"Wenn einer von uns beiden stirbt", sage ich manchmal zu meinem Hund Bismarck, "gönn ich mir einen Urlaub in Amerika". Und mein guter Bismarck, Gott schenk ihm das ewige Leben, entgegnet mit entschlossener Boxermiene: "Urlaub in Amerika? Nur über meine Leiche!" Denn da er manchmal die Zeitung liest, in die ihm unsere Fleischersfrau die Knochen wickelt, weiß er, dass die amerikanischen Ausländerkontrollen noch schärfer sind als die deutschen. Vor der Wende hatte er mal was mit dem Zwergpudel Mona vom Abschnittsbevollmächtigten unseres Ortes, und nun fürchtet er, dass er für einen Kommunisten gehalten werden könnte - obwohl Monas Herrchen inzwischen Vertreter einer Bausparversicherung ist und jeweils einen Aufnahmeantrag bei der SPD, bei der CDU und dem Bündnis 90 zu laufen hat. Auch scheut Bismarck den AIDS-Test, obwohl man sich doch bei den Damenbekanntschaften, die er pflegt, höchstens einen Hundefloh einhandeln kann. Jedenfalls stellt sich der Köter dösig, sobald die Rede aufs Reisen kommt. Zum Deutsch-Amerikanischen Volksfest in Berlin-Dahlem immerhin konnte ich ihn unlängst überreden. -

Was er aber schon auf dem Weg zur Fete unterm Sternenbanner verdrießlich schniefend bereute. Die letzten Kilometer in der Blechlawine auf dem Dahlemer Hüttenweg waren strapaziöser als eine Atlantiküberquerung inklusive Tropenimpfung vor Reiseantritt sowie Zollkontrolle, Lügendetektor und was sonst noch so alles zum Begrüßungszeremoniell beim Eintritt ins gelobte Land gehören mag. Das kriegte mein Bismarck unterm aufgeheizten Autodach zu spüren. Dass er seinen Lappen in den Fahrtwind hielt, brachte ihm wenig, denn es gab ja keinen Wind bei 2 km/h. Umso größer die Freude bei der Ankunft auf der Truman-Plaza, dem Festplatz an der Clay-Allee. Der Vorgeschmack von Cola feuchtete Bismarck schon die Lefzen, als ihm ein schwerer Schicksalsschlag die Geschmacksknospen zum Verdorren brachte: "Sorry", sagte uns der Einlass, als ich ihm die eben erstandene Eintrittskarte reichte, "der Hund muss draußen bleiben!" Und weder der Hinweis auf Bismarcks Stammbaum noch auf Tollwutspritze und erfolgreiche Wurmkur konnten das Verbot entkräften.

"Nimm das bloß nicht persönlich", tröstete ich den vergrämten Hund, "die Amerikaner sind nun mal pingelig. Wenn sie sich zu Hause schon vor Kommunisten, HIV-Infizierten, Kubanern und anderem gottlosen Gesindel aus hygienischen Gründen abschotten, müssen sie in Berlin wenigstens am deutschen Hund beweisen, was sie unter Ordnung und Sicherheit verstehen. Bald ziehen sie ab, da müssen sie schließlich in Übung bleiben für zu Hause. Wo es den Hunden trotz bestimmter Einschränkungen immer noch besser ergangen ist, seit Kolumbus mal kurz anlegte, als den meisten Menschen. Den einheimischen Rothäuten beispielsweise. Oder den schwarzen Importen aus Afrika. Mehr als zweihundert Jahre haben die weißen Amerikaner gebraucht, bis sie mitkriegten, dass deren dunkle Hautfarbe nicht auf mangelhafte Körperpflege zurückzuführen ist, sondern auf ihre Pigmente unter der Haut. Wobei die Gefahr, dass die ansteckend sein oder gar abfärben könnten, äußerst gering ist, zumindest ist bis jetzt noch kein Fall davon in der medizinischen Forschung beschrieben worden. Seitdem man das weiß, dürfen sich die Schwarzen auch mal auf eine Parkbank setzen, im Zugabteil für Weiße fahren und am Thanksgiving-Fest teilnehmen", schloss ich optimistisch. Aber Bismarck speichelte bloß verächtlich: Schließlich färbt er auch nicht ab, und was hat er jetzt davon?

"Oder denk bloß mal an die Schwulen in Amerika", fuhr ich fort, da ich nun einmal in Fahrt war. "Die hatten bis vor kurzem nicht mal Zutritt zur Armee, wo sie doch so gerne tolle Uniformen tragen. Wir wollen nicht nur gute, sondern auch schicke Amerikaner sein, riefen sie bei der Christopher-Street-Day-Demo im Sprechchor, drum gebt uns endlich die Uniform! Und der Präsidentschaftskandidat Clinton antwortete: Okay. Wenn ihr mich wählt, kriegt ihr sie. - So wurde Bill Präsident. Bloß hat die Sache für die Schwulen einen Haken: Zwar dürfen sie nun in die Armee, aber sie dürfen sich nicht als Schwule zu erkennen geben, so lange sie den Drillich tragen. Und was haben sie davon?" frage ich zum Schluss mitfühlend, "wenn sie den Hintern in der gut sitzenden Hose nicht schwenken dürfen?"

Ob es mir gelungen war, Bismarck mit meinen Argumenten zu besänftigen, weiß ich nicht, zumindest aber hatte ich ihn müde gequatscht: Knurrend streckte er sich am Eingang nieder, sabberte ein bisschen auf die heiße Betonschwelle und deutete blinzelnd dringendes Ruhebedürfnis an. Nu halt schon das Maul, mochte das heißen, und mach deinen Rundgang, für den du schließlich bezahlt hast.

Unlustig schlenderte ich über den Rummelplatz, vorbei an den amerikanischen Festattraktionen, von denen mir viele bekannt vorkamen: Hatte ich sie nicht jüngst erst auf dem deutsch-französischen Volksfest in Tegel als "Spezialitäten aus Frankreich" kennengelernt? Und während ich dankbar französischer Gastlichkeit gedenke, die auch meinen Bismarck freundlich mit eingeschlossen hatte, entdeck ich, heiliger Hundekuchen!, meinen Bismarck an einem der Stände mit amerikanischen Kulenaria. Grad ist er dabei, einen Schlag Pommes mit Majo zu verspachteln. "Wie bist du denn reingekommen?", frag ich entgeistert. "Na so diskret, wie die Schwulen in die US-Armee", kommt's vergnügt aus feucht-verfressener Hundekehle: "Kein Hüpfen und Tänzeln, kein Hecheln und Schwänzeln, kein Flitzen oder Spritzen an Baum und Strauch, da merkt doch kein Schwein, dass ich ein Hund bin! - Haste ma 'ne Mark für Popkorn?"

Nein, so viel Hundeschläue verdiente eine bessere Belohnung. Bloß ist Psychologie leider nicht meine Stärke, so dass ich auf die dämliche Idee kam, den guten Bismarck zu einem "Hotdog" einzuladen. Und noch ehe ich dem Hund erklären konnte, was das ist, fiepte er angewidert wie die weinerliche Lassie aus Nachbars Garten, dann heulte er wütend wie der Hund von Baskerville - und da hat uns die Aufsicht in hohem Bogen rausgeschmissen.

Inzwischen redet mein Hund wieder mit mir. So weiß er mittlerweile, dass "Hotdogs" keine Heißen Hunde sind, sondern durchgedrehte Sau mit Semmel. Aber von Amerika hat er endgültig die Schnauze voll.

© Peter B., 1993