Hand aufs Herz : Wann haben Sie zum letzten Mal jemandem umarmt? So richtig an sich gedrückt, sanft gestreichelt, wortlos berührt, zärtlich umfangen? Ich denke nicht an die flüchtige Partyküsschen oder derbes Schulterklopfen, mit denen man die Beziehungslosigkeit untereinander nur schick kaschiert oder ungeschickt betont.
Nein, ich meine eine spontane und herzliche Berührung, die dem anderen ohne große Worte sagt: Fühle, wie ich fühle, und lass mich dabei fühlen, wie du dich fühlst. Solche Gesten der Zuneigung sind die beste Medizin.
Vier Umarmungen pro Tag sind das mindeste und so wichtig wie das Atem.
Acht braucht der Mensch für sein Wohlbefinden und seelisches Gleichgewicht.
Zwölf sind für die Entwicklung und weitere Entfaltung seiner Persönlichkeit. Sich umarmen überträgt Energie und ist wie ein Vitaminstoß aus Gefühlen. Vielleicht fällt Ihnen nun schuldbewusst ein, dass Sie Ihre Frau gestern nur gedankenlos und mechanisch an sich gezogen haben. Oder wie Sie zurückzuckten, als Ihnen der Freund in der Kneipe den Arm um die Schulter legte, weil er sich freute, Ihr Freund zu sein. Mag sein, dass der Sohn traurig im Kinderzimmer verschwand, nachdem ihn die Mutter nicht mitfühlend umarmte und so über die schreckliche Fußballniederlage seiner Mannschaft hinweghalf. Es gibt so viele Situationen im täglichen Leben, wo man den anderen am liebsten in den Arm nehmen möchte und es dann doch lässt. Aus Angst, sich etwas zu vergeben, zurückgestoßen oder einfach als weiblich abqualifiziert zu werden. Dabei ist Zärtlichkeit ein seelisches Grundnahrungsmittel des Menschen und sein Verlangen danach ein Grundbedürfnis. Babys und Kleinkinder erfahren durch Berührungen Sicherheit, Trost, Liebe und Geborgenheit. Früher galt an vielen Entbindungskliniken, Säuglinge so wenig wie möglich anzufassen. Unerklärlich Todesfälle nach der Geburt häuften sich. Ein Kinderarzt brachte dann den offensichtliche fehlenden Lebenswillen mit dem ungestillten Bedürfnis in Zusammenhang, gehätschelt und gestreichelt zu werden. Als die Babys auf seine Station fünfmal täglich von den Müttern und Schwestern auf den Arm genommen wurden und ihre Streicheleinheiten bekamen, blühten die Neugeborenen sichtlich auf.
Angefasst, festgehalten, gestreichelt zu werden, ist für alle Menschen wichtig, nicht nur für das Baby. Denn überall unter der Hautoberfläche liegen Nervenenden, die auf Streicheln und andere sanfte Berührungen sozusagen mit einem behaglichen Schnurren reagieren. Eine einzige Umarmung berührt viele Hautporen, die diese lustvollen Signale als Freudenbotschaft weitergeben. Menschen die solche positiven Strömungen auslösen und wieder empfangen, jünger aussehen und sich auch so fühlen. Sie werden seltener krank und leben wahrscheinlich auch noch länger. Außerdem ist eine Umarmung doch eine feine Sache. Man gibt sie ja nicht nur, sondern bekommt sie gleichzeitig zurück.
Wir müssen wieder lernen, unser Herz zu gebrauchen.
Nähe und Geborgenheit sind wichtig für unsere zwischenmenschliche Beziehungen und im Familienbereich die Garanten für ein harmonisches Miteinander und Füreinander. Mit eine Umarmung drücken wir unsere Zuneigung, Vertrauen, Glauben und Zufriedenheit aus. Doch schon ein paar Schritte außerhalb der Privatsphäre leiden meisten Menschen an der Zivilisationskrankheit unseres Zeitalters : das Herz ist gepanzert, die Seele hat eine Hornhaut. Zuwendung ist im Zuge eines Gegengeschäfts vorstellbar. Misstrauen herrscht statt Freude, wenn es jemand gut mit einem meint. Hinter einer herzlichen Umarmung vermutet man gleich einen Judaskuss. Mit ihren kleinen Einmaleins der Gesten und Berührungen will die amerikanische Therapeutin und Soziologin Frau Dr. Virginia Satir eigentlich nur erreichen, dass wir wieder lernen, nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz und die fünf Sinne zu gebrauchen. Die Menschen sollen aufeinander zugehen, sich öffnen, ohne Fassade zeigen.
Man muss sich seinem Chef nun nicht unbedingt gleich auf den Schoss setzen oder der Bäckersfrau beim Brotkauf um den Hals fallen. Aber wenn Sie wieder mal die ganze Welt umarmen wollen/könnten, fangen Sie doch einfach mit ihrem Nächsten damit an. Es kostet keine Cent und tut so gut. Sie werden sehen.
Hand aufs Herz.
Am heutigen Tage fangen wir an, wir schenken uns ein Lächeln,und nehmen uns in die Arme, ganz fest. Statt "liebe deinen Nächsten" - werde ich sagen - umarme Deinen Nächsten.
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