Die Tage gehen dahin, Einzeltherapie, Gruppentherapie Komitee, Meeting, Wanderungen. Für eigene Aktivitäten bleibt nicht viel Zeit. Mal kurz Nach Oberstdorf runter. Einmal nach Kempten. Schon sind 6 Wochen um. Immer wieder Computerbefragungen mit denen der Gesundheitszustand abgefragt wird, psychisch und physisch. Dies geschieht für die Krankenkassen.

 

Nach der Computerbefragung ein Einzel bei meiner Therapeutin. Ihr machen meine Suizid-Gedanken Sorgen. Wir arbeiten einen Lebensvertrag aus. Ich versichere mit diesem Vertrag, dass ich leben will und keinerlei Suizidversuche machen werde. Sollte der Druck zu groß werden, versichere ich meiner Therapeutin schriftlich, dass ich die Pflege aufsuchen werde.

 

Zweimal war ich zum Familienaufstellen und auch wenn ich nicht selbst aufgestellt habe, war es bemerkenswerte Erfahrungen, aus der ich für mich selbst viel mitnehmen konnte.

 

Auch bonden war ich zwischenzeitlich wieder und wieder war habe ich die Todesnot des Kindes erlebt. Dieses mal habe ich erlebt, dass meine Mutter mir den Hals zudrückte. Wieder hatte ich enorme Atemnot. Wieder lastete meine Bondingpartnerin als unerträgliches Gewicht auf mir.

Diese Erfahrung erklärt, warum ich nichts, aber auch gar nichts am Hals vertragen kann. Keine enganliegenden Ketten, keine Rollis, wenn jemand nur mit der Hand in die Nähe des Halses kommt, bekomme ich schon, seit ich mich erinnern kann, absolute Panik und schlage und trete wild um mich.

 

Am schwarzen Brett ist der Termin für einen neuen Hütten-Marathon angeschlagen. Ich ringe mit mir, soll ich mich anmelden oder soll ich nicht. Patienten die schon mal auf der Hütte waren, können sich in die Liste eintragen, es ist aber nicht sicher, ob sie auch mitgehen dürfen, Dd die anderen, die noch nicht auf der Hütte waren, Vorrang haben.

 

Ich unterhalte mich mit anderen, ob ich gehen soll oder nicht. Noch einmal diesen Weg? Die Hüttenerfahrung als solches war super, da habe ich kein Problem mit. Doch der Weg?. Es ist November, das Wetter ist wunderschön. Erstaunlich für die Jahreszeit. Sonne und um die 20 Grad. Mittags kann man auf der Terrasse auf der Liege  die Sonnentage genießen. Also auch kein Schnee dieses Mal. Es ist Mittwoch, morgen fällt die Entscheidung wer von denen, die sich in die Liste eingetragen haben, teilnehmen werden. Kurzentschlossen nehme ich den Stift und trage mich ein. Jetzt liegt die Entscheidung nicht mehr bei mir.

 

Kurze Zeit später kommt eine Mitpatientin auf mich zu, sie war beim letzten mal mit auf der Hütte und fragt mich erstaunt, „du hast dich eingetragen?“. Ja, habe ich, doch ob ich mitgehe entscheide ja nicht ich. Ich habe mich jedoch entschlossen, den Weg noch einmal zu gehen und diesmal auf mich zu achten und das Tempo zu bestimmen. Ich sehe es als Herausforderung.

 

Freitag nach dem Komitee ist wie immer Kerngruppe. Erst wird das organisatorische besprochen, Indikationsgruppe für Donnerstag und einiges andere, dann schaut die Therapeutin mich an und sagt, „du gehst also noch einmal zur Hütte?“ Ich schaue sie an und frage „steht das fest?“

„Ja, es ist entschieden, dass du mit kannst“. Gut. Die Entscheidung ist gefallen. Noch einmal den Weg zur Hütte.

 

Auch am Wochenende hält das tolle Wetter an, wirklich erstaunlich für Mitte November. Das erleichtert den Weg, denke ich mir. Montagmorgen, es geht los, der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint. Ein Mitpatient gesellt sich an meine Seite, bietet mir seine Unterstützung an. Ein anderer, der diesmal nicht mit auf die Hütte geht, stellt mir seine Wanderstöcke zu Verfügung. Dann gehen wir los. Ich konzentriere mich ganz auf mich, gehe Schritt für Schritt, achte auf meine Atmung. Jemand von den anderen will überholen, ich bitte ihn darum, hinter mir zu bleiben. Lasse mich nicht aus dem Takt und aus der Ruhe bringen. So kommen wir am Bahnhof an. Ich bin nicht so abgekämpft wie beim letzten Mal. Weiter geht es mit dem Zug, die Strecke kenne ich ja schon. Dann sind wir in Oberstaufen. Der Weg bis zur Kapelle erscheint mir diesmal recht einfach. Niemand überholt. Ich konzentriere mich nur auf den Weg. Schritt für Schritt. Da ist auch schon die Kapelle beim Hof des Bauern, der die Hütte betreibt. Ich weiß, ganz in der Nähe wohnen Menschen, die ich aus dem Internet kenne. Schade, dass ich sie nicht besuchen kann. Sie hatte mich ja letztens in der Klinik besucht und wir waren zusammen in Oberstaufen Kaffee trinken, ich schicke ihr meine Gedanken.

 

Jetzt beginnt der schwierigste Teil der Strecke. Ein Auto kommt uns entgegen. Der Fahrer hält an und fragt, wo wir hin wollen. Da es mittlerweile sehr warm ist, haben einige ihre Jacken ausgezogen und im Rucksack verpackt. Ihm ist diese leichte Bekleidung aufgefallen und er warnt davor, dass das Wetter sich schlagartig in den nächsten Stunden ändern wird und dass Schnee angesagt ist.

Gutgemeinte Warnung. Wir danken ihm und antworten ihm, dass wir nur bis zur Hütte wollen in der Nähe der Bergstation und das wir auch für anderes Wetter ausgerüstet sind.

 

Weiter geht es. Schritt für Schritt. Ich achte nur auf den Weg unter meinen Füßen, schaue nicht nach vorn. Auf halber Strecke halte ich an. Bitte um eine Pause. Nachdem ich mich erholt habe, gebe ich das Zeichen zum weiter gehen. Schlagartig ist die Sonne weg, dunkle Wolken ziehen auf und ein scharfer Wind weht. Ich bin so auf den Weg und mein Tempo konzentriert, dass ich die Kreuzung nicht bemerke bis mein Begleiter mich anstupst und sagt, schau Nika und weist in eine Richtung.

 

Das Gipfelkreuz.           Juhu.              Geschafft.

Da vorne ist die Hütte. Wieder bin ich nass geschwitzt, doch ich habe es geschafft. Einige gehen zum Gipfelkreuz, andere, darunter ich, gehen zur Hütte. Diesmal sind wir nicht so viele, nur 14 Teilnehmer. Zusammen mit einer Mitpatientin haben wir das 8-Bett-Zimmer für uns alleine.

 

Ich ziehe mich um. Mache mein Bett und gehe in den Aufenthaltsraum. Nach und nach kommen alle an. Ich werde beglückwünscht von den anderen. Toll habe ich das gemacht. Und auch das Tempo war voll in Ordnung. So habe man die Natur genießen können.

Nun ja, Natur genießen? Davon hatte ich weniger, aber ich habe die Herausforderung angenommen und es geschafft. Was will ich mehr.

 

Wir kochen Tee, besprechen den weiteren Ablauf des Tages. Die Dienste werden eingeteilt. Wir setzen uns auf die Matten mit unserem Tee und beginnen mit der Befindlichkeitsrunde. Wie immer geht es darum Altlasten aus der Klinik zu verarbeiten, Konflikte untereinander zu klären.

 

Diesmal sind es drei, die ein Problem mit mir haben. Die eine fühlt sich durch meine Hilflosigkeit getriggert und sie stört meine manchmal etwas barsche Art. Ok, die barsche Art, das kann ich akzeptieren, daran arbeite ich, aber hilflos? Bei der weiteren Arbeit mit den Therapeuten finde ich dann heraus, dass ich immer dann hilflos wirke, wenn das verletzte Kind in mir die Oberhand gewinnt und ich nicht mehr auf der Erwachsenebene kommuniziere. Nach weiteren Gesprächen, unter anderem mit Denkanstößen durch die Therapeuten, findet sie für sich heraus was sie daran triggert. Ich spiegle in solchen Momenten ihr eigenes Verhalten. Etwas, was sie an sich selbst hasst.

 

Das wäre geklärt.

 

Auch die anderen beiden stört es, wenn ich so barsch reagiere. Ich kann das akzeptieren und werde mein Verhalten beobachten, bitte auch darum, mich gegenebenfalls darauf aufmerksam zu machen.

 

Noch zwei weitere haben Konflikte untereinander zu klären. Auch diese können zur Zufriedenheit aller gelöst werden.

 

Mit dem Abendessen und gemütlicher Unterhaltung geht der Tag zu Ende.

 

Ich kann ihn zufrieden für mich abschließen. Ich habe mich allen Herausforderungen stellen und sie ohne Kampf lösen können und stelle für mich fest, auf meinem Weg der Heilung bin ich schon ein großes Stück weiter gekommen.

Bevor ich ins Bett gehe, schaue ich nach draußen. Es schneit.

 

Text: Nika Nachtwind

 

 

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