Das durchdringende Klingeln meines Weckers dringt an meine Ohren und mit geschlossen Augen finde ich den Knopf zum Abstellen, stehe auf, ziehe das Rollo hoch und öffne das Fenster weit.
Wieder ins Bett einmummeln und noch ein wenig dösen. Während ich unter der warmen Decke liege und darauf warte, dass die kalte Luft meine Nasenspitze erreicht, sortieren sich meine Gedanken und ich taste neben mich, zur leeren Bettseite. Du bist nicht da. Na klar, wie schon so lange nicht mehr, aber immerhin, es hätte ja sein können!!
Heute ist HOCHZEITSTAG, meiner erster so, wie er heute ist aber dennoch unser 4.! Wie habe ich es geliebt wenn Du heimlich etwas eher aufgestanden bist und mit Deinen nackeligen Füßen(Deine leise knackenden Fußgelenke haben Dich immer verraten) leise los geschlichen bist, hast `nen Kaffee und ein Röslein auf meinen Nachttisch gestellt und mich mit den Worten: " Guten mooorgen Maus und alles Gute zu Dingens und so!" geweckt. Eigentlich war ich immer schon wach und doch wollte ich Dir dieses Ritual niemals verderben. Es war so ehrlich und warm, ja, ich habe es,habe Dich, genossen.
Die kalte Luft kitzelt an meiner Nasenspitze, jetzt noch 5 Minuten und dann muß ich aber raus aus der Molle, duschen und dies und das und meine Gedanken ziehen ihre Kreise. NEIN, heut will ich diese Gedanken nicht denken, will heute nicht weinen, will diesen Tag ohne Tränen beenden, was allerdings schon beim Schminken nicht mehr gelingt.
Wir hatten uns so viel vorgenommen, uns so viel für uns ausgedacht so viel geträumt und viel zu viel für uns geplant. Heute werde ich zu Dir fahren, werde 1 Rose(oder doch 4? ungerade Zahl!) aus dem Garten mitnehmen und mich auf "unsere Bank" setzen um dort auf Dich zu warten. NEIN, ich bin Dir nicht böse, nicht mehr so doll, meistens jedenfalls nicht: Nur manchmal, ja manchmal schon!
Nachdem ich die Haustür abgeschlossen habe(ja, ich habe das Haus behalten) setze ich mich ins Auto(jo, auch das ist nun meins) und fahre los. Ich parke auf dem unteren Parkplatz und gehe den Rest des Weges zu Fuß. Nur noch die kleine Kehre da vorne. Und dort steht sie, UNSERE kleine Bank mit der imposanten Buche dahinter. Zaghaft setze ich mich auf diese Bank und schließe die Augen. Der seichte Wind spielt mit den Blättern der Buche, verfängt sich in meinem Haar und wenn ich ganz genau hinhöre, trägt er die Worte:" Ich liebe Dich und es tut mir so leid!" an mein Ohr. Meine Hände zupfen Blütenblatt für Blütenblatt von den Rosen und legen sie in meinen Schoß.
Meine Gedanken führen mich in "unsere" gemeinsame Zeit und zaubern mir hier und da ein Lächeln auf meine Lippen. Und doch: was ist bloß aus dem WIR geworden und was wird mit dem MIR werden? Wir wollten so sehr aufpassen auf unsere Liebe, wollten unsere so wertvolle Zeit nicht mit Streit füllen, nein, dafür war sie zu kostbar und zu intensiv. Die schlechten Eigenschaften haben wir mit unseren Ex- Partnern abgelegt. Du warst mein großer Held und doch ein kleiner Junge, Du hast mich gelehrt "Frau" und Mädchen zu sein, hast mir beigebracht, was sich nicht gut anfühlt auch nicht annehmen zu müssen. Ja, wir haben unsere Zeit, haben UNS genossen. Tag für Tag!!! Bis zu unserem letzten gemeinsamen Urlaub,.....
Ein quengelndes Kind an der Hand seiner genervten Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. Wie lange sitze ich hier eigentlich schon? Egal, ich habe es mir abgewöhnt, eine Uhr dabei zu haben denn was ist schon Zeit???
Ich sammle alle Rosenblätter zusammen, erhebe mich von der Bank und gehe auf diese imposante Buche zu, verstreue die Blätter auf das mit Waldboden bedeckte Wurzelwerk an der Stelle, wo ich Deine Urne habe beisetzen lassen. " Alles Gute zum Hochzeitstag mein Schatz! Und weißt Du, im Wehen des Windes spühre ich Deinen Atem und höre Deine Worte: Ich liebe Dich und es tut mir so leid!"
