Da stand ich nun am Straßenrand und wusste nicht, weshalb diese Menschen so unfreundlich miteinander umgingen.

 

An der Ulme auf einer Verkehrsinsel wuselte ein Dackel herum. Der hob ein Bein und schoss einen heißen Strahl nierengefilterer Restflüssigkeit gegen die Wurzeln des Baums.

 

Ich beschloss, ihn anzuquatschen. Vielleicht hatte ich mit Tieren mehr Glück.

 

„Warum stößt du deine Ausscheidungen ausgerechnet an einem Lebewesen ab, das nicht weg laufen kann? Es leidet eh schon unter den vielen Abgasen und Verunreinigungen.“

 

„Endlich mal jemand, der Verständnis für uns Bäume hat“, sagte die Ulme. Es klang mehr wie ein Rauschen.

 

„Wo bist du überhaupt?“, fragte der Dackel und sah sich verwirrt um.

 

Ich materialisierte zu einer Dackeline und watschelte zu ihm.

 

„Dich hatte ich noch nicht“, sagte der Dackel, nachdem er mich ausgiebig beschnuppert und probe-besprungen hatte. „Darf ich vorbei kommen, wenn du läufig bist?“

 

Ich stutzte. Ich wusste nichts mit dem anzufangen, was er sagte. Läufig? Laufen wir nicht alle bis auf die Pflanzen?

 

Er deutete mein Schweigen falsch.

 

„Ach so, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt, schöne Frau. Mein Name ist Waldi.“

 

Ehe ich reagieren konnte, zerfetzte eine hohe, schrille Frequenz unsere Konversation. Sein Herrchen pfiff.

 

„Waldi, komm“, rief der Menschenmann. „Ja, wirst du wohl die Mädels zufrieden lassen...“

 

Waldi wackelte auf seinen krummen Extremitäten zu ihm.

 

„Du reißt vielleicht Weiber auf“, sagte der Mann bewundernd. „Musst mir mal erzählen, wie du das machst.“

 

Warum reißen Hunde Weiber auf? Dann fällt doch alles raus, überlegte ich.

 

„Dann spendier’ mir mal richtiges Waldi-Futter als immer nur Aldi-Futter“, sagte Waldi traurig, aber sein Herrchen verstand ihn offensichtlich nicht.

 

„Immer dieselbe Schikane“, brabbelte Waldi vor sich hin. „Erst züchten sie einem krumme, kurze Beine an, damit man die Karnickel im Bau jagen kann, und dann scheuchen sie einen durch die Gegend. Nicht mal flirten kann man in Ruhe.“

 

Ich fragte mich: Seit zehntausend Jahren kooperierten diese beiden Erdenbewohner. Warum verstehen die Menschen immer noch nicht die Hundesprache? War das vielleicht ein Zeichen von niederer Intelligenz? Hatten wir Castorianer uns zuviel von diesen Menschen versprochen?

 

Ich simste von meinem implantierten Handy aus nach Hause. „Brauche unbedingt Hilfe.“

 

Ich war immer noch Dackel, und weil ich Dackel war, hatte ich auch einen Stoffwechsel, und weil ich Stoffwechsel hatte, bekam ich Hunger. Da kam mir die Frau gerade recht, die sich zu mir hinunter beugte und die Hand ausstreckte.

 

Sie lächelte und zeigte die Zähne. Ihre waren noch aus Knochensubstanz.

 

 „Komm, komm, wir Frauen müssen doch zusammen halten. Erst quatschen einen die Kerle an und dann zischen sie ab.“

 

Sie besah mich genauer. Sie sah mir sogar zwischen die Beine, dorthin, wo Waldi vorhin geschnuppert hatte. Und ich verstand wieder kein Wort. Was zischte hier? Hoffentlich kriegte ich bald einen Dolmetscher von Zuhause.

 

„Bist ja ‚ne Schöne, aber hast kein Halsband. Hast du vielleicht kein Frauchen?“

 

Ich wollte freundlich sein wie sie und zeigte ihr auch die Zähne. Sie wich zurück.

 

„Ich wollte dir doch nichts tun“, rief sie entsetzt.

 

Was lernte ich daraus? Menschen zeigen ihre Zähne, wenn sie freundlich sind, Tiere nicht.

 

Ich hatte mal gesehen, wie es Katzen machen, wenn sie was von Menschen wollen. Ich ging zu ihr und rieb meinen Kopf an ihrem Bein. Sie lachte verwundert, begriff und nahm mich zu sich nach Hause.

 

„Jetzt habe ich gar nichts, was du mögen könntest“, rief sie bedauernd. „Ah, doch, ich habe noch was. Wollte ich eigentlich selber essen, aber...“

 

Sie ging zum Kühlschrank und holte Fleisch heraus. Es war ein Kalbsschnitzel. Sie machte es in der Mikrowelle warm und legte es auf eine Untertasse. Sich selber fertigte sie eine 5-Minuten-Terrine.

 

Die Rück-SMS kam. 

 

„Wir bedauern. Orientieren Sie sich allein, Agent H²O K-o-p-f. Erwarten morgen Ihren ersten Zwischenbericht.“

 

„Was mach’ ich bloß?“ überlegte ich laut.

 

Ich hörte meine Dackelstimme mit Menschensprache das erste Mal selber laut. Sie klang sehr tief und voluminös und gar nicht verbellt.

 

Es klirrte. Die Frau hatte vor Schreck den Löffel fallen lassen. Der geschmacksverstärkte Inhalt des Plastikgefäßes ergoss sich über meine krummen Füße. Mir wurde allein von dem Geruch übel.

 

„Du sprichst ja“, rief sie erschrocken.

 

„Ja, aber bitte küss’ mich nicht. Ich bin kein mystisch transformierter Aristokrat.“*

 

 

*(verzauberter Märchenprinz)

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© Jürgen Berndt-Lüders

Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos