Als Praktikantin für die amerikanische Frauenzeitschrift Women’s Liberation  bekam ich den Auftrag, ein typisches Abbild der Deutschen Karrierefrau zu zeichnen. Getreu der Meinung, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau lauert und dass ihr Erfolg darin besteht, dem Mann berufliche Erfolge zu ermöglichen, setzte man mich auf Fußballer- Frauen an.

 

Irgendwie musste ich ja nun an die Adressen von Frauen der bundesdeutschen Bundesligaspieler kommen. Am besten würde das über die Spieler selber gehen. So hockte ich mich an den Spielfeldrand und wartete. In der 82. Minute hatte W. D., der Linksaußen der Heimmannschaft einen Muskelriss, und während er behandelt wurde, fragte ich ihn nach der Adresse seines weiblichen Anhangs aus.

 

„Au“, schrie er vor Schmerzen und krümmte sich. „Auuu, müssen Sie ausgerechnet jetzt...“

 

„Ja bitte, wenn’s irgendwie geht....“

 

„Wenden Sie sich an Carola Maier, bayrische Schreibweise, die wohnt direkt gegenüber dem Stadion-Eingang“, quetschte er jammernd zwischen den Zähnen heraus, und ich machte mich gleich an die Arbeit.

 

„Frau Maier?“, fragte ich und stellte mich vor. „Ute von der Frauenzeitschrift Woman’s Liberation. Sind Sie Geliebte, Ehefrau oder Freundin eines Bundesligaspielers, und darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“

 

„Oh, ich könnte ein Buch über die Bande schreiben“, antwortete Carola vieldeutig. „Fragen Sie ruhig.“

 

Ich schaltete mein Bandgerät ein und setzte mich an den mit rosa Kunstblumen dekorierten Tisch.

 

„Wann und womit begann Ihre Karriere als Frau eines erfolgreichen Spielers?“

 

„Mit sechzehn fing es mit einem Regionalligaspieler an. Es war die reinste Schwärmerei, und er wusste überhaupt nicht, dass es mich gab. Erst als ich älter wurde und sein Verein in die Zweite Bundesliga aufstieg, machte ich mich unmissverständlich bemerkbar.  Nach seinem ersten Gehaltsscheck wurde ich seine Geliebte.“

 

„Sie sind also nicht mit W. D. verheiratet?“

 

„Um Himmels Willen, verheiratet war ich nie, aber warten Sie mal...“

 

Carola dimmte den rosa Deckenstrahler ein wenig höher und griff ihr Notizbüchlein. Sie leckte kurz über Zeigefinger und Daumen der rechten Hand und begann zu blättern. „Ja richtig“, sagte sie. „W... D..., hier steht er“.

 

Sie blätterte weiter. „Hier steht er wieder, und hier noch einmal, und hier schon wieder.  Ziemlich potent, der Mann.“

 

Ich schreckte hoch. „Ah, ich verstehe. Sie sind also weder Ehefrau noch Geliebte noch Freundin eines Bundesligaspielers, sondern...“

 

Ihr Gesicht verfinsterte sich. „Zeigen Sie mal Ihren Personalausweis“, forderte sie und schnippste mit den Fingern. „Ich bin absolut diskret, wissen sie, und ich habe keine Lust, Opfer einer hysterisch-eifersüchtigen Rache-Furie von Ehefrau zu werden.“

 

Sie verglich die Daten meines Personalausweises mit denen im Internet, wo man die Freundinnen, Ehefrauen und Geliebten von Bundesligaspielern aufgelistet hatte. „Gut“, fand sie und gab mir den Ausweis zurück. „Sie scheinen wirklich eine Journalistin zu sein.“

 

Ich überlegte, ob Carola für mich interessant genug war, um sie weiterhin zu interwieven. Aber wer hatte denn von mir verlangt, Frauen zu befragen, die sich immer nur um einen Bundesligaspieler kümmerten? Wenn Carola doch eine war, die sich um viele bemühte? Durch Carola konnte ich doch mehrerere Fliegen mit einer Klappe erschlagen.

 

„Bei Frauen erfolgreicher Männer weiß man nie so genau, was sie an den Typen fasziniert“, begann Carola zu philosophieren. „Ist es deren Geld, deren Erfolg, sind es seine Triumphe, ist seine Popularität? Oder ist es der Mann hinter allem?“

 

„Was fasziniert Sie denn an den Fußballern persönlich?“ fragte ich nach kurzem Überlegen.

 

„Alles zusammen“, rief sie. „Ihr Erfolg, ihr Geld, der Mann hinter allem... Genau wie bei den Ehefrauen und Geliebten.“

 

„Sie meinen, dass Sie hinterher immer noch Mülleimer für die Sorgen und Nöte dieser Männer spielen?“

 

„Das auch“, fand Carola. „Aber ich habe generell Interesse an ihrer Karriere, denn je mehr sie verdienen, desto mehr kann ich kassieren. Deshalb helfe ich wo ich kann. Ich beeinflusse die Trainer, die Vereinsvorstände und die Spieler selber. Hinterher, versteht sich.“

 

„Und das können Sie besser als jede Ehefrau“, fand ich begeistert heraus. „Ehefrauen sind subjektiv. Die reden nur für ihren Mann, und das weiß jeder Trainer, aber Sie sind für alle da, ohne parteiisch zu sein.“

 

„Genau“, rief Carola und ihr rosa lackierter Fingernagel schoss vor. „Das war mir bisher so deutlich noch gar nicht klar. Ich bin ja richtig selbstlos. Das wusste ich ja gar nicht.“

 

„Selbstlos sind Sie erst, wenn Sie mal ein paar kostenlose Benefiz-Veranstaltungen für begabte Nachwuchs-Fußballer einlegen“, schlug ich vor.  „Testen Sie die jungen Männer auf Herz, Nieren und sonstwas, und sprechen Sie dann Empfehlungen aus.“

 

„Klar“, rief Carola und spang auf. „Ich könnte auch Expertisen für interessierte Frauen ausstellen, die einen erfolgreichen Fußballer heiraten möchten. Die ihre Energie in einen Fußballer investieren wollen, weil nun mal hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau steht.“

 

„Ja“, schrie ich, begeistert von unserer gemeinsam entwickelten Idee. „Und den Männern empfehlen wir darüber hinaus noch die geeigneten Frauen. So ergänzt sich alles Zug um Zug.“

 

„Hmmm“, überlegte Carola, „und wer testet die Frauen? Also, ich kann mit Frauen nicht so recht was anfangen, jedenfalls nicht, was den eigentlichen Kernbereich betrifft.“

 

„Ich auch nicht“, bedauerte ich. „Was machen wir nun?“