Hera war eine selbstbewusste, junge Frau. Sie war kein Püppchen, sie hatte keine Beine wie lange Bohnenstangen, sondern ihre Schenkel waren muskulös und wohlgeformt wie ein Delphinleib, und ihre Brüste waren keine Äpfelchen, sondern feste Grapefrüchte. Und erst ihr Gesicht! Wenn sie lachte, ging kein Mond auf, sondern es strahlte die Mittagssonne. Ihre großen Lippen offenbarten beim Lachen Zähne, die bleckten wie Gletscher und von Kühlung, Kraft und dem erotischen Reiz der Amazonen sprachen.
Zeus war gutaussehend. Ein Mann, nach dem sich Frauen umsehen. Aber er war für Frauen auch unnahbar. Im Gegensatz zu Hera, die geerdet war, war er dem Himmel verbunden: ein Idealist, der die Welt verändern wollte – in den Augen von Hera ein Träume, aber ein lieber.
Zeus fragte sich, wie man am die Welt verändern könnte. „Ist das Reich der Ideen erst revolutioniert, hält die Wirklichkeit nicht stand“, war seine Überzeugung. Erst musste der Verstand die richtigen Ideen erfassen, denn die Liebe im Herzen ist zwar gut, aber der Logos (was die Welt im Innersten verändert und zur Entwicklung antreibt) ist nicht ursächlich das Mitleid, sondern die quellklare Vernunft. Die Vernunft wohnt bei Gott allein, und nur die Söhne Gottes, die Helden, ringen um sie, dass sie bei ihnen einwohne und sich durch sie ausbreite auf der Erde. So dachte Zeus.
Aber gerade weil Zeus so dachte, strahlte er im Kontakt zu anderen eher Konflikt aus statt Versöhnung, eher Härte als Angenehmheit. Und deshalb flogen die Sympathien der Frauen nicht auf ihn.
Hera war keine gewöhnliche junge Frau. Nicht sie wurde von Männern ausgesucht, sondern sie suchte sich die Männer aus, denen sie an ihr Anteil gab, wenn sie sich küssen ließ.
Hera und Zeus verliebten sich. Ihnen war nicht klar, warum, es brauchte auch nicht geklärt werden, denn nichts ist fragloser als die Liebe.
Hera war unkompliziert, offen, strahlend: ein Sonnenkind eben. Zeus war kompliziert, ehrlich und ideen-süchtig. Wo Hera aufhörte zu diskutieren, fing er gerade erst an. Wo er sich im Denken verlor, tat sie das Praktische, dem geholfen werden musste. Sie war beseelt vom gesunden Menschenverstand, der nie ohne Liebe ist. Er schien manchmal den Verstand verloren zu haben, weil er den Logos (Vernunft) wollte, der nur bei Gott wohnt. Und nur die Söhne Gottes, die Helden, ringen um die Vernunft, dass sie bei ihnen einwohnen möge, damit sie – die Vernunft – sich durch sie ausbreiten möge auf Erden. Zeus wollte ein Held sein. Hera bewunderte Helden nicht, denn sie waren der Erde nicht treu. Aber Zeus verwickelte sie in Gespräche, die sie erst gar nicht eingehen wollte, bei denen sie aber merkte, dass da etwas ist, was in dieser Welt nicht abhanden kommen darf, sonst würde die Erde wüst und leer.
Zeus liebte Hera mehr als Hera Zeus liebte – zu Beginn ihrer Liebe war das so. Zeus wusste, dass Hera für ihn geschaffen war: er wurde erst selbstbewusst durch ihre Zuneiung. Vor ihrer Zeit wusste er nicht, wie arm er war. Nun war er reich – durch sie. Deshalb glaubte er, was geschrieben stand: „Und Gott schuf dem Mann die Frau. Da rief er aus: das ist mein eigentliches Wesen, das nur sein kann, weil sie da ist. Und er nannte sie Eva: Belebte.“ Von dieser Belebten ging sein Belebtsein aus.
Aus dem Verliebtsein wurde Liebe, und Hera und Zeus wurden ein Paar.
Zeus wusste, dass Hera sich freute, wenn andere Männer ihr freundliche Worte sagten. Hera lies sich das gerne gefallen, denn sie war sich ihrer sicher: sie liebte Zeus und freute sich über die Freundlichkeit anderer Männer. Zeus war von Hera erfüllt und noch mehr am Logos interessiert. Ihm war gar nicht nach anderem zumute. Hera war da mutiger, erdoffener.
Eines Tage fuhr ein Mann mit einem Himmelscabrio vor, ein schneller Flitzer. Sie folgte der Einladung zu einer Spritztour. Man fuhr durch den Wind, unter der Sonne durch Wälder und Wiesen. Und es tat ihr gut, die starke Hand des Mannes zu sehen auf ihrem Schenkel.
Als sie Zeus von ihrem erotischen Erlebnis erzählte, verdutzte es ihn. Was soll das – fragte er sie nicht sondern sich. Unbegreiflich für ihn. Und wo hätte das hinführen können? Aber er kannte Hera, das Kind der Sonne, die Frucht aus Fleisch und Knochen. Sie würde sich von keinem Macho mehr als küssen und umarmen lassen. Wieso auch, sie hatte doch alles in ihm.
Nach einer Feier saßen Hera und Zeus noch im Garten, und sie erzählten sich wieder einmal von Liebe. Hera erzählte, wie sie sich innerhalb von zwei Stunden in einem Urlaub, den sie ohne Zeus verbrachte, so in einen schweizer Mann verliebte, dass sie noch in der Nacht sich von ihm am Strand entkleiden ließ, und beide dort, wo die Wellen das Land umspülen, heiß umschlungen Küsse tauschten. Bislang hatte sie immer erzählt, wenn sie darauf zu sprechen kam, dass sie auf das Angebot des Mannes, in sie einzudringen, ihm sagte: sie könne das nicht, sie sei verheiratet.
Nun sagte sie: „Das war wunderschön in dieser Nacht. Wir liebten uns bis zum Morgen. Dann gingen wir beide schlafen. Als wir aufwachten, liebten wir uns wieder. Dann aßen wir. Dann liebten wir uns wieder. Ich konnte und wollte nicht von ihm lassen. Nach sechs wunderbaren Tagen, an denen ich mehr die Zimmerdecke sah als die Sonne, musste ich abreisen. Nach drei Jahren begegnete mir auf der Straße ein Mann, ich dachte es sei der Schweizer. Ich war so vom Blitz getroffen, dass mir schlecht wurde und ich mich hinsetzen musste. Ich sah ihn dann von vorne, es war der Schweizer nicht.“
Zeus konnte nicht sprechen. Zu ergreifend war das, was ihm da seine Frau erzählte. Er verstand die Freude bei ihr, die dankbare Erinnerung, bei ihm aber flogen die Flugzeuge in den Bauch ein.
Und die Flugzeug waren kein Verliebtsein, sondern die Eifersucht, die er erstmals zu schmecken bekam. Sie sollte von nun an für lange Jahre bei ihm sein. Dass sich seine Frau so einfach verlieben konnte, neidete er ihr. Müsste ihm auch einmal passieren.
Semele begegnete ihm erstmals in der Gestalt einer 10 Jahr älteren Frau. Sie war neu im Büro. Sie war ihm zwar schon aufgefallen, aber er sprach nie von sich aus Frauen an. Nun kam sie auf dem Gang auf ihn zu – mit einem Lächeln und sagte: „Ich hab von ihnen gehört, ich gehöre zu ihrer Montagsgruppe. Bis Montag.“ Sie war blond – er fand nur blonde Frauen schön. Sie war unkompliziert offen, dabei aber viel weicher in der Begegnung als Hera. Sie war keine Sonne, sondern eher das Mondlicht, das sich friedenspendend über die Landschaft wirft und alles eintaucht in ruhiges, wärmendes Licht. Aber das nahm er mehr unbewusst als bewusst wahr und machte sich nicht viel daraus. Aber Amor hatte ihn mit seinem Pfeil getroffen, er nahm es nur noch nicht wahr.
Hera, Zeus und Semele - oder: Von der Schwierigkeit zu lieben
Dies ist eine Erzählung, die ich noch weiter erzähle - in jeder Woche ein Kapitel. Wenn Sie den Fortgang hören wollen, besuchen sie folgende Seite:http://www.platinnetz.de/forum-thema/73071/von-der-koenigin-hera-dem-koenig-zeus-und
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