Was soll ich Ihnen erzählen?
Im Ernst: was wollen Sie wissen? Solche Geschichten haben Sie doch sicher schon zu Dutzenden gehört, oder? Es wird ja oft von der Kindheit geredet, aber - wenigstens bei mir - stimmt das nicht. Ich hatte eine glückliche Kindheit.
Wie bitte? Sie meinen, ich mache mir da was vor? Nein, Nein, ich mache mir nichts vor. Meine Eltern haben mich geliebt. Naja, gut, mein Vater zeigte das nicht so sehr. Der war auch ziemlich eingespannt. Aber meine Mutter, die zeigte es dafür umso mehr. Wie sie mich umsorgte! Förmlich überschüttet hat sie mich mit ihrer Zuneigung. Obwohl wir eine ziemlich große Familie waren. Nicht, daß das irgendwas an dem vorhersehbaren Ausgang geändert hätte. Aber dennoch: sie hat mich geliebt.
Ich weiß schon, was sie sagen werden: ist ja bloß alles Instinkt und so - aber das stimmt nicht. Sicher, ein Teil davon ist auch in unseren Genen. Aber trotzdem, da ist ein Rest und dieser Rest ist nicht so einfach mit dem Zwang der Natur zu erklären. Ich war als Heranwachsender mal draußen, da sah ich, wie eine Amselmutter eines ihrer Kinder verstieß. Das arme Ding fiel also aus dem Nest und fiepte herzzerreißend noch eine halbe Stunde lang, bis sich die Katze seiner erbarmte. Hat die Natur da ausgesetzt? Die drei anderen Küken, die die scheinbar herzlose Mutter im Nest hatte, die versorgte sie in der selben Zeit unermüdlich. Wäre die Amsel irgendwie entartet gewesen, sie hätte ja wohl alle verstoßen, oder?
Sie sehen also, die Natur ist nur zum Teil eine Erklärung. Da ist schon zum Teil auch eine persönliche Entscheidung dabei, die so oder so getroffen werden kann. Und auf gewisse Weise ist das ja auch gut so, denn nur das, was nicht immer funktioniert, das schätzen wir dann, wenn es eben doch funktioniert. Die Dinge, die immer und automatisch passieren, die nehmen wir kaum wahr.
Naja, wie dem auch sei. Es ändert jetzt nichts mehr. Mein Schicksal wird sich so oder so erfüllen, ob meine Eltern mich geliebt haben oder nicht. Es macht keinen Unterschied. Einige Tage habe ich noch Zeit und dann - ach, reden wir von was anderem. Wenn Sie wollen, dann erzähle ich Ihnen von meiner Kindheit, obwohl die auch höchst durchschnittlich war. Ja, natürlich haben meine Eltern mich geliebt, aber das war nicht anders als bei all den Gleichaltrigen, deren Eltern sie ebenso geliebt haben. Das ist auch so ein interessantes Phänomen, daß man als Kind und Jugendlicher immer glaubt, alles, was einem widerfährt, sei ganz einzigartig. Das eigene Leben, die Eltern, die erste Liebe - es ist ja auch einzigartig, aber alle anderen haben ähnliche Erlebnisse, die ebenso einzigartig sind und damit wird es wieder höchst durchschnittlich. Wenn man überhaupt eine Rangliste der Einzigartigkeit aufstellen wollte, dann müßte man fragen, wie einzigartig die jeweilige Einzigartigkeit sei und sortieren von den einzigartigsten Einzigartigkeiten über die seltenen und häufiger vorkommenden Einzigartigkeiten bis zu den ganz gewöhnlichen Einzigartigkeiten. Aber wie dem auch sei, wird man dann älter, dann welkt diese Überzeugung von der Einzigartigkeit der eigenen Umstände dahin und man merkt immer mehr, wie durchschnittlich die eigene Existenz eigentlich ist. In nichts unterschieden von vielen, vielen anderen, ebenso gelebten Existenzen.
Der Aufseher sollte nun bald kommen und mir zu essen bringen. Man hält hier viel auf einen regelmäßigen Tagesablauf. Das Essen kommt immer pünktlich auf die Minute - als ob es wirklich darauf ankäme. Ist das nicht ironisch? Mein ganzes Leben hat man nicht derart penibel darauf geachtet, daß ich regelmäßig und ausreichend mit Nahrung versorgt werde, wie jetzt, wo mein Tod beschlossene Sache ist. Ich würde mir ja gern was vormachen und hoffen, daß vielleicht doch noch ein Wunder geschieht, doch ehrlich: ich glaub nicht mehr dran. Früher, ganz am Anfang, als ich noch am Beginn dieser makabren Reihe stand, da machte ich mir noch Hoffnungen. Man hatte ja schon allerhand gehört und hin und wieder sollte angeblich ein Wunder geschehen sein.
Aber sie wissen sicher, wie das ist: jeder kannte einen, der mal gehört hatte, wie ein Bekannter meinte, es wäre ihm mal zu Ohren gekommen, ... mit anderen Worten: Legenden. Naja, ich rückte immer weiter vor in dieser Reihe und nun bin ich bald am Ende angelangt - da, wo es dann nicht mehr weiter geht. Und auf diesem Weg begrub ich meine Hoffnungen, eine nach der anderen, bis ich schließlich die Hoffnung selbst aufgab. Ja, ich gebe zu, einige Zeit ließ ich mich schleifen, vernachlässigte mich und wurde teilnahmslos. Irgendwann verstand ich aber, daß es nicht auf die Zeit bis zum Tod ankommt, sondern lediglich darauf, wie man die Zeit des Lebendigseins verbringt.
Außerdem: bis zum gesetzten Termin, 24.12., ist ja noch ein paar Tage hin und diese letzten Tage will ich wenigstens mit Anstand über die Bühne bringen. Was bleibt mir auch sonst übrig als der Anstand? Er wird mir zwar im entscheidenden Moment auch nicht helfen, aber wenigstens sichert er mir bis dahin den Respekt meiner Mitgefangenen.
Manche drehen ja durch. Die werfen sich dann gegen die Gitterstäbe, immer und immer wieder oder verletzen sich schwer oder machen sonst irgendwelche Faxen. Ich könnte mich jetzt auch hinstellen und über-süffisant schlechte Witze über "wirklich beschissene Weihnachten" und dergleichen machen, aber sowas ist unter meiner Würde. Wie ich schon sagte: Anstand. Alles andere hat man mir genommen.
Ich muß jetzt essen, es ist Zeit. Ansonsten kommt jemand nachsehen, was mit mir ist. Man ist da sehr genau. Ich frage mich, wie sie es machen werden. Ob es wohl schmerzt? Und wenn, wie lange? Naja, ich werds erfahren. Früh genug. Machen Sie es gut.
Und wenn Sie zu Hause mit dem ersten Bissen beginnen, dem gebratenen Truthahn das Fleisch von den Knochen zu ziehen - dann denken Sie bitte daran, daß ich den Preis dafür mit Anstand bezahlt habe. Hören Sie? Mit Anstand!

Text von Julian Apostata
Bild von Brigitte Briggi
Avatar von T.Charles
Wer im Adventskalender die ersten Türchen verpasst hat
und gerne noch nachlesen möchte...
findet sie hier:
