Das Leben hatte Mia nicht sonderlich verwöhnt.
Mit 43 Jahren war sie Witwe, Tochter, Schwiegersohn und Enkelin mussten drei Jahre später aus beruflichen Gründen nach Süddeutschland ziehen. Mia blieb in ihrer Wohnung. Sie hatte ja Käthe, der sie seit fast 40 Jahren in inniger Freundschaft verbunden war.
Sie fühlte sich wohl, bis zu dem Tag, an dem Käthe nicht wie gewohnt zum Mittagessen kam. Ab zwölf Uhr lief Mia immer wieder zum Fenster, um nach dem roten Ford von Käthe zu sehen. Um halb eins rief sie bei Käthe an, wenig später machte sie sich auf den Weg. Niemand kam zur Tür und so öffnete sie die mit dem Schlüssel, den sie für Notfälle hatte. Käthe lag friedlich in ihrem Bett. Weiß, kalt und tot.
Die nächsten Tage erlebte Mia die Umwelt wie durch eine Watteschicht. Der Doktor erklärte, dass Käthe nicht gelitten hatte, einfach eingeschlafen sei, der Anwalt teilte mit, dass Mia Alleinerbin war. Käthe hatte keine Reichtümer, jedoch ein kleines Sparbuch, den fast neuen Ford, einige hübsche Schmuckstücke und wundervolle, antike Schränke.
Mias Möbel wurden verschenkt, Käthes Möbel zogen ein. Mia sprach mit Käthe als sei sie noch da.
„Da war ich froh, dass ich das Grab von Eugen nicht mehr pflegen musste und nun stirbst du einfach und ich muss wieder auf die Knie, “ schalt sie und strich doch liebevoll über das Bild von Käthe. Dieses rasende Herzklopfen überfiel Mia zum ersten Mal, als sie den Schmuck von Käthe im Safe der Bank einschließen ließ. Hochrot im Gesicht schnappte Mia nach Luft. Das Herz schien aus ihrem Hals springen zu wollen, krampfhaft biss sie die Zähne zusammen.
Nach einem halben Jahr nörgelte ihr Arzt, sie könne ihn nicht ständig aus der Praxis rufen, wenn dieses Herzklopfen da wäre,ihr Herz sei gesund. Sie mache sich selber Stress und brauche nur eine Aufgabe.
Lange saß Mia im wuchtigen Sessel von Käthe und dachte über die Worte des Arztes nach…eine Aufgabe! Der hatte leicht reden! Seit sie nicht mehr mit Käthe einkaufen ging und nur noch für eine Person kochte, schmeckte ihr nichts mehr. Ihrer Familie verschwieg sie das Herzrasen, die hatten eigene Sorgen und riefen nur selten an.
Den schlimmsten Anfall hatte Mia auf dem Friedhof, wo sie gerade die roten Geranien auf Käthes Grab pflanzte. Ganz übel wurde ihr, schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen und sie brach über den Blumen zusammen.
Eine warme Hand tätschelte ihr Gesicht, ein feuchtkaltes Herrentaschentuch fuhr über ihre Stirn und eine tiefe Stimme murmelte
„Schön die Augen aufmachen und durchatmen, dann wird es gleich besser!“
Mia bemerkte, dass sie auf dem Boden lag, der Mann hatte seine Jacke unter ihren Kopf geschoben und ihre Beine auf dem Grabhügel hochgelagert. Sie hatte ihn schon öfter gesehen. Er besuchte ein Grab zwei Felder weiter. Etwas seltsam kam er ihr vor. Die Sachen zu weit, die Haare lieblos, fettig und ohne Form am Kopf baumelnd… asozial wirkte er.
“Heckenpenner“ hätte Käthe gesagt.
Langsam ging es Mia besser. Der Mann half ihr auf, führte sie zu einer nahen Bank.
„Haben sie so etwas öfter?“ Er schien sich zu sorgen. Mia erzählte ihm von ihrem Herz, das immer versuchte, aus dem Hals zu springen. Sie berichtete auch von den Worten des Doktors.
„Was ist das denn für ein Idiot? Sie haben nichts am Herzen? Sie leiden an gebrochenem Herzen! Davon haben die jungen Ärzte keine Ahnung, die kennen nur ihre Messgeräte und Laborwerte! Wenn sie gestatten, helfe ich ihnen schnell, die Blumen zu ordnen und bringe sie dann nach Hause.“
„Das ist nett von ihnen, jedoch unnötig. Mein Auto steht gleich neben dem Eingang, “ lehnte Mia freundlich ab, nahm jedoch die Hilfe bei den Blumen gern an. Der Herr brachte sie bis zum Auto, er selber wollte auf den Bus warten, dessen Rücklichter sie gerade noch gesehen hatten als sie aus dem Friedhofstor kamen.
„Darf ich sie wenigstens zu einer Tasse Kaffee dort in der Bäckerei einladen? Es ist doch heute nicht mehr selbstverständlich, dass jemand hilft. Andere hätten mich wohlmöglich nur beraubt, “ gruselte es Mia im Nachhinein.
Beim Kaffee erzählte Theo von seiner Änne. Der Krebs hatte sie geholt. Die Leere danach habe er versucht mit Alkohol zu füllen, bis seine Leber versagte. Er hatte er auf der Kippe gelegen und als sein Verstand nicht mehr benebelt war, wuchs ein Fünkchen Mut zur Idee, einen Neustart zu wagen.
„Der Alkohol hat mir Änne nicht zurück gebracht. Der Neustart bringt mir vielleicht mein Leben wieder, “ hoffte er mit traurigen Augen und Mia hoffte mit ihm. Auch sie brauchte einen Neustart.
Ein paar Wochen später kochte Mia wieder für zwei. Die Kleidung schlotterte nicht mehr um Theo und er war gut frisiert, duftete nach After Shave, hatte Glanz in den Augen und ein Lächeln um den Mund.
Mias Herzklopfen änderte sich. Sie fühlte keine Todesangst mehr dabei, es war eher so ein…ja, es wandelte sich zu einem Herzprickeln, je näher Theo ihr kam, desto mehr prickelte es. Beim Sonntagsbraten gestand Mia ihrem Gast, dass sie dieses Prickeln spüre.
Theo nahm ihre Hand, zog sie hoch an seine Lippen, sah ihr tief in die Augen und schmunzelte
„Da kann dir kein Arzt mehr helfen, hier muss ein Standesbeamter ran. Was sagst du dazu?“
Das Prickeln wurde plötzlich viel heftiger als sonst. Es prickelte bis in die Zehen, in jeden einzelnen Finger. Es prickelte im Kopf, in den Ohren und hätte Mia nicht mit geschlossenem Mund genickt, hätte Theo es gewiss gehört, wie es zischt und blubbert in Mia.
