Hongkong `79...
Das Jahr des Anzugs...
Letzte Woche,… bei der Entsorgung meines Erinnerungsfundus, fiel mir auch ein Koffer
aus den 80er Jahren in die Hände.
Alte Geschäftsunterlagen und private Erinnerungsstücke, von denen man sich nie so richtig trennen konnte.
Unter Anderem,… auch mein erstes Flugticket nach Hongkong,… September 1979.
So im Rückblick…
Hongkong,… damals das Einkaufszentrum der ganzen Welt, hatte 3 239 548 Einwohner.
Davon verdienten sich 3 239 546 ihr Brot als Schneider ( grobe Schätzung).
Ich war mir bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst, wie wichtig es war, einen in Hongkong geschneiderten Anzug zu besitzen, bis mir nach dem Abflug aus Rangun
die Stewardess ein Polizeiformular in die Hand drückte.
Da musste man nicht nur seinen Namen, die Staatsangehörigkeit und die Passnummer
angeben, sondern auch, ob man einen einfachen Mittelschlitz oder einen doppelten Seitenschlitz in der Jacke vorziehe.
Ich füllte das Formular gewissenhaft aus und reichte es zurück.
Nach der Landung auf dem Flughafen von Hongkong passierte ich die Gesundheitsbehörde
und gelangte zum Zoll.
„ Haben sie etwas zu verzollen?“… wurde ich gefragt.
Ich zögerte zuerst, entschloss mich dann zu einem kleinen Scherz: „ Jawohl, meine linke Schulter ist etwas höher als die rechte.“
Der Zollbeamte nahm daraufhin ein Stück Kreide und machte ein paar Zeichen auf meinen Ärmel.
Der Bus-Chauffeur, der uns in die Stadt brachte, zeigte mir beim Stop vor einer Ampel
verschiedene Stoffmuster,… und ich wählte eins aus.
Während ich mich im Hotel anmeldete, hatte ich bereits meine erste Anprobe durch den
Portier, der meine weiteren Maße dem Zimmermädchen zurief.
Da ich den Stoff bereits im Bus ausgesucht hatte, erklärte mir der Angestellte vom Empfang,
ich könne mich ohne weitere Verzögerung in mein Zimmer begeben.
Im Lift war dann die zweite Anprobe,… und als ich dann mein Zimmer betrat, hing mein
Anzug bereits fix und fertig im Kleiderschrank.
Während meines Aufenthaltes in Hongkong, hatte ich eine Anprobe nach der anderen.
Ich brauchte wahrhaftig nicht so viele Anzüge. Da ich aber den einen gekauft hatte,
konnte ich nicht umhin, entsprechend dem Gesetz der Höflichkeit, auch die anderen zu
erwerben.
Als ich zum Beispiel am ersten Abend in einer Apotheke eine Zahnbürste kaufte, fragte
mich der Apotheker, wo mein neuer Anzug herstamme.
Ich antwortete, ich hätte ihn im Hotel gekauft.
Da schüttelte er mitleidig den Kopf: „ Die haben ihnen ja geschlitzte Ärmel mit Knöpfen
und Taschenklappen gemacht!!!“
„ Ist das schlimm?“ fragte ich verstört.
„ Gut,… ich bin kein Arzt, aber ich will mal sehen, ob da etwas zu machen ist.“
Er holte einen englischen Stoffballen mit Fischgrätenmuster aus einem seiner Medizinschränke und ließ mich in einer Modezeitschrift blättern, während er den Stoff
bereits zuschnitt.
In weniger als einer Stunde war der Anzug fertig.
Der Apotheker war dermaßen stolz auf seine Arbeit, dass er mir sagte:
„ Sie sehen in meinem Anzug glänzend aus.
Die schönsten Mädchen vom ´Princess Garden` werden ihnen zu Füßen liegen.“
Er gab mir die Adresse dieser Lokalität… und ich machte mich auf den Weg.
Der `Princess Garden` war damals ein berühmter Tanztempel mit Restaurant.
Mein neuer Anzug verfehlte seine Wirkung nicht.
Kaum hatte ich Platz genommen, als auch schon eine Frau, die aussah wie eine
Kombination aus Suzie Wong und Bai Ling, an meinen Tisch kam.
„ Du sein bildschöner deutscher Mann,“ sagte sie und nahm meine beiden Hände
in die ihrigen.
„ Wir jetzt ein wenig tanzen, ein bisschen essen und dann…
wir gehen in meine Wohnung.“
„ Mit dem größten Vergnügen.“ sagte ich sichtlich aufgeregt.
„ Keine Sorge,“ sagte sie „ ich dich sehr glücklich machen.“
Eine Stunde später waren wir vor ihrer Wohnung.
Sie öffnete die Türe, nahm mich bei der Hand und führte mich hinein.
Dann machte sie Licht….
In jeder Ecke des Zimmers saß ein Mitglied ihrer Familie an einer Nähmaschine.
Ihr Vater begann sofort damit,… meine Maße zu nehmen.
Ich schwöre,… so war es wirklich…
damals, im September `79 in Hongkong.
Einen dieser Anzüge werde ich bestimmt noch irgendwo finden,…
in den nächsten Tagen.
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