Ich schaute ihm ein letztes Mal in seine graublauen Augen, die mit Tränen gefüllt waren. Hilflos stand er vor mir. Er schwieg, war genauso unsicher, irritiert und durcheinander wie ich. Doch es ging nicht anders, ich musste gehen. Ich wollte nicht, dass er unglücklich ist, ich wollte nicht, dass genau das passiert und er gab sich die  Schuld. Ja vielleicht hatte er die, aber, es gehörten zwei dazu...keiner von uns beiden, hat an die mlöglichen Konseqenzen gedacht. Ich schmiegte mich ein letztes Mal an ihn, küsste ihn und löste mich mit einem sanften Ruck. Ich lief die Treppe herunter, er schaute mir hinterher, meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich rannte zum Auto, gab Gas, bloß weg, weg aus dieser Gegend, weg von ihm. Nach Hause. Erst als meine Wohnungstür hinter mir zu fiel, sackte ich zusammen. Ich heulte, wahrscheinlich schlimmer als ein Kleinkind. Aber es war so befreiend, es schmerzte so sehr. Als ich ruhiger wurde, kehrte diese ganze Situation, wie ein Film vor meine Augen zurück.

Ich stürzte vollkommen verspätet, mit meiner Gitarre und dem Saxofon, den Noten und meiner Jacke, nach gut einem Jahr wieder in die kleine Kneipe, den "Treffpunkt". Von einem Gig zum nächsten. Aber auf diesen hatte ich mich so gefreut. Endlich mal wieder mit meinen ehemaligen Bandmitgliedern, für die Schalmeienkapelle, zur Valpurgisnacht aufspielen. Ich hastete durch die Kneipe. Ein paar bekannte Gesichter riefen mir etwas zu. Ich nahm kaum jemanden wahr, Hauptsache, endlich anstöpseln und spielen. Erleichterung machte sich bei den Bandmitgliedern breit - los gings. Voll Elan, zogen wir mit der Liveeinlage die Leute auf die Tanzfläche, als mir ein durchaus bekanntes Gesicht entgegenlächelte. In der ersten Pause stürmte er auf mich zu. Ich freute mich riesig, ihn zu sehen und überhaupt - mit ihm hatte ich gart nicht gerechnet. Er kam ja wohl kaum noch zu den Schalmeiproben, wegen seiner Beziehung und so. Wir umarmten uns - gute Freunde. "Mensch, wie gehts dir denn?", sinnlose Konversation, aber was hätte ich ihn auch fragen sollen. Da legte er plötzlich seine Stirn an meine. Ein altes, tiefvergrabenes Gefühl schlich langsam in mir hoch: "Ich bin seit Sylvester wieder allein." Seine warme, leise, weiche Stimme. Es tat mir leid, ja ehrlich. Ich ging mit ihm an die Bar. Er suchte wohl jemanden zum Reden. Gut, dafür waren Freunde ja auch da. Er erzählte, er wurde nicht mehr gebraucht, sie mochte seine Nähe nicht mehr und einiges mehr. Es war schwer, ihn bei der lauten Tanzmusik zu verstehen. Ich verstand bestimmt nur die Hälfte, aber sehr gut, als er sagte: "Ich habe sie wirklich geliebt, kannst du jetzt verstehen, warum ich damals gegangen bin? Ich nickte, aber da gab es noch etwas, was ich wissen musste. Ich näherte mich seinenm Ohr: "Aber, wieso der Kuss?", er schaute mich an, seine Augenwaren plötzlich feucht: "Glaubst du, etwa, dass du mir egal warst? Es fiel mir schwer, so schwer." Nun schaute er mir in die Augen. Ich griff nach dem Bier. Wir schwiegen. Dann ergriff er, einfach so meine Hand. Ich spürte seine Wärme, meinen Arm hochkrabbeln. Diese Vertrautheit, der selbe Geruch. Die selbe Kneipe. Das schleichende, alte Gefühl wurde stärker. Er sprach, aufrichtig:"Es Tut mir leid!". Er umarmte mich und es war, als musste es so sein, als wäre ein Stein ins Rollen geraten. Wir tranken, erzählten und waren uns wieder so nah und innig wie einst. Wir dachten an nichts mehr und aus diesem Abend wurde eine Nacht. Er wohnte tatsächlich gleich um die Ecke.

Endlich war es so weit, irgendwie aufregend, dass wir jetzt doch noch - nach einem Jahr - Hand in Hand in seine Wohnung gingen. In der kleinen Küche, bei einem Glas Wein, kamen wir uns immer näher. Er schälte mich aus meinen Klamotten und ich konnte es kaum abwarten, diese ihm auch auszuziehen. Eine  Spur von Hosen, Hemd, Unterwäsche verfolgte uns ins Schlafzimmer und wir küssten uns überall. Endlich, endlich spürte ich seinen Körper, konnte ihn küssen wo immer ich wollte. Wilde Gedanken schossen durch meinen Kopf, alles, alles war egal... wir liebten uns...intensiv und total verrückt. Arm in Arm schliefen wir ein.... und genauso wachte ich wieder auf.

Doch irgendwas war am Morgen anders. Sein Blick war traurig, er streichelte mein Gesicht, er küsste mich. Ich hielt seine Hand und fragte ihn, was ihn bedrücke. Ihm lief eine Träne übers Gesicht und er flüsterte. "Du bist so jung und wunderschön, so etwas wie mit dir habe ich noch nie erlebt. Aber das hätte doch nie passieren dürfen. Du bist genauso alt, wie meine Tochter, ich weiß nicht, vielleicht war es ein Fehler." Er senkte den Kopf und ich musste schlucken. Ich spürte, dass zwischen uns mehr war, als nur dieser Sex. Es nahm ihn mit. Ich schüttelte langsam den Kopf, "Soll jetzt alles vorbei sein?" Ich kämpfte mit den Tränen. "Ich weiß es nicht.." seine Stimme zitterte, "Ich bin zu alt für dich, glaube mir, in weiter Zukunft würde das nicht funktionieren." Ich hielt ihn noch immer fest und auch er löste seine Hände nicht von meiner Hüfte. Wir blickten uns an, ewig...warum dachten wir beide an eine Zukunftz, die sowieso nicht funktionieren würde? Wir haben am Abend zu vor, doch auch nicht darüber nachgedacht. Ich erzählte ihm, dass mein Ex nicht viel jünger war und dass es auch funktioniert hätte, wenn er nicht aus beruflichen Gründen ins Ausland gegangen wäre. Aber vielleicht hatte er recht. Nein, ich wollte nicht, dass er unglücklich ist, ich wollte nicht, dass sein Herz noch einmal verletzt wird. Ich löste mich von ihm, stand auf, mit einem Kloß im Hals, der drückte, wie verrückt. Ich suchte mir die Klamotten zusammen, aus der Spur, die wir damit in der Nacht gelegt hatten.

Er stand hinter mir, als ich nach meiner Tasche griff. Ich blickte ihn an, ich sah ihn hinter Tränen verschwommen. "Es ist besser, wenn ich jetzt geh." Meine eigene Stimme klang mir so fremd. Er nickte, er schluckte, er stürmte auf mich zu und schlang seine Arme um mich. So standen wir diese besagte halbe Stunde da. Die Gedanken wirr, ich wußte, ich spüre ihn das letzte mal, rieche sein Haar das letzte mal.....irgendwann stürmte ich die treppe hinunter. Er schaute mir hinterher. Es fiel ihm genauso schwer wie mir...

Er hat seinen Verstand entscheiden lassen. Ich hoffe, dass er das Richtige getan hat, denn ich habe mich in ihn verliebt und möchte, dass er mit seinen Entscheidungen leben kann. Vergessen werde ich ihn nie.