Als ich dich kennen lernte, warst du 40 Jahre alt, damals im Jahr 1955. In den Augen des 7jährigen Mädchens, das ich war, schon uralt. Deine schon von vielen grauen Fäden durchzogenen Haare und dein strenger Dutt sowie die schwarze Brille verstärkten diesen Eindruck. Ich hatte dich mir ganz anders vorgestellt. Ich wusste nicht viel von dir, nur, dass du die Schwester meiner Mutter warst und wir vorübergehend jetzt bei dir wohnen würden, weil du nicht verheiratet warst und Platz für uns hattest.
So wie du hatte ich mir Fräulein Rottenmeier aus meinem derzeitigen Lieblingsbuch Heidi vorgestellt. Das Bild von ihr sah dir irgendwie ähnlich. Was Wunder, dass ich sehr zögerlich nur auf dich zuging. Doch wie von Zauberhand waren plötzlich alle Vorbehalte weggefegt, du lächeltest, und alles Strenge fiel von dir ab. Von Stund an waren wir beide ein Herz und eine Seele,
du wurdest meine Vertraute.
Wie oft in den folgenden Jahren hast du mit einem Augenzwinkern gesagt: „Lass mal, ich regel das schon,“ wenn es von meinen Eltern irgendwelche Verbote oder Strafen gab, ich weiß nicht, wie du manches hingebogen hast, aber du hast es.
Du, die du nie verheiratet warst, nie selbst ein Kind hattest, du brachtest Verständnis für meine kleinen und großen Sorgen auf, hast mich getröstet bei meinem ersten Liebeskummer, du warst die erste in meiner Familie, der ich meinen späteren Mann vorstellte, du warst nach ihm die erste, die erfuhr, dass ich schwanger war.
Nie hast du dich von der Meinung anderer abhängig gemacht, du bist gegen so manchen Strom geschwommen und wenn die restlichen Familienmitglieder dich als schrullig bezeichneten, dann hast du gelacht und gesagt:“ Lieber schrullig, als spießig“.
Das haben sie dir oft übel genommen, ich nicht, ich habe dich dafür bewundert.
Und irgendwann fiel mir auf, dass du „anders“ wurdest. Dein Lächeln wurde seltener, deine Erzählungen nicht mehr voller Spöttelei und Ironie, immer öfter kam es vor, dass dir Namen und Daten „entfielen“. Du fülltest die Lücken in deinem Gedächtnis mit Fantasie, manches erschien einfach erfunden. „Tante Grete lügt,“ sagte die Familie und mied dich immer mehr.
Du, die du sonst immer peinlichst auf Sauberkeit und Ordnung bedacht warst, hörtest nach und nach auf damit.
Ich wohnte nicht mehr in deiner Stadt, ich besuchte dich aus beruflichen Gründen nicht mehr so häufig, umso mehr fiel mir dann deine Veränderung auf.
Und plötzlich behauptetest du, ich hätte dich bestohlen, dein ganzes Geld sei weg. Ich suchte mit dir gemeinsam, wir fanden es unter deiner Wäsche versteckt im Kleiderschrank. „Das war ich nicht,“ sagtest du, „das hast du jetzt schnell dort hingelegt, damit du auch behaupten kannst, ich wäre nicht mehr richtig im Kopf. Du bist genau so wie all die anderen.“
Ich sprach mit den anderen Familienangehörigen, die in deiner Nähe wohnten, bat sie, im Wechsel öfter nach dir zu schauen, doch dann bist du gefallen und musstest mit einem Oberschenkelhalsbruch ins Krankenhaus.
Die Operation und die fremde Umgebung taten ein Übriges, du hast dich immer mehr selbst verloren, du konntest nicht zurück in deine Wohnung.
Und dann kam der Tag, an dem du selbst mich und meinen Sohn nicht mehr erkanntest. Aber noch kurz vor deinem Tod blitzte es noch einmal auf, dein Lächeln, das mir damals alle Ängste nahm.
Würdest du noch leben, du wärest heute 95 Jahre alt geworden.
Danke, dass ich dich erleben durfte.
© Text und Foto: Sibylle.E
