Vielleicht wird es ein Tag wie morgen.
Obwohl es an sich töricht ist, immer ohnmächtig in den Gedankenschleifen zu verharren, klart es für einen Moment in Julias Gedankenknäuel auf. Die Tage gleichen den Schattierungen einer vergilbten Farbskala. Und jeden Tag versuche ich, die Abstufungen zu verfeinern. Mir vorzustellen, wie viele Nuancen von Grau es gibt, damit Schwarz noch nicht so schnell erreicht wird. Heische danach, den Tagen Kontur zu geben. Zumindest einige von ihnen erinnerbar zu machen. Sie mit Gefühlen und Erlebnissen zu verbinden, die dem Tag einen Namen geben. Der nicht Gestern, Heute oder Morgen heißt, und jeden neuen Tag in einem wabernden Brei ertrinken lässt. Sich in seiner Beliebigkeit verschleißt, wie ein Reifen auf den Betonplatten der Autobahn. Bis er einen profillos aus der Spur trägt.
Hatte doch einen Alltag. Natürlich nicht jeder voller Einmaligkeit. Wo gibt es das? Geblieben sind nur die Erinnerungen an Facetten der Kalenderblätter unseres Lebens. Viele reißt man ab, einige enttäuscht, zuweilen im Zorn. Doch meist in Geborgenheit, die einen umschmeichelt, ohne genau zu spüren, was dem Schutzschild das Sanfte gibt. Dieses Gefühl zu ruhen, aufgefangen zu sein, wenn Turbulenzen die Wangen röten. Unser Alltag fehlt mir, Du fehlst, ich vermisse Dich Lennard. Seit dem Tag, als Du gingst.
Heute ist wie morgen. Und morgen wie übermorgen. Die Tage sind austauschbar geworden. Bieten sich jeden neuen Tag mit scheinbarer Leichtigkeit an, um sich abends, von Schwermut beladen, resigniert zurückzuziehen. Weil ich wieder einen Tag in Vorsätzen verstreichen ließ. Verledert in den Poren, alles abperlend lassend. Oft aus Gleichgültigkeit, weil ich es nicht schaffe, den neuen Erfahrungen Sinn zu geben. Sie bewusst willkommen zu heißen, oder ihnen ein schroffes „Hinfort“ entgegen zu schmettern. Dann würde ich mich spüren, anstatt zu hoffen, aus meinem Klagen Kraft zu schöpfen. Warum haben Gedanken keinen „Not-Aus-Knopf“?
„Bis morgen, Lennard“, erschrickt Julia, als sie ihre Stimme hört. Dreht sich verstohlen um, wirft noch einen Blick auf die Blumen vor dem Stein, und geht zum Ausgang. Wie jeden Tag, um kurz nach Drei.
