Nun kann man über Artikel und Beiträge im Internet natürlich viel Nachdenken. Über den Grund, warum ein Autor etwas schreibt. Über seine Absicht, seine Zielrichtung, über das, was gesagt wird und das, was ungesagt, angedeutet, ignoriert und offen bleibt. Aber man kann auch darüber nachdenken, ob gewisse Dinge überhaupt oder in dieser Weise gesagt werden müssen.
Was ich meine ist, müssen manche Dinge wirklich sein?
Ist es erforderlich, dass gewisse Ausdrücke, Unflätigkeiten und Themen inflationär ausgebreitet werden? Was ist der Grund dafür? Sind das nur Usancen, reine Geschmacksfrage? Oder steckt dahinter doch etwas, worüber sich zu reden lohnt?
Wort- und Themenwahl von Artikeln und Statements zeigt nach meiner Überzeugung viel von den Manieren des Schreibenden.
Ich weiß, Oscar Wilde hat gesagt, dass jeder Satz über gutes oder schlechtes Benehmen verschwendet sei, doch darf nicht vergessen werden, dass auch er es nicht leicht nahm, wenn man die Sprache missbrauchte.
Das Internet ist ein wunderbares Medium und es dient sicher dazu, dass sich die menschliche Kommunikation vermehrt. Aber allzu oft habe ich den Eindruck, dass die Anonymität und die Schnelllebigkeit dazu führt, dass selbstverständliche Grundlagen zwischenmenschlichen Umgangs ignoriert oder sogar verworfen werden.
Natürlich steht es jedem frei, nicht hinzusehen, zu ignorieren, was man anstößig findet. Ebenso kann derjenige es kritisieren. Doch es stellt sich die Frage, ob "freies Ausspucken" in der Öffentlichkeit, um eine in den 20er Jahren beliebte Metapher zu gebrauchen, wirklich sein muss.
Auch auf der Straße kann ich wegsehen, wenn jemand seine Körperflüssigkeiten entleert - aber es ist nicht unberechtigt, sich darüber zu ärgern und gegebenenfalls zu reagieren, wenn es an meiner Haustür geschieht.
Muss ich denn das sprachliche Äquivalent im Internet - Geschmacklosigkeiten, niveaulose Anfeindung oder perfide Hinterhältigkeit - mehr hinnehmen, weil ich hier auch wegsehen könnte? Gelten die Mindestanforderungen an den Umgang nicht mehr, nur weil wir "online" sind?
Doch neben dem Benimm gibt es eine andere Dimension. Hier wird es theoretischer, philosophischer, aber es ist schwer zu leugnen:
An ungenauer Sprache zeigt sich ungenaues Denken.
Der Zusammenhang zwischen Sprache und Denken, Geschriebenem und der Methode der Erkenntnis, ist kaum zu leugnen.
Was folgt nun daraus, wenn ich meine Sprache in Ausdruck und Thema im öffentlichen Raum entgleisen lasse, für mein Denken? Kann man, darf man, muss man diesen Schluss ziehen?
Da kann man lesen, wie Mitglieder hier Straftaten wie Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch als lustige Geschichtchen präsentieren und dabei von "Ficken" und "Rammeln" und dem Auskotzen von Alkoholabusus und der nachfolgenden Arbeitsunfähigkeit berichten - nicht ohne einen gewissen Stolz auf ihre eigene pöbelhafte Großartigkeit.
Ist das wirklich etwas, worüber Erwachsene Menschen in gehobenem Alter reden wollen? Ist das wirklich eine Art, wie wir in der Öffentlichkeit reden sollten? Sollten wir uns in persönlichen Angriffen und Kleinkriegen ergehen, die die Schwelle des guten Geschmacks nicht selten außer Acht lassen?
Oder hätten wir nicht schon vor all den Jahren - im Kindergarten - gewisse Grundregeln lernen und verstehen sollen?
Das Problem mit dem Internetmenschen ist, dass er sich wie Nietzsches Übermensch gebaren mag, aber bei der Reihenfolge der Entwicklung den ersten Schritt, das Regeln befolgen, nie gelernt hat.
Aber zum Lernen ist man, beinahe, nie zu alt.
