Ich kam also unsichtbar aus dem Lokal, wo ich bemerkt hatte, dass Menschen Fleisch vor dem Essen streicheln und ging die Straße runter. Mir kam eine Frau entgegen, die sich offensichtlich hatte unkenntlich machen wollen. Sie hatte sich jedenfalls bemalt und bestäubt, und zwinkerte dem Mann hinter mir zu. Gleichzeitig zeigte sie ihm ein widersprüchliches Signal in Form des Bloßlegens ihrer Zähne, mit denen sie dem Mann aber kaum gefährlich werden konnte, weil die aus Plastik waren.
Ihr wisst ja, was Zwinkern auf Castor bedeutet: so machen wir Kinder. Einer zwinkert und der andere zwinkert zurück, und dann drücken wir uns gegenseitig die Daumen.
Ich zwinkerte zurück, aber weil ich unsichtbar war, reagierte sie nicht.
„Hasse watt inne Ougen?“, fragte sie der Mann, und anstatt dass sie ihm wahrheitsgemäße Antwort gab und den Inhalt ihrer Sehorgane aufzählte, zog sie die Mundwinkel runter wie die Frau auf dem Wahlplakat.
Dieses Zwinkern hatte mich total erregt. Wie gern hätte ich ihr jetzt die Daumen gedrückt, aber sie konnte mich ja nicht sehen. So entschloss ich mich, in ihrem Gehirn festzustellen, was ihr das Liebste auf der Erde war. Wenn ich die Gestalt ihres Favoriten annahm, würden wir erfolgreich zwinkern und Daumen drücken können, und ich würde eines unserer Kinder als Belegexemplar mit nach Castor nehmen.
Ich kam durch ihren Mund herein. Das war sie gewöhnt. In ihrem Gehirn sauste alles kreuz und quer durcheinander. Ich kam an Geldscheinen vorbei, an Sex in der Meeresbrandung, an einem Mann mit Halbglatze und Goldkettchen ums Handgelenk und landete schließlich in ihrem Allerheiligsten, dem Ort, wo sie das behütete, was ihr das Wertvollste war.
Ihr glaubt es nicht. Es war ein Paar Fußfutterale. Solche mit 12 cm hohen Absätzen, in altrosa und mit beige abgesetzt. Ich war entsetzt.
Ich entfloh ihrem Gehirn, eilte voraus und materialisierte 50 m vor ihr zu einem solchen Paar Schuhe, Größe 36 ½.
Die Frau kam vorsichtig näher und staunte. Sie sah sich nach allen Seiten um, und als sie niemand beobachtete, nahm sie mich hoch und betrachtete mich liebevoll. Sie steckte mich in ihre Jackentaschen, dass nur noch die Absätze heraus schauten und rannte zu ihrer Wohnung.
Ein Mann saß auf der Treppe und wartete auf sie.
„Wieviel?“, fragte er.
„So wie immer“, sagte sie und schloss auf. Hastig schob sie einen Wandschrank auf und stellte mich ans Ende einer Reihe von Leidensgenossen. Sie schloss die Tür und verschwand.
„Von welchem Planeten seid ihr denn?“, fragte ich, bekam aber keine Antwort.
Von nebenan hörte ich kurze Geräusche, die nach Verdauungsbeschwerden klangen. Die Töne brachen jäh ab.
Kurz danach folgte ich unfreiwillig einem Dialog, den ich aus dem Gedächtnis wieder gebe.
„Du bist aber ganz schön teuer geworden“, sagte der Mann. „Für das Geld hättste mich auch ‚n bisschen streicheln können.“
„Du bist ja schon fertig, bevor ich meine Hand überhaupt oben habe. Ey, was machste denn mit dem Kondom?“
„Ins Klo schmeißen.“
„Die gehen doch nicht unter. Nee, lass liegen, ich hab dafür ‚n Container, der dreimal die Woche geleert wird.“
„Nacher verkaufste meine Produkte noch an die Samenbank. Ich bin womöglich der Vater der übernächsten Bundeskanzlerin und weiß nix davon. Oder du füllst es dir ein und verlangst Alimente für das Kind. Und dann erzählst du’s meiner Alten und die macht mir die Hölle heiß.“
Ich gebe zu, dass ich fast nichts verstanden habe. Später habe ich gegoogelt und mir zusammen gereimt, dass der Mann wohl im Besitz einer alten Frau sein muss, die für die Beheizung eines mystischen Untergrundgewölbes zuständig ist.
Als der Mann weg war, kam die Frau und nahm mich aus dem Schrank. Sie küsste und streichelte mich.
Jetzt wurde mir einiges klar. Zu dem Mann war sie nicht zärtlich, aber zu mir, obwohl er gezahlt hatte und ich umsonst gewesen war. Wie widersprüchlich, wo ich doch nur aus Kalbsleder und Chemikalien bestand und er aus Kohlenstoff, modifizierten Säuren und aus organischen und anorganischen Substanzen. Aus Teer, Nikotin und Kalk, Pflanzenschutzmitteln und Alkohol.
„War wohl alles ‚n bisschen viel für dich“, sagte die Frau zu mir. „So unvorbereitet alles mit anhören zu müssen. Mein Gott, du bist ja schon ganz feucht. Morgen lasse ich dich mal zusehen, ja?“
Kaum hatte sie mich in den Schrank zurück gestellt, dematerialisierte ich und verschwand entsetzt durch das Schlüsselloch.
Wer weiß, was mich draußen erwartete?
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© Jürgen Berndt-Lüders
Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos
