Ein Ereignis aus früheren Zeiten, wenn auch nur über Dritte mitbekommen, ermuntert mich eher zum Schreiben.

 

Gerd war seit einer Woche von der Gruppenreise nach Malle zurück und hatte sich in seiner Stammkneipe noch gar nicht sehen lassen. Seine Kumpel vermissten ihn schon und riefen ihn an. Am nächsten Tag erschien er zum Billardspiel. Sonderlich erholt sah er nach zehn Tagen Strandurlaub nicht aus. Das konnte doch nicht daran liegen, dass besonders die Mütter der halbwüchsigen Fußballer den Co-Trainer Gerd, einen soliden, bodenständigen Mann, gebeten hatten, sich der Reisegruppe anzuschließen und ein wachsames Auge auf die Truppe zu haben?

 

Gerds Miene war der Vorläufer des Merkelschen Gesichtsausdrucks. Über Land und Leute wollte er absolut nichts erzählen. Die Nichtreisenden stellten schon die tollsten Vermuteten auf.

 

 Montezumas Rache über 10 Tage? Heimweh? Waren die Jungen frech? Hatte Gerd eine Sonnenallergie? War sein Koffer vielleicht in Honolulu gelandet und er ohne Badehose und Zahnbürste? Hatte man ihn gleich am ersten Abend ausgeraubt? War er beim Karaoke ausgelacht worden?

 

Aus Gerd bekam niemand ein Wort heraus. Die Burschen, auf die er achten sollte, waren da zu später Stunde gesprächiger.

 

Gerd hatte, wie von den Müttern erwünscht und den Jungen befürchtet, die ersten Tage peinlich genau darauf geachtet, dass vernünftig gefrühstückt wurde, jeder eingecremt war, keiner mehr als zwei Bier trank und niemand mit den Betrunkenen in Streit geriet.

 

Nach einer Woche hatten die Burschen Mutter Theresa satt. So ein Spießerleben! Wusste Gerd eigentlich, was Spaß war? Sie überredeten ihn, am Abend in eine der angesagten Bars zu gehen, wo man Sangria aus Eimern mit langen Trinkhalmen schlürfte. 9 Männer und nur ein Eimer von dem Zeug? Da passten ja gar nicht alle um den kleinen Tisch herum, um an den Eimer zu kommen….nein, zwei mussten es schon sein.

 

Am Nebentisch hockte eine Gruppe von acht Frauen, die schon den dritten Eimer bestellten und nicht wirklich betrunken waren.

 

„Da ist mehr Limo drin als Sangria! Die wollen hier doch verdienen! Wenn wir sofort knülle am Strand pennen, nehmen die doch keinen Heller ein,“ wusste eine der Frauen ganz genau.

 

Gerd wollte eigentlich nur schnell seine Jungen von den halbnackten Frauen am Nebentisch weg haben und beeilte sich mit dem Trinken. Die Frauen waren in einem Alter, wo man sich hätte fragen müssen, ob es nicht doch die Mütter seiner Jungen waren. Das hielt aber weder Frauen noch Jungen ab, auf Teufel komm raus zu flirten.

 

Selbst die Limo schien der grundsolide Gerd nicht gut zu vertragen, denn er hatte den Wechsel gar nicht richtig mitbekommen. Plötzlich war sein Strohhalm in einem neuen Eimer, drei der Jungen hatten ihre Halme im Eimer des Nebentisches und zwei Damen schlürften gegen ihn und drei Jungen um die Wette.

 

„Herr Ober! Bringen sie doch noch son Bottich Belustigungswasser,“ hickste die Dame neben ihm und klopfte mit der flachen Hand auf ihre Faust. Die Jungen amüsierten sich über Gerds fragendes Gesicht.

 

Zwischen dem kollektiven Schlürfen aus den Halmen drang Gekicher vom Nebentisch. Da steckte doch eine dieser Ersatzmuttis ihre Zunge ganz tief in Hans-Dieter! Also……NÖ! Das ging zu weit!

 

Hans-Dieter sah das anders, er winkte ab, ohne seine andere Hand aus dem Ausschnitt besagter Dame zu nehmen. Gerade brachte der Kellner zwei neue Eimer….

 

„Hierher! Ein Kusselkoppfusel ist unser,“ strahlte die dralle Blonde und hängte sich an Gerds Hals

 

„Schätzken, den zahlst du aber jetzt mal, du säufst ja wie ein Esel, der den ganzen Tag durch die Wüste lief. Bist wohl n ganz Schlimmer, was,“ gluckste sie und verschmierte ihm mit ihrem knallroten Lippenstift den Hemdkragen.

 

Gerd schaffte es noch, sich zumindest in Gedanken über den horrenden Preis des ihm langsam schmackhaft erscheinenden Getränks zu wundern. Drei neue Frauen erschienen, eine setzte sich neben Gerd, sprach ihn an. Er verstand kein Wort. Das war ihm auch egal. Seine Jungen machten es ihm vor. Deren Hände erforschten Rundungen, drangen in Kleideröffnungen und ihre Zungen verhielten sich wie Schlangen bei der Paarung.

 

Der Kellner kam und sprach recht unfreundlich mit den drei neuen Frauen. Gerd konnte unfreundliche Menschen nicht ausstehen. Als der Kellner die Frau neben ihm auch am Arm wegziehen wollte, hielt er sie fest und schimpfte.

 

Der Kellner raunte ihm etwas zu…was Gerd natürlich nicht verstand. Die Ersatzmutti von Hans-Dieter versuchte zu übersetzen..

 

„Der Kell—llner sa-hacht, die ist äh..wie sssoll ich ssa-gen..nix für Ffff- Weicheiernz!“

 

Weichei! Pah! Gerd war ein Mann und was für einer! Er schlürfte eine Portion Sangria in sich, die einem ausgewachsenen Elefanten zur Ehre gereicht hätte. Dann tat er das, was die meisten seiner Jungen schon gemacht hatten…mit einer der Damen an den gegenüber liegenden Strand gehen.

 

Gerd erwachte und spürte erst einmal den fauligen Geschmack auf dieser viel zu dicken, pelzigen Zunge in seinem Mund. Dann kapierte er, dass er mit nacktem Hintern und offenem Hemd auf einer schmutzigen Matratze am Strand lag…allein, Gottlob.

 

Seine Kleidung fand er, bis auf den linken Schuh, in der näheren Umgebung wieder. Wenn beim Bücken danach nur nicht immer dieses Gefühl aufkäme, dass sein Hirn ihm aus der Stirn fallen möchte. Sein Magen fühlte sich auch nicht wohl und mitten im Anflug des Selbstmitleids blitzte dieser Gedanke durch sein Hirn…die Jungen! Aua….denken tat weh!

 

Mit nur einem Schuh hinkte er den Strand entlang…wie weit war er denn gestern noch gelaufen? Sein Hotel und die Bar waren weit am Horizont zu sehen. Unterwegs fand er einen Schuh…leider war es nicht seiner.

 

Er brauchte unbedingt etwas zu trinken..Kaffee oder besser noch Wasser. Duschen musste er  auch unbedingt, der Sand klebte und juckte überall. Im Hotel waren die Jungen gerade mit dem Frühstück fertig.

 

„Mensch Gerd! Wo warst du denn plötzlich? Wir haben uns Sorgen gemacht! Du kannst doch nicht einfach in einem fremden Land allein mit einer Unbekannten weg gehen ohne zu sagen wohin du gehst,“ tadelte Hans-Dieter.

 

„Frühstücke erst mal anständig, du siehst ja schlimm aus,“ mahnte Tommi.

 

„Wasser! Ich möchte nur kaltes Wasser! Zuerst gehe ich duschen, es juckt mich überall. Dann treffen wir uns drüben am Strand bei den Liegen, ok? Ach, falls ihr meinen Schuh seht…,“ bat Gerd und erntete breites  Grinsen.

 

Kaum war Gerd im Aufzug, brach Heiterkeit bei den Burschen aus.

 

„Mensch, der hat gar nichts mehr mitgekriegt! Seit die immer die Flasche Wodka mit in den Eimer gekippt haben, hatte die Brühe den richtigen Rumms! Hätte Gerd auch mal geknutscht statt geschlürft, dann ging es ihm jetzt besser,“ vermutete Jörg.

 

„Ich geh schnell hoch und hol das Sonnenöl. Meine Schultern sind noch von gestern knallrot,“ verkündete  Andy, der das Zimmer neben Gerd hatte. Gerade wollte Andy das Zimmer wieder verlassen, da hörte er nebenan einen Schrei. Gerd! Was war mit ihm?

 

Blitzschnell war Andy drüben an der Tür, klopfte und rief

 

„Gerd? Was ist los? Warum schreist du so?“ Das Jammern hinter der Tür wurde lauter und langsam öffnete sie sich einen Spalt breit. Gerd lugte hervor und wisperte

 

„Bist du allein? Es ist schrecklich…du musst mir helfen!“

 

Gerd winkte Andy ins Zimmer und verschloss schnell die Türe hinter ihm.

 

„Was ist denn los? Ich habe dich bis nebenan gehört,“ gab Andy zu.

 

 

„Hodenkrebse…ich hab Hodenkrebse…,“ wisperte Gerd weinerlich und zog sich das Handtuch von den Hüften. Entsetzt starrte Andy auf die angegebene Stelle. Nicht, dass die neu für ihn gewesen wäre, Fußballer duschen gemeinsam ohne jede Scham, doch Gerd sah so anders aus…enthaart und blutig.

„Was hast du gemacht? Wieso hast du Hodenkrebs?“

 

„Hodenkrebse!!! Ich hatte auch welche unter den Armen…die jucken scheußlich! Alle, die ich sehen konnte, habe ich mit der Pinzette rausgezogen, doch die Biester krallen sich in den Sackfalten fest! Ich habe mir den schon halb abgerissen, weil meine Rasierklingen inzwischen stumpf sind! Du musst mir helfen und die Biester wegmachen!“

 

„Wie soll ich das denn hinkriegen?“ Andy war das nicht geheuer.

 

„Hast du drüben scharfe Rasierklingen? Wenn da noch Haare sind, bekommst du die nicht raus,“ teilte Gerd seine bisherigen Erfahrungen mit und Andy lief rüber in sein Zimmer. Vom Balkon aus sah er die anderen Jungen am Strand, er machte ihnen mit Armen und Beinen klar, dass er sich noch etwas ins Bett legen wollte. Schnell nahm er den Rasierapparat von Kevin und kehrte zu Gerd zurück.

 

Das, worin Frauen seit Jahrhunderten Übung haben, nämlich das Rasieren unzugänglicher Stellen, bereitete den Herren Kopfzerbrechen. Erst als Gerd sich auf den Rücken legte und seine Knie bis zur Nase hoch zog, lag das fremdbesiedelte Gebiet frei. Die Haare waren schnell entfernt, doch gerade in dieser gemütlich warmen Gegend hatten sich die Filzläuse, im Volksmund auch gern Sackratten genannt, in der Haut festgekrallt. Warum gab es ausgerechnet da auch so viele Falten und Runzeln?

 

Inzwischen zupfte Andy mit der Pinzette Tier für Tier heraus und spülte dann das Vieh in einem Behälter mit heißem Wasser vom Werkzeug.

 

 

Hätte die Sonne nicht so heftig geknallt und hätte Gerd nicht bei jeder Berührung mit der Pinzette aufgejault, wäre Kevin, der selber das Sonnenöl holen wollte, nicht auf die Idee gekommen, auf den Balkon zu gehen, um von dort in Gerds Zimmer zu schauen. Voller Entsetzen über das, was er sah, ließ er die Sonnenölflasche zu Boden fallen und stöhnte völlig unpassend  sein Entsetzen heraus

„Leck mich am Arsch!“

 

Andy hockte eine Nasenlänge entfernt über Gerds nacktem Hintern und…..??? Allein schon diese Stellung…wenn die Sonne ins Zimmer schiene, würde die bei Gerd glatt unten rein und oben raus….

 

 

Der Aufprall der Sonnenmilchflasche ließ zwei entsetzte Gesichter in ein noch entsetzteres schauen. Wie von tausend Teufeln gehetzt rannte Kevin aus dem Hotel.

 

Gerd war soweit  Andy es beurteilen konnte, sackrattenfrei und machte sich gemeinsam mit ihm auf zum Strand. Die entsetzten Gesichter sagten, dass Kevin geplaudert hatte. Gerd zeigte seine rasierten Achseln und musste kleinlaut von seinen Haustieren berichten. Abends gingen sie den Strand hinunter und fanden sogar Gerds Schuh. Der war nicht zufrieden und ging weiter, weil er eine Vermutung hatte.

 

Die Matratze, auf der Gerd gelegen hatte, wimmelte vor Ungeziefer. Zu allem Überfluss erklärte ihm der Kellner später mit eindeutigen Handbewegungen, dass die Frau von gestern schmutzig sei und man sich bei ihr gewisse Tiere holen würde……zu spät für Gerd.

 

Selbstverständlich war absolutes Stillschweigen abgemacht…..wäre aber doch schade gewesen, wenn sie sich dran gehalten hätten…;-)

 

 

PS. Da ich grundsätzlich nur eigene Fotos verwende, musste ich auf die italienische Streifenwanze zurückgreifen. Die geht nicht an Menschen, ist aber hübscher und war im Gegensatz zu den anderen Tieren in meinem Archiv zu finden. Falls mir jemand Gelegenheit bieten kann, die Originaltiere passend zum Artikel…..also..Angebote ins PF, Danke! ;-)))