31.Januar..4.23 Uhr morgens! Das Telefon schellt. Ach je, das kann ja nichts Gutes bedeuten…ist wer krank? „Hallo Herzchen, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Du bist ja jetzt schon so alt, dass Du bestimmt unter der senilen Bettflucht leidest und längst den Kaffe aufgesetzt hast, gelle??“ Ich sehe das Grinsen meiner lieben Freundin Anne deutlich vor Augen. So munter, wie sie gern wirken möchte, ist sie aber selber nicht. Außerdem ist sie eine Langschläferin und deshalb kurz angebunden. Ich hole sie per Telefon um 5 Uhr aus dem Tiefschlaf, nur um ihr zu sagen, dass der Kaffee heute besonders lecker ist. Rache ist süß!

Der frühe Anruf war eigentlich ein Segen, denn um 8.30 habe ich alle Vorbereitungen samt Einkauf erledigt. Eigentlich könnte ich jetzt ein wenig an den PC gehen, aber meine Tastatur streikt. Sie ist absolut tot…ich sehe mir das Teil genauer an..hier ist ein Fach..Batterien sind drin…also Batterien wechseln….keine da..ach, Akkus! Die sind leer, rein ins Ladegerät….warten… voll, rein…geht immer noch nicht. Mist! Das Ding ist im Teich. Ausgerechnet dann ist mein Herzchen auf einem Lehrgang und kommt erst heute zurück

Um 10 Uhr kommt Peter, der PC`s nur vom Sehen kennt, aber da er 1965 mal erfolgreich ein Bügeleisen repariert hat, kann das hier so schwer nicht sein. Er ordert einen Pott Milchkaffee und schaut sich die Tastatur an. „Hab` den Fehler,“ ruft er keine Minute später. Ich staune. Er hält einen Brötchenkrümel, der aus den Tasten fiel, in der Hand und meint ernsthaft. „Das war der Maschinist, er ist tot!“ Bevor Peter mir die Buchstaben vertauschen kann, nehme ich ihm das Ding weg und beschäftige seine Hände mit einer Müslitasse voll Kaffee. Nachdem er den getrunken hat, fällt ihm auch der Grund seines frühen Besuchs wieder ein. Er schleppt einen großen Sack in die Küche und meint, den hätte er gerade erst von der Post abgeholt. Auf dem Sack steht ganz groß „Rügener Kreide“ und etwas kleiner darunter „Gegen alte, welke Haut und Krähenfüße“. Ich bin etwas verblüfft und Peter rät mir zur täglichen Anwendung, wobei das trockene Präparat immer frisch mit Milch angerührt werden soll. Ich schaffe es, mich artig zu bedanken, was mich insgeheim mit Stolz erfüllt. Peter verabschiedet sich bis zum Abend und ich überlege, wo die nächste Apotheke ist, um ihm ein wenig Rizinusöl für seine Lachsportion zu besorgen.
Ich stehe gerade vor dem Spiegel, da klingelt es. Meine Tochter bringt mir zwei weiche Milchbrötchen und eine Flasche Doppelherz. Mit treuherzigem Blick erklärt sie, dass man in meinem Alter…dankbar kneife ich ihr in die Wange. Janine muss wieder los, denn ihre Männer warten auf die Brötchen…die bekommen ja noch normale, nicht die weichen Dinger.

Mitten in die Überlegung, wann ich eigentlich den letzten Check up bei meinem Internisten hatte, dröhnt ein Geräusch wie Donnerhall durch Mark und Bein. Die Vibrationen durch die Schallwellen ebben gerade noch ab, da wird die Türe aufgeschlossen und Freunde vom Verein schleppen etwas herein, legen es nach Anweisung meines Gatten in der Diele ab. Tag mein Schatz, Bussi!
Der Vorsitzende erklärt “Wir dachten, das Alter und die damit verbundene Schwerhörigkeit sind Grund genug für eine lautere Türklingel!“ Hat der sie noch alle?? Wäre der Papagei noch da, den wir bis gestern in Pflege hatten, der hätte vor Schreck alle Federn verloren und würde jetzt nackt wie ein Grillhähnchen auf seiner Stange hocken! Das Brummen in meinen Ohren übertönt meinen Tinnitus…schön, endlich mal ein anderer Ton! Mein lieber Mann verspricht, noch heute die neue Klingel zu montieren. Meine Vorfreude ist mir garantiert deutlich anzusehen…der Verein verdrückt sich ohne Sektfrühstück!

Mein Mann zieht etwas aus seiner Aktentasche und überreicht mir ein flaches Paket. „Orthopädische Stützstrumpfhose“ steht darauf…ich hole ganz tief Luft aber mein Herzilein ist schneller. „Weil Du doch neulich gesagt hast, Deine Beine tun Dir weh!“
Ich...also ICH!!! bin sprachlos! Das gab es in diesem Jahrtausend noch gar nicht! Meine Gedanken spazieren zu dem besagten Tag meiner Beinbeschwerden. Fünf Stunden Tarnzelt, 800 Meter Höhenunterschied, 35 kg Gepäck…na ja, Luis Trenker hat das glatt gar nix ausgemacht…als er dreißig war! Mein Schatz strahlt mich an...ein wenig zu sehr und so erkenne ich die Neckerei bei der Sache. Das kann ich auch. Mit Jammerstimme erkläre ich, dass die Schmerzen jetzt immer öfter kämen, ich aber schon mit Sabine beschlossen hätte, in eine dieser tollen Wellness-Kliniken zu fahren, um das mal behandeln zu lassen…10 Tage für nur 3700 Euro!! Sein Unterkiefer hängt nun im Leerlauf herab.

Es klingelt…war kommt nun? Gebissreiniger und Haftcreme?? Ich nehme mir fest vor, dem Schenkenden herzhaft in den Arm zu beißen. Tiefer traue ich mich nicht, mir könnte ja in meinem hohen Alter der Kopf von allein abfallen! Meine Nachbarin steht vor der Tür…mit einer wunderschönen Orchidee. Endlich mal ein tolles Geschenk! Auch sie will um 16 Uhr zum Kaffee kommen, hat jetzt noch was zu tun. Gerade als sie die Tür hinter sich schließen will, biegt mein Spezi Susi um die Ecke. Mit einem Einkaufstrolli, also diese Einkaufstasche mit Rädern. Ich beschließe, gleich morgen zu dem hier im Dorf ansässigen Bestatter zu gehen, um mein nahendes Ende nach eigenen Wünschen zu gestalten. Vielleicht hätte ich die ersten Folgen des Fortsetzungsromans in der Herz der Frau gar nicht erst anfangen sollen? Was ist, wenn ich nun nie erfahre, ob sie sich bekommen oder nicht?

Punkt 16 Uhr waren alle da. Ich wurde genötigt, alle Geschenke genauer zu betrachten. Im Trolli waren Übertöpfe speziell für Orchideen, die Flasche Doppelherz entpuppte sich als Dünger für diese Pflanzen, in der Packung mit der Stützstrumpfhose war ein Buch - Orchideen für Anfänger, die Rügener Kreide war auch nur Orchideenerde. Dann haben alle „Happy Birthday“ gesungen. Nicht schön aber wenigstens nicht lauter als die Türklingel, die auch nur dazu dienen soll, Vögel zu vergraulen, bevor die wieder abgeschossen werden.

Wir haben gefuttert und gebechert bis um 4 Uhr früh, auch die Tastatur geht wieder, das Ladegerät für die Akkus war kaputt…da muss man(n) erst mal drauf kommen!
Besonders toll finde ich, dass das Jahr erst anfängt…die haben alle NACH mir Geburtstag…ich lass mir was einfallen….grrrr!!

PS. Danke dem PNlern für die lieben Grüße, Karten und die tollen Blumen zu meinem Geburtstag!!