin der Gedenkfeier, eine alte Dame, ganz in schwarz und vornehm gekleidet. Sie laechelt mich an. Von den anderen "Ehemaligen" scheint auch sie geschnitten zu werden.
Ich sehe jedenfalls ihren Blick als Aufmunterung, sie anzusprechen. Sie ist in Begleitung eines jungen Mannes, der sie stuetzt. Irgendwie gefaellt mir die Erscheinung der beiden und ich frage intuitiv auf Englisch, ob diese Frau meine Grossmutter kannte, halte auch ihr die Auskunft aus Arolsen hin.
Nein, sie kannte meine Grossmutter nicht. Aber sie beobachtet mich schon eine Zeitlang, sagt sie. Ihre Augen sind trotz des hohen Alters wach, sehen mich interessiert und auch ein wenig freundlich herausfordernd an.
Ich kapituliere, erzaehle ihr alles, was ich in Erfahrung bringen konnte. Erklaere ihr meine Intention, dass ich der Ueberzeugung bin, dass, wenn ich die Vergangenheit verstehe, mich mit der Gegenwart anfreunden kann, mit dem wie es ist.
Vielleicht weil ich uebermuedet bin, vielleicht, weil ich enttaeuscht von der aktuell gemachten Erfahrung bin, dass anlaesslich der Gedenkfeier wieder Unterschiede gelebt werden, ausgegrenzt wird, *Politische* idealisiert, erhoeht werden ... stehe ich - ebenfalls vollkommen *un* von irgendwas - vor dieser fremden Frau.
Freundlich sieht die aeltere Frau mich an, erzaehlt ein wenig von sich. Ihre Stimme ist angenehm dunkel, auch ein wenig rauh. Auch sie ist mit grossen Erwartungen angereist, aus den USA., war bereit, sich ihren Erinnerungen, ihren sich immer wiederkehrenden Alptraeumen zu stellen. Wollte wissen, erfahren, welche Veraenderungen sich ergeben haben. Traf auf Entruestung. Auf Ablehnung. Juedisch. Stigma auch heute noch. Nach 50 Jahren.
Unter Ehemaligen.
"Ma Dear, lovely livin' soul," in gebueckter Haltung kommt sie ganz nah an mich heran: "Times 're not changing. Always is yet. Now is yet. History 's yet. Believe me. Things 're, because things 're, you know. Of course, y'a do. I know".
Gerade in den letzten Tagen musste ich an die geschilderten Erlebnisse denken. Und an meine (persoenliche) Erkenntnis:
Gehen alle zum Klo. Und was aus uns Menschen herauskommt, ist Scheisse. Manchmal allerdings ist es einfach zuviel an (verbalen) Faekalien.
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