Hannes hatte sich so sehr auf diesen Urlaub auf dem großen Ferienhof nahe der Ostsee gefreut…
Endlich mal weg von Alltag und Schule. Beides war in den letzten zwei Jahren zu einem großen Problem für ihn geworden.
Seine Eltern hatten sich nach ständigen Streitereien und langem Hin und Her vor einigen Monaten endgültig getrennt. Er blieb nach der Trennung bei seinem Vater, da seine Mutter endlich leben wollte. So hatte sie es immer wieder herausgeschrieen, bei jedem Streit mit seinem Vater. Dann war sie endgültig ausgezogen. In ein Leben mit einem fremden Mann. In eine winzig kleine Wohnung, in der kein Platz für ihn war. Sie hatte gesagt, sie würde ihn immer lieben und hätte bald mehr Zeit und Platz für ihn.
Hannes glaubte ihr. Er liebte sie aus ganzem Herzen. Im Stillen hoffte er, dass sie eines Tages zurückkehren würde. Zu ihm und seinem Vater. Ständig beschäftigte ihn dieser Wunsch. Sie waren doch eine Familie. Die Erinnerung lähmte ihn. Er wurde mutlos und traurig. Hannes zog sich zurück.
In der Schule wurde er Außenseiter und Objekt von Hänseleien. Manchmal musste er heulen. Einfach so. Er hasste sich selbst. Hannes verschloss sich immer mehr. Reagierte oft pampig. Dieses Verhalten machte ihn erst recht zum Opfer. Immer öfter lauerten sie ihm auf, schubsten oder verprügelten ihn. Er wartete nach Schulschluss auf seine Lehrerin. Sie hatten fast den gleichen Weg und wenn sie bei ihm war, ließen sie ihn in Ruhe. Seine schulischen Leistungen sanken tiefer und tiefer in den Keller…
Jetzt war er hier. In Schleswig Holstein. Drei Wochen Urlaub von Schule und Frust. Papas neue Freundin hatte diese Reise bereits länger geplant. Drei Wochen Kurlaub mit zwei Freundinnen. So waren sie gemeinsam aufgebrochen. Sein Vater konnte nur einige Tage bleiben. Als Hannes gefragt wurde, ob er auch ohne ihn hier bleiben würde, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: „Ja!“ So war es beschlossene Sache. Hannes blieb auf den Ferienhof bis zum Urlaubende.
Tolle Sache. Noch nie hatte er mit seinen Eltern Urlaub gemacht. Nur mit seinen Großeltern zweimal einen Tagesausflug an die Nordsee. Und jetzt direkt drei Wochen Sonne, Strand, Ostsee, Felder, Wiesen, Wald und Abenteuer. Super Sache. Hier genossen die Urlauberkinder unbändige Freiheiten. Ein ehemaliger Gutshof mit großem Gelände und Platz für Mensch und Tier. Die Zeit verging wie im Fluge und oft war es fast Mitternacht, bis er im Bett lag.
Eines trübte jedoch Hannes Ferienglück. Er besaß nicht so ein tolles Schwert wie Klaus aus Essen. Dieser protzte damit die ganze Zeit herum und hatte sich zum Anführer der Kinderbande ernannt. Es war ein ganz besonderes Schwert – ein Lichtschwert aus „Krieg der Sterne“. Hannes war kreuzunglücklich, er wollte auch eines. Dann würde er sich mit Klaus duellieren und klarstellen wer der bessere Sternenkrieger ist!
Hannes nervte seine Reisegenossinnen so lange, bis sie nach einer Lösung suchten. Sie klapperten sämtliche Geschäfte der Gegend ab, ohne ein Schwert zu finden. Darüber waren sie eigentlich froh, sie wollten nicht, dass er sich ernsthaft bei einem Gefecht mit Klaus verletzte. In einem bekannten Badeort fanden sie einen Spielzeugladen - und dort eine „Zauberwaffe“. Gerade erst eingetroffen. Ein kleines Wunder der Technik. Ein Plastikkasten mit Lichtern und Knöpfen, der die tollsten Töne erzeugte. Jeder Kommandant eines Raumschiffes wäre vor Neid erblasst. Und das Allerbeste – es gab sie in verschiedenen Größen und Ausführungen. Hannes durfte wählen. Er entschied sich für ein größeres, ovales, mit den meisten verschiedenartigen Sounds. Es sah aus, als ob es direkt aus dem Weltraum stammte.
Stolz trug er seine „Waffe“. Ab und zu drückte er einen der Knöpfe und freute sich an dem Spektakel. Wenn er sie schnell hintereinander drückte, entstand ein futuristischer Lärm, der ihn an die Film-Gefechte im Weltraum erinnerte. Sogar seine Reisegenossinnen hatten Spaß und wurden zu kleinen Kindern. Er musste höllisch aufpassen, dass sie ihm nicht die Batterien leer spielten.
Erschöpft und zufrieden kehrten sie von der Schwertsuche zurück. Hannes drückte die Knöpfe seiner „Wunderwaffe“ und alle Kinder umringten ihn plötzlich. Jeder wollte dieses Ding ausprobieren. Niemand interessierte sich mehr für Klaus` Schwert. Er stand traurig abseits und starrte frustriert auf sein abtrünniges Gefolge. Hannes schaute auf, sah ihn dort stehen und fragte „Willste auch mal?“
Von da an waren sie die besten Freunde. Auf dem Ferienhof herrschte abendliches Spektakel – da die anderen Kinder nach und nach aufrüsteten und sich technische Gefechte vom Feinsten lieferten. Die Erwachsenen trugen es mit Humor und wenn die Sprösslinge endlich im Bett lagen, sah man einige von ihnen mit diesen Dingern in der Hand. Sie drückten die Knöpfe, erfanden den neusten Weltraumsound und ein zufriedenes Lächeln lag auf ihren Gesichtern…
Hannes genoss seinen Urlaub bis zur letzten Minute. Er kehrte mit neuem Selbstbewusstsein zurück nach Hause. Seine Schwierigkeiten in Schule und Alltag schwanden mit der Zeit und er entwickelte gesundes Selbstbewusstsein…
Drei unbeschwerte Wochen an der Ostsee hatten sein Leben verändert.
Bildquelle Amazon
Text @ Doris Sponheimer
Hannes Sternenkrieger
Manchmal musste er heulen. Einfach so...
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