Hannife saß in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa und beobachtete ihren Sohn, der versuchte sich mit seinem Gehwagen fortzubewegen. Sie strich mit der Hand über ihren Bauch, merkte, wie das Kind sich bewegte und hoffte, dass dieses Kind gesund zur Welt kommen wird. Dabei zog ihr Leben in ihren Gedanken an ihr vorbei. Ihre Zerrissenheit, ihr da will ich nicht hin gehören und dort gehöre ich nicht hin. Ob ihr jemals etwas gelingen würde. Ob Joachim sie heiraten würde, jetzt nachdem sie schwanger war. Oder würde sie wiederum als alleinerziehende Mutter sehen müssen, wie sie zurecht kam.

 

Hannife, geboren 1979, als Tochter türkischer Eltern in Deutschland. Sie wohnten in einem kleinen Dorf. Der Vater war schon 25 Jahre in Deutschland, im selben Betrieb, die Mutter arbeitete bei den Bauern, so wie Arbeit anfiel, auch der Vater arbeite in seiner Freizeit mit auf den Feldern. Sie war die drittletzte von 8 Kindern. Ein Bruder und eine Schwester waren verheiratet und lebten in der Türkei in dem dort von den Eltern gekauften Haus am Schwarzen Meer. Sie lebte mit den 3 älteren und dem jüngeren Bruder und der jüngeren Schwester zusammen. Die Eltern hatte in diesem Dorf vor kurzem ein altes Haus gekauft.

 

So fleißig die Eltern waren und so sparsam, die älteren Brüder waren genau das Gegenteil. Der älteste war arbeitslos, hatte auch keine Lust mit der Mutter bei den Bauern zu arbeiten, lag lieber bis Mittags im Bett und traf sich dann mit seinen Kumpel in der nächsten Stadt in den türkischen Lokalen. Ein anderer Bruder wurde im Dorf verächtlich der 6.Klaessler genannt, da er mit 14 Jahren in der 6. Klasse war. Und auch mit den anderen sah es nicht viel besser aus. Der kleinere Bruder war jetzt im 2. Schuljahr und es zeichnete sich ab, dass er in die Fußstapfen der älteren Brüder treten würde, die kleinste Schwester ging noch in den Kindergarten. Die Eltern kümmerte es nicht. Sie selbst sprachen nach über 20 Jahren immer noch kein Deutsch, bzw. nur gebrochen.

 

Hannife war anders, sie wollte mehr, sie wäre so gerne Deutsche gewesen. In der Nachbarschaft wohnte ein älteres Ehepaar, beide schon in Rente. In den Ferien kam immer die Enkelin zu Besuch. Sie beneidete dieses Mädchen, dass etwas jünger war wie sie selbst. Immer war sie hübsch gekleidet, sie hatte ein eigenes Fahrrad und fuhr mit der Großmutter im Sommer mit den Rädern zum nahe gelegenen Baggersee. Hannife strich um das Haus herum, schaute in den Hof, schaute, ob sie dieses Mädchen vielleicht sah. Das fiel der Großvater des Mädchens auf. Als sie wieder vor dem Tor stand, sehnsüchtig schaute, sprach er sie an, willst du vielleicht hereinkommen und mir unserer Felicitas spielen?

 

Hannife  konnte nicht antworten, erfüllte sich doch grade ihr sehnlichster Wunsch, so nickte sie nur. Sie wurde gefragt, wie sie denn heiße, wie alt sie sei. Freundlich gab sie Antwort. Abends blieb sie zum Essen. Sie fragte nicht einmal was es gab, sie aß alles, ihr war egal ob sie vielleicht Schweinefleisch aß. Die Großmutter fragte sie, ob sie denn am anderen Tag mit schwimmen gehen wolle. Gerne, sie habe aber keinen Badeanzug. Den koenne sie von ihrer Enkelin haben, sie waeren ja ungefähr gleich groß.

 

So entwickelte sich einen Freundschaft. Hannife war jeden Tag da. Auch als die Ferien vorbei waren, Felicitas längst wieder bei ihren Eltern war, ging sie jeden Tag nach der Schule hin. Der Großvater machte mit ihr Schulaufgaben und lernte mit ihr. Selbst morgens, vor der Schule, ging sie hin, sie konnte dort duschen, zu Hause durfte sie das nicht, die Mutter war der Meinung, Wasser koste zu viel Geld. Auch ihr Schulbrot bekam sie dort. Langset nannte sie die beiden Oma und Opa B..

 

Als sie eines Tages zu Hause erzählte, dass sie gerne dort wohnen würde und die beiden ihr ja auch bei der Schularbeit halfen und sie jetzt schon viel besser in der Schule sei, ging die Mutter zum ersten Mal mit ihr zu diesem Ehepaar. Bis dahin hatte sie ihre Tochter einfach gewähren lassen, nie gefragt, was sie da tue.

 

Die Mutter gab die Einwilligung, dass Hannife in der Woche dort sein konnte, sie solle nur am Wochenende nach Hause kommen. So hatte sich Hannife deutsche Großeltern adoptiert. Für sie war die Lebensweise der beiden faszinierend, das kannte sie von zu Hause nicht. Alles war so sauber und gepflegt, zu Hause ging es manchmal drunter und drüber und für Ordnung sorgte keiner so recht. Endlich wurde sie auch von den deutschen Kindern in der Schule akzeptiert, wurde eingeladen, durfte einladen. All das war so neu für sie und gefiel ihr außerordentlich gut. Sie schaffte es, ab dem 6 Schuljahr auf die Realschule zu gehen.

 

Wenn sie am Wochenende mit den Eltern türkische Freunde besuchte oder auf türkische Fest ging, dann sahen diese Freunde der Eltern sie manchmal merkwürdig an und sprachen mit den Eltern. Da konnte es schon mal passieren, dass Eltern mit Brüdern bei ihren adoptieren Großeltern auftauchten um nach dem Rechten zu sehen. Trotzdem ließ man sie weiter gewähren. Sie durfte auch im Winter mit zum Skifahren und für sie stand fest, so will sie auch einmal leben.

 

Einen Sommer fuhren die Eltern zum Urlaub in die Türkei. Sie musste mit, wollte eigentlich nicht. Da machten die Großeltern ihren Eltern den Vorschlag, sie würden auch gerne einmal Urlaub in der Türkei machen, Hannife könne ja mit ihnen fahren, ihre Enkelin wäre auch dabei.

 

Hannifes Eltern gaben ihre Einwilligung. Sie reisten anders, als Hannife diese Reise kannte. Sonst führen sie tagelang mit dem Auto, Hannife hatte diese Reisen in die Heimat, die nicht mehr ihre Heimat war, nie gerne gemacht.

 

Die Großeltern hatten diese Reise jedoch ganz anderes geplant und so wurde sie für die beiden Mädchen ein Erlebnis. Sie fuhren mit dem Auto bis Brindisi, dort ging es auf die Fähre. Kabinen waren gebucht, sie fuhren über Griechenland und von dort zum nächsten türkischen Hafen. Sie waren beim Kapitaensdinner dabei, durfte neben dem Kapitän sitzen. Beide Mädchen hatten extra dafür neue Kleider bekommen und Hannife fühlte sich wie eine Prinzessin.

 

Vom Endziel der Fähre fuhren sie dann zu den Eltern am schwarzen Meer. Es waren für sie wunderschöne 4 Wochen, das erste Mal, dass es ihr in ihrer Heimat gefiel.

 

So verging die Zeit. Hannife machte ihre mittlere Reife und suchte einen Ausbildungsplatz, sie wollte gerne Arzthelferin werden. Nach verschiedenen Bewerbungen, schien es so, dass der Arzt im benachbarten Ort sie als Auszubildende nehmen würde. Die Eltern mussten noch die Einwilligung geben. Diese waren jedoch damit beschäftigt Vorbereitungen für den Heimaturlaub zu treffen und Hannife musste mit.

 

Im Oktober würde sie 17 werden und sie hatte sich fest vorgenommen, sobald sie volljährig war, zu Hause auszuziehen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen und niemals einen türkischen Mann zu heiraten. Doch in diesem Urlaub kam alles anders. Die Eltern hatten längst alles geregelt ohne ihr etwas zu sagen. In der Türkei angekommen erfuhr sie, dass sie 3 Wochen später heiraten würde. Das Brautgeld sei hoch, schließlich habe sie Schulbildung. Keine Einwände, nichts half. Sie wurde die 3 Wochen von den Brüdern und Verwandten bewacht, konnte nicht einmal mit Deutschland telefonieren. Am Tag der Hochzeit lernte sie ihren Mann kennen und verabscheute ihn vom ersten Augenblick an.

 

Doch machte sie schon ihre Pläne, so einfach sollten sie es mit ihr nicht haben, dass schwor sie. Sie ließ alles über sich ergehen, Hochzeit, Hochzeitsnacht. Schmuck und Geld, dass sie, wie bei türkischen Hochzeiten üblich, ans Kleid geheftet bekam, versteckte sie. Gab es nicht raus, als die Eltern es von ihr verlangten. Es gab einen Riesenstreit. Doch sie war durch die Heirat volljährig, die Eltern hatten kein Sagen mehr über sie. Sie reisten nach Hause, der Mann blieb dort. Hannife sollte die Familienzusammenführung beantragen.

 

Zu Hause angekommen, verschwand sie bei Nacht und Nebel aus dem elterlichen Haus, sie war auch nicht zu den Großeltern gegangen. Sie verwischte alle Spuren und ging nach Frankfurt. Dort ging sie zu den entsprechenden Ämtern, bekam eine Unterkunft und dann eine kleine Wohnung und reichte die Scheidung ein. Dieser Mann würde nie auf ihre Kosten nach Deutschland kommen. Den Handel hatten sie mit der Falschen gemacht.

 

Sie begann eine Ausbildung in einer Bäckerei, lernte einen Mann kennen und lieben. Nach Hause hatte sie keinerlei Kontakt. Sie wurde schwanger, bekam einen Sohn, brach die Ausbildung ab. Als das Kind ein Jahr war, verließ sie der Mann.

 

Bei ihrem Kind wurde spianale Muskelatrophien vom Typ Wedding-Hoffmann festgestellt. Eine Krankheit, die von beiden „gesunden“ Elternteilen weitergegeben wird. Ihr Sohn würde als nie richtig sitzen oder laufen können und hatte keine hohe Lebenserwartung. Wahrscheinlich würde er das 10. Lebensjahr nicht erreichen.

 

Sie rief ihre „Großeltern an“, die sich wahnsinnig freuten, von ihr zu hören. Dass sie direkt nach der Hochzeit in Deutschland die Scheidung eingereicht hatte, hatten sie gehört. Dass sie jetzt keine Ausbildung hatte, bedauerten sie sehr und das mit der gescheiterten Beziehung und dem kranken Kind noch mehr. Sie boten ihr an, in ihrem Haus sein grade unten die Wohnung frei geworden, sie könne dort mit dem Kind einziehen und dann schaue man weiter.

 

Hannife packte also ihre Siebensachen und Kind und fuhr nach Hause. Die Großmutter war entsetzt, wie dünn sie geworden war. Sie trug nur noch Kleidergroesse 34, war nur Haut und Knochen. Sie leiteten alles für sie ein, Unterstürzung für sie, Behandlung für das Kind, alles was gebraucht wurde. So vergingen 3 Jahre. Ihr Sohn war im Kindergarten, hatte spezielle Geräte um sich fortzubewegen, sie hoffte immer auf Heilung, wusste jedoch, dass diese Hoffnung vergeblich sei. Ihre Mutter hatte sie gesehen, hatte ihr gesagt, sie dürfe niemals nach Hause kommen, sie habe keine Tochter mehr und dass ihr Kind krank sei, das sei die Strafe Allahs für ihr Verhalten.

 

Die Großeltern hatten über Bekannte einen Ausbildungsplatz für sie besorgt. Sie machte jetzt eine Ausbildung als Versicherungskauffrau. Auch Felicitas war zwischenzeitlich einem bei den Großeltern gewesen. Diese lebte mit einem Freund zusammen und beide studierten. Hannife dachte bei sich, wäre ich das Kind deutscher Eltern und so gefördert worden wie du, ich hätte auch studieren können. Sie merkte jedoch, sie und Felicitas lebten in anderen Welten, hatten sich nichts mehr zu sagen, obwohl sie doch zeitweise wie Geschwister zusammen gelebt hatten.

 

Die Großeltern waren oft unterwegs, verbrachten meistens den Winter in Spanien, sie achtete in der Zeit auf das Haus, rief an. Die Großeltern hatten sie den Führerschein machen und weil Oma B. Nicht mehr Autofahren wollte, sie fühlte sich zunehmend unsicher, durfte sie das Auto für ihre Zwecke nutzen. Sie hatte Joachim kennen gelernt, sie planten eine gemeinsame Zukunft. Als Joachim eine Arbeitsstelle 200 km vom Wohnort entfernt bekam, brach sie wieder einmal alles ab und ging, sehr zur Enttäuschung der Großeltern mit ihm.

 

Und jetzt war sie wieder schwanger von dem Mann, den sie liebte, von dem sie hoffte, er würde sie heiraten. Dann könnte sie endlich ihre ganze türkische Herkunft hinter sich lassen, wie sie das schon immer wollte.

 

Text: N.F. (August 2010)