Es begann eigentlich ganz harmlos - ein paar schwere Kisten transportiert, ziemlich viel mit den Armen über dem Kopf gearbeitet, eben Bewegungen und Tätigkeiten die während einer Renovierung so anfallen. Da kann man sich schnell einen Muskel zerren, oder die Schulter verletzen...
Ich hatte mich gerade vor zehn Tagen selbstständig gemacht und half einem Bekannten dabei umzuziehen und seine Wohnung halbwegs vernünftig einzurichten. Mir gefiel die Arbeit, war es doch eine willkommene Abwechslung zum sonstigen täglichen Einerlei aus Telefonaten, Tipps, Vorwürfen und Schicksalen mit denen ich sonst konfrontiert werde. Dummerweise musste ich mir wohl irgendeinen Muskel oder Nerv eingeklemmt haben. Schmerzen in der Brust hatte ich bereits im letzten Drittel der Renovierungsarbeiten empfunden. Aber man ist ja nicht Kleinlich - das geht vorbei...
Am nächsten Tag wurde es schlimmer. Es fühlte sich allmählich an als würde mir jemand mit einem Hammer rhythmisch auf den Brustkorb hämmern und in mir keimte der Verdacht dass ich eventuell eine verletzte Rippe haben könnte. Da es nicht besser, sondern mit jeder Minute immer schlimmer wurde, entschloss ich mich meinen Hausarzt aufzusuchen. Ich dachte, "hey, ein Schmerzmittel, vielleicht ein wenig Gymnastik und es wird schon wieder gehen!"
Mein Arzt, dass ist noch ein Arzt - jemand der nicht Medizin studierte unter der Prämisse als Mediziner der Reichen und Schönen schnelles Geld zu verdienen. Seine Patienten liegen dem Mann wirklich am Herzen, was man an seiner ganzen Art merkt. Man fühlt sich als Patient eben gut aufgehoben.
Ich berichtete ihm von meinen Beschwerden, die mittlerweile wirklich üble Formen angenommen hatten, und er bugsierte mich zu einer Liege. Im Vorgeld, bedingt durch Stress, wenig Freizeit und einer ganzen Portion Sorgen und Nöte, litt ich schon einige Jahre an hohen Bluthochdruck, was ich bis dahin immer als harmlos abgetan hatte. Ich legte meine Prioritäten auf mein berufliches Fortkommen und da waren regelmäßige Arztbesuche eher hinderlich.
In diesem Moment lag ich bei dem Arzt auf der Liege, wusste vor Schmerzen nicht mehr wo mir der Sinn stand und der gute Mann klemmte mich ans EKG. Danach dauerte es keine fünf Minuten mehr und zwei verständnisvoll drein blickende Herren verfrachteten mich auf eine Trage, sprühten mir ein bitter-metallisch schmeckendes Zeug in den Mund, brachten mich zum Rettungswagen und drückten mir einen Schlauch mit Sauerstoff unter die Nase, während mein Hausarzt neben dem Notarzt herlief und ihm einige Dinge bezüglich meiner Situation mitteilte...
Im Krankenwagen gratulierte mir zunächst der Notarzt: "Glückwunsch Herr J. - Ab heute sind Sie Nichtraucher!" - mein Blick muss Bände gesprochen haben, denn er sagte mir dass ein dringender Verdacht auf einen Herzinfarkt bestünde, ich jetzt vor allem ruhig und gleichmäßig atmen ssowie vor allem Ruhe bewahren sollte! Ruhe bewahren?
Da liegst du da, bist erst zweiunddreißig, hast gerade deine Selbstständigkeit begonnen und bekommst mitgeteilt dass alles in Ordnung ist, bis auf einen kleinen Herzinfarkt und dass du dich ja nicht aufregen sollst. Wem das gelingt, den nenne ich wirklich abgebrüht und cool! Mir ists jedenfalls nicht gelungen und ich hoffte noch auf ein Missverständnis. Vielleicht war ja das EGK defekt, oder mein Arzt hat sich geirrt. Sollte ja schon mal passieren...
Im Krankenhaus angekommen wurde ich ziemlich schnell abgearbeitet. Nochmals EKG, irgendeine andere Untersuchung, Blutproben, Urinproben und ich durfte keinen Schritt mehr gehen. Es war mir schrecklich peinlich, da schob mich ein junges Mädchen von vielleicht neunzehn Jahren mit einem Rollstuhl durch die Gegend, als wäre ich ein wehrloser, schwacher Klapperkasten! Auch eine Erfahrung die ich nicht mehr machen möchte: "Bleiben Sie sitzen ... regen Sie sich nicht auf ... nein, sie dürfen jetzt nicht auf Toilette und Rauchen? Um Gottes Willen!". Für eine Zigarette hätte ich während dieser Aufregung sonstwas gegeben!
Die letzte Untersuchung, und gleichzeitig Behandlung, war ein Katheder den man mir über die Arterie der rechten Leiste zum Herzen vorschob. Ein Kontrastmittel machte in der Röntgenuntersuchung verengte Stellen sichtbar und man führte mir zwei Stents - kleine Röhrchen welche die Adern offenhalten sollen - ins Herz ein. Danach wurde ich für zwei Tage auf die Intensivstation verfrachtet. Ebenfalls etwas dass ich nicht mehr erleben möchte. Die Leute dort waren zwar alle furchtbar nett, aber im Endeffekt sitzt du alleine in deinem Bett, starrst auf die Wand und weißt nichts mit dir anzufangen. Wirklich Zeit hatte dort niemand...
Da war es für mich schon eine Abwechslung als erstmals ein Arzt zu mir kam und mich über meinen "Zustand" aufklärte. Eine erblich bedingte Arteriosklerose lässt mich meiner Zeit dreißig Jahre voraus sein. Die vierzehn Jahre die ich geraucht hatte, haben auch noch einiges zu meiner Situation beigetragen, ebenso wie der Stress, eine ungesunde Lebensweise sowie eine bis dahin unentdeckte Diabetes. Alle Risikofaktoren auf einmal - bis dahin hatte ich immer gedacht ich wäre kerngesund...
Nachdem man mich auf die normale Station verlegt hatte, hielt ich es noch ungefähr drei Tage aus, bevor der wirkliche Zusammenbruch kam. Bis dahin hatte ich mir immer gesagt, "Hey, dass war ein kleiner Infarkt. Nichts schlimmes - du hast schon andere Sachen überstanden und dass Leben geht weiter!". Aber dann kam plötzlich dass Begreifen dessen was geschehen war und was man mir da mitgeteilt hatte.
Wenn dir mitgeteilt wird dass du quasi dreißig Jahre deines Lebens verloren hast, dann fallen dir Dinge ein die du hättest machen sollen und andere die du besser gelassen hättest: Verpasste Chancen, vertane Gelegenheiten und Wünsche die du dir künftig abschminken kannst. Das Bittere dabei; in meiner Kindheit, die nicht besonders angenehm war, wünschte ich mir sehr oft tot zu sein. Gewissen Dingen zu entgehen. Damals dachte ich dass Gott die Gebete eines Kindes nicht erhören würde. Heute glaube ich dass er es tut, nur wartet er manchmal ganz gerne um dann den Stempel "Genehmigt" mit einem hässlichen Grinsen in dein Wunschbuch zu pfeffern...
Jetzt sitze ich hier, fast ein Jahr später, zwei Metallrohre im Herzen, jeden Tag mehr Pillen schluckend als ich früher in einem Jahr zu mir genommen hätte und würde mir liebend gerne eine Zigarette anzünden. Nicht weil sie mir schmeckt oder ich davon etwas haben würde, aber sie würde mich an alte Zeiten erinnern. Mein alter Job, der ist weg, meine Selbstständigkeit werde ich nächste Woche an den Nagel hängen - es lohnt sich einfach nicht und den Trouble mit dem Finanzamt möchte ich mir lieber ersparen. Meine ganzen tollen Freunde, eigentlich nur die Kollegen und Bekannten die ich hatte? die haben ihr Leben, was interessiert da der Rest eines Mannes der aus ihrem Umfeld verschwunden ist?
Ich sitze hier, starre auf einen Bildschirm und was ich mir manchmal wünsche, wäre ein Resetknopf. Draufdrücken und von Vorne anfangen. Aber der Wunsch währt meist nur kurz! Ich mag nicht mehr viel Zeit haben, aber ich weiß mittlerweile dass diese Zeit etwas besonderes ist. Das jeder Augenblick der mir geschenkt wird, ein einmaliger Moment voller Wunder und Schönheit sein kann. Kein Arbeitgeber der Welt kann sich mein Lächeln erkaufen wenn er mir zeitgleich meine Lebenszeit abverlangt. Und all der Luxus dient im Endeffekt nur dazu die eigene Unzufriedenheit zu kaschieren...
Wirkliches Glück, dass bringen dir nicht Freunde, Familie oder Waren. Wirkliches Glück, dass muss man für sich selbst finden und schätzen lernen. Wenn du es gefunden hast, dann steht dir die Welt offen, ganz gleich was du hast oder wer du bist...
